5. März
Wie Geschwisterdynamik funktioniert
Rating:5

Wie Geschwisterdynamik funktioniert

Anne ist Anfang 30 und Pharmareferentin. Ihre Karriere geht steil & sie scheint ihr Leben im Griff zu haben. Schmerzmittel, insbesondere starke Opioide wie Fentanylpflaster sind ihre Expertise. Ihre Kindheit hat daraus bestanden, gemeinsam mit ihrem Bruder Kai deren schwer kranke Mutter zu pflegen, die an einer degenerativen Krankheit litt. Da diese jegliche Hilfe von außen ablehnte, mussten die Geschwister viel zu früh in eine verantwortungsvolle, nicht altersgerechte Rolle schlüpfen. Annes & auch Kais von der Krankheit der Mutter geprägte damalige Kindheit forderte ihren Tribut, denn wo die beiden damals ein inniges Verhältnis zueinander hatten, besteht heute nicht mal mehr Kontakt zwischen ihnen! Anne befindet sich auf einer wichtigen Tagung, um der Firma ihr neues Projekt vorzustellen, als sie unverhofft nach all den Jahren Funkstille mehrere Anrufe von Kai erhält: Ob sie ihn aus einer Entzugsklinik abholen könnte. Widerwillig stimmt sie zu. Warum ist ausgerechnet sie seine einzige Option? Weshalb hat Kai sie damals verlassen & mit Mutter allein zurück gelassen? Eigentlich hat Anne keinerlei Ambitionen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Doch wenn man zu zweit mit unausgesprochenen Wahrheiten in einem Auto feststeckt, kann man vor drängender Kommunikation nicht so leicht fliehen. ✨ So ein tiefgründiger, einfühlsamer Roman über Familie, Verantwortung & die Folgen schwieriger Kindheitserfahrungen. Nicht nur die Thematiken wurden sehr realistisch dargestellt. Ebenso Anne & Kai sowie auch ihre Mutter. Annes Rationalität, die für mich stellenweise sehr humorvoll rüberkam, hat mich in ihren Bann gezogen. Aber auch Kai als Figur des großen Bruders mit seiner Vorbildfunktion & Empathie. Der Schreibstil ist sehr flüssig, ruhig, zugleich mitreißend. Auf übertriebene Dramatik schafft die Autorin zu verzichten. Geliebt habe ich den Wechsel zwischen Vergangenheit & Gegenwart, durch den die seelischen Hintergründe der Figuren nach & nach sichtbar wurden. Die größte Stärke des Buches lag für mich in seiner psychologischen Tiefe. Die Autorin zeigt auf, wie unterschiedlich Menschen auf Belastungen reagieren können & wie schwer es sein kann, alte Wunden überhaupt zu erkennen oder gar aufzuarbeiten. Eine emotionale, fesselnde Story, die zum Nachdenken über Schuld & Vergebung zwischen Geschwistern anregt & die ich nie wieder vergessen werde!💚💯

Die erste halbe Stunde im Paradies
Die erste halbe Stunde im Paradiesby Janine AdomeitArche Literatur Verlag AG
18. Okt.
Sensibles Thema - unsensibel behandelt
Rating:2

Sensibles Thema - unsensibel behandelt

Theoretisch ein wichtiges und relevantes Thema. Leider wirkt die Darstellung der Krankheit (ich möchte nicht spoilern) in diesem Roman oberflächlich und wenig differenziert. Es scheint, als hätte sich die Autorin nicht wirklich mit der Krankheit auseinandergesetzt, sondern sie nur als Mittel zum Zweck genutzt. Auch wenn es hier vor allem um die Angehörigen gehen soll, gehört ein wenig mehr Tiefe bei einem solchen Thema doch dazu. Im Rahmen dieser oberflächlichen Beschreibung wird ein extrem dramatischer Krankheitsverlauf geschildert, sodass ein Hinweis für Betroffene vorab wünschenswert wäre. Beim Kauf ist nicht ersichtlich, dass es inhaltlich um diese Krankheit geht – ich hätte gern selbst entscheiden können, ob ich mich damit in dieser Form konfrontieren möchte.

Die erste halbe Stunde im Paradies
Die erste halbe Stunde im Paradiesby Janine AdomeitArche Literatur Verlag AG
24. Aug.
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Rating:5

Was meinst du, wie war die erste halbe Stunde im Paradies? Und was wäre wenn die erste halbe Stunde richtig gut war, der Rest aber nicht? Ist der Rest dann doppelt so schlimm, weil man das Gute kennt? Diese und viele weitere Fragen habe ich mir beim Lesen des Romans von Janine Adomeit (passenderweise aus dem Arche-Verlag) gestellt. Gleichzeitig werden die Themen pflegende Kinder, die Vor- und Nachteile von Schmerzmitteln aber vor allem eine sehr besondere Geschwisterbeziehung beschrieben. Die Fähigkeit der Autorin eine aus meiner Sicht harte Lebensrealität dennoch leichtfüßig und mit Wärme zu erzählen ist mir zuletzt bei den Romanen „Achtzehnter Stock“ und „22 Bahnen“ begegnet und konnte mich auch hier wieder sehr begeistern und einnehmen.

