Krasser Scheiss! Ich weiß noch nicht ob ich das Buch feiern oder verdammen soll. Ich bin SO SAUER auf die Protagonistin, gleichzeitig empfinde ich aber auch echt die ganze Zeit Mitgefühl mit ihr. Mega gut geschrieben, Sogwirkung pur.
4,5 Sterne Was für ein „krasser Scheiß“ ist denn bitte „Niemand ist bei den Kälbern“ von Alina Herbing??? Und „krasser Scheiß“ ist hier keinesfalls komplett negativ gemeint. Vermutlich muss man das Buch gelesen haben, um nachvollziehen zu können, wie ich das meine. Aber würde ich das Buch uneingeschränkt empfehlen? Eher nicht. Und wenn ich es doch empfehlen würde, wem würde ich da denken? Mir fallen vielen Lesefreundinnen ein, denen ich es auf keinen Fall empfehlen würde. Aber gibt es überhaupt jemanden, dem ich es jetzt mit meinem Wissen empfehlen würde. Ich weiß es nach wie vor nicht. Auf jeden Fall darf man nicht zartbesaitet sein oder sich von körperlicher Gewalt und (unötiger) Grausamkeit (u.a. auch gegenüber Tieren) triggern lassen. Ich weiß auch knapp ein halbes Jahr nachdem ich das Buch beendet habe immer noch nicht, ob ich es feiern oder verdammen soll. Ich bin nach wie vor SO SAUER auf die Protagonistin und eigentlich hätte ich das Buch nach einer bestimmten Szene (ca. 30 Seiten vor Schluss) abbrechen MÜSSEN, denn was sie da tut, ist absolut NICHT AKZEPTABEL oder gar verständlich. Trotzdem habe ich das komplette Buch über ein gewissen Maß an Mitleid mit ihr empfunden– ob sie das verdient hat, wohl eher nicht. Denn auch die Protagonistin hätte ein anderes Leben führen können, wenn sie sich die wenigen Gehirnzellen nicht kaputt gesoffen und ein klitzekleines bisschen Selbstwertgefühl gehabt hätte. Auf jeden Fall ist das Buch grandios gut geschrieben auch wenn die Sprache keineswegs extrem literarisch „hochwertig“ oder schön war. Viel eher war sie knallhart und echt. Und dieses Buch war definitiv nicht das, was ich gebraucht habe, als ich die Buchhändlerin meines Vertrauens nach einem „Wohlfühlbuch mit Tiefgang“ oder aber nach einem Buch wie „Mühlensommer“ von Martina Bogdahn gefragt habe. Meine Buchhändlerin hat mich zwar vorgewarnt, dass das Buch zwar auf dem Land in Mecklenburg Vorpommern spielt, aber sie hat auch gesagt, dass dieses Buch „anders“ ist, als alles was man bislang in Sachen Dorf-Roman gelesen hat. Hier bekommt man definitiv keine Dorfidylle und schon gar keine Wohlfühlmomente, aber die Sogwirkung war dennoch von Anfang an da. Das Buch weckt nach wie vor extreme Gefühle in mir, sowie daran denke und das ist ein Zeichen für mich, dass die Autorin hier echt so gut wie alles verdammt gut gemacht hat. Sie geht nicht an die Grenzen, sie geht über Grenzen hinaus und das muss man auch als Leser*in aushalten können. Ob ich das Buch gelesen hätte, wenn ich gewusst hätte, was genau passiert? Sicherlich nicht. Das war ein Buch so komplett aus meiner Comfort-Zone heraus und bei dem ich extremen Gesprächsbedarf hatte während des Lesens und immer noch habe. Krasser, extrem unbequemer aber ganz besonderer „Scheiß!“ Ein großes Dankeschön an meine Buchhändlerin, ohne die ich dieses Buch vermutlich nie entdeckt, diese besondere Leseerfahrung nie gemacht hätte.




