
Dubliner – James Joyce ★★★½☆ Jemand, der eine Stadt hasst und nicht von ihr loskommt, schreibt anders über sie als jemand, der sie liebt. Joyce hat Dublin 1904 verlassen und nie wieder dauerhaft dort gelebt. Dubliner hat er trotzdem geschrieben – oder vielleicht deshalb. Es wirkte auf mich wie ein langer, unruhiger Abschied. Die Geschichten wachsen im Verlauf des Bandes, werden schwerer, fordernder. Die ersten ziehen einen still hinein, fast unmerklich, wie man in eine fremde Stadt gerät und plötzlich merkt, dass man ihre Straßen kennt. Gegen Ende kommen sie einem nicht mehr entgegen. Ich habe mich gegen manche gestemmt, habe weitergelesen ohne Belohnung und irgendwann verstanden, dass das der Punkt ist. Joyce interessiert sich nicht für das, was passiert, sondern für das, was sich nicht traut zu passieren. Seine Figuren stehen an Schwellen – zur echten Verbindung, zur Liebe, zu sich selbst – und weichen zurück. Seine Figuren sind Menschen, die ihr Leben nicht wirklich leben, nicht weil ihnen die Gelegenheit fehlt, sondern der Mut. Mut zur echten Verbindung, Mut zur schweren Entscheidung. Mut, sich selbst anzusehen. Sie wählen das Vertraute, das Erträgliche, das Sichere. Und Joyce schaut ihnen dabei zu, ohne sie zu verurteilen – was fast schlimmer ist. Er versteht sie. Es scheint: er kennt dieses Gefühl. „Die Toten“, die letzte Geschichte, trägt alles in sich, was das Buch aufgebaut hat. Der Schnee, der am Ende über ganz Irland fällt, hat mich länger begleitet als so mancher Roman. Ich habe dieses Buch nicht immer gemocht. Aber es hat mich nicht losgelassen.









