
Die flämische Autorin Patricia Jozef erzählt mit ihrem Roman „Gentlemen“ eine ebenso provokante wie feinfühlige Geschichte über Begehren, Partnerschaft und die Suche nach emotionaler Nähe. Der Roman verbindet eine persönliche Entwicklungsgeschichte mit gesellschaftlichen Fragen über Sexualität, Rollenbilder und Erwartungen. Im Mittelpunkt steht Marieke, die seit ihrer Jugend mit Vik zusammen ist. Die beiden haben sich ein stabiles Leben aufgebaut: zwei Töchter, ein gemeinsamer Alltag und eine tiefe Vertrautheit. Doch die körperliche Intimität ist längst verschwunden. Während Vik scheinbar jedes Interesse an Sex verloren hat, leidet Marieke zunehmend unter der fehlenden Leidenschaft. Der Umzug aufs Land soll einen Neuanfang ermöglichen – doch statt neuer Nähe wächst vor allem Mariekes Gefühl der Isolation. Aus dieser Einsamkeit heraus beginnt sie, heimlich Onlineanzeigen zu durchsuchen und schließlich einen Mann für Sex zu bezahlen. Die Begegnungen verlaufen zunächst enttäuschend, bis sie Rocco beziehungsweise John kennenlernt – einen Sexarbeiter, mit dem sie ihre eigene Lust wiederentdeckt. Was als rein geschäftliche Vereinbarung beginnt, entwickelt sich jedoch bald zu einer emotional komplexen Beziehung, in der die Grenzen zwischen Bedürfnis, Begehren und echten Gefühlen verschwimmen. Jozef gelingt es, dieses heikle Thema mit überraschender Leichtigkeit und zugleich großer psychologischer Tiefe zu erzählen. Der Roman ist weder skandalorientiert noch moralisierend. Stattdessen zeichnet die Autorin ein vielschichtiges Bild einer Frau, die versucht herauszufinden, was sie wirklich braucht. Besonders interessant ist dabei die Umkehr klassischer Rollenbilder: Statt der oft erzählten Geschichte männlicher Untreue rückt hier weibliches Begehren in den Mittelpunkt. Gleichzeitig hinterfragt der Roman gängige Vorstellungen von Sexualität, Treue und Rollenbildern in Beziehungen. Stilistisch überzeugt das Buch durch einen humorvollen, zugänglichen Ton und präzise Beobachtungen des Alltagslebens. Mariekes Gedanken und Unsicherheiten wirken authentisch, wodurch sich Leserinnen und Leser leicht in ihre Lage hineinversetzen können. Die Autorin beschreibt Mariekes innere Konflikte – zwischen Loyalität, Sehnsucht und Schuldgefühl – sehr glaubwürdig. Dabei vermeidet sie einfache moralische Urteile und lässt Raum für Ambivalenz. Besonders stark ist das Buch dort, wo es die universelle Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Begehrtwerden sichtbar macht. Die zentrale Erkenntnis des Romans klingt in einem der prägnantesten Sätze an: Man kann vieles im Leben allein tun – aber um begehrt zu werden, braucht es einen anderen Menschen. „Gentlemen“ ist damit weit mehr als eine Geschichte über sexuelles Erwachen. Es ist ein nachdenklicher Roman über Nähe, Einsamkeit und die Suche nach emotionaler und körperlicher Erfüllung – erzählt mit Feingefühl, Humor und einem Gespür für die Ambivalenzen moderner Beziehungen. Eine Geschichte, die sowohl unterhält als auch zum Nachdenken über Liebe, Sexualität und gesellschaftliche Erwartungen anregt. Aus dem Niederländischen von Dania Schüürmann.