Die erste halbe Stunde im Paradies
Die erste halbe Stunde im Paradiesby Janine AdomeitArche Literatur Verlag AG
10. Mai
Rating:4.5

Anne ist Pharmavertreterin und will einen Vortrag über Fentanyl auf einer Veranstaltung ihres Arbeitgebers halten, als sie einen Anruf von Kai erhält. Ihrem älteren Bruder, mit dem sie sich früher gemeinsam um die chronisch kranke Mutter gekümmert hat, zu dem sie seit Jahren jedoch keinerlei Kontakt mehr hat und der sie jetzt bittet ihn nach einem Entzug abzuholen. Berührende Geschichte, die mit chronischer Krankheit, familarer Pflege, Armut, Scham und Sucht so viele große Themen betrifft. Einziges „Manko": Mir kam das Ende etwas zu früh, zu abrupt. Ich hatte Anne und Kai gerne noch weiter begleitet.

Die erste halbe Stunde im Paradies
Die erste halbe Stunde im Paradiesby Janine AdomeitArche Literatur Verlag AG
7. Mai
Rating:4

Care-Arbeit, chronische Erkrankung und Opioidsucht - literarisch aufgearbeitet, großartig! 👏🤩

„Die erste halbe Stunde im Paradies“ hat mich als Medizinerin thematisch geradezu magisch angezogen, denn Suchtthematiken, gerade wenn sie literarisch verarbeitet sind, finde ich besonders spannend. Ich möchte die Rezi mit einem Zitat beginnen, das glaube ich der Grund ist, warum uns von dem Buchcover ein Gürteltier entgegenblickt. „Da verstand ich endlich, was mich seit der Kindheit gequält hatte: die unerträgliche Gleichzeitigkeit unvereinbarer Gefühle. Das Dilemma, etwas nur zusammen mit seinem direkten Gegenteil empfinden zu können und daher nie zu wissen, wonach ich handeln sollte. Mir selbst nicht trauen zu können. Mag sein, dass der Panzer, der mich heute umgibt, sich aus der Not heraus gebildet hat. Doch irgendwann war es keine Not mehr, sondern eine bewusste Entscheidung, ihn zu behalten und mit jedem Jahr dicker werden zu lassen, dick und stark wie die Platten eines Gürteltiers.“ Autorin Janine Adomeit wechselt zwischen zwei Zeitebenen, die zum einen die Gegenwart des Geschwisterpaars Anne und Kai in ihrem Erwachsenenleben abbildet und zum anderen die Vergangenheit, also ihre Kindheit. Anne arbeitet erfolgreich als Pharmareferentin, wohingegen Kai gerade einen Drogenentzug aufgrund einer Fentanylsucht (ein Opioid) hinter sich hat. Ironischerweise bereitet Anne gerade einen Vortrag über opioidbasierte Schnerzbehandlung vor (und wird dazu angehalten, doch bitte nicht über die Gefahren einer solchen Therapie zu referieren). Schon früh wurden die beiden mit der Härte des Lebens konfrontiert, als bei ihrer alleinerziehenden Mutter eine schwere, chronische Erkrankung diagnostiziert wurde (Anne war 10 und Kai 17). Die Autorin benennt die Krankheit zwar nicht explizit, aber mir war schnell klar, dass es sich um Multiple Sklerose handelt (kurze medizinische Erklärung dazu, für alle, die es genauer wissen möchten: MS wird auch als die Krankheit mit den tausend Gesichtern bezeichnet, denn die Vielgestaltigkeit der Symptome ist enorm - es beginnt oft mit Sehstörungen, aber auch Lähmungen, Probleme beim Laufen oder extreme Erschöpfungszustände zählen ins Repertoire der Erkrankung, uvm. Es handelt sich um eine in Schüben verlaufende, chronische Erkrankung des Zentralnervensystems). Die beiden Kinder übernehmen fortan die Pflege ihrer Mutter, denn sie möchte lieber auf Hilfe von außen verzichten, da sie die Angst hegt, dass ihre Kinder sonst in Obhut genommen werden könnten. Die Krankheit der Mutter nimmt einen schweren Verlauf und das Geschwisterpaar struggelt zunehmend mit der Versorgung ihrer Mutter, nicht nur körperlich wird es immer schwieriger die täglichen Routinen zu stemmen, sondern auch psychisch. Kann eine Familie eine solche Last tragen oder zerbricht sie letztlich an den Herausforderungen und der großen Verantwortung, der die beiden Geschwister ausgesetzt sind?! Ihr könnt Euch die Antwort wahrscheinlich schon denken, denn nicht umsonst befindet sich Kai in der Gegenwarts-Erzählebene am Ende eines Drogenentzugs. „Aber die erste halbe Stunde im Paradies - die Zeitspanne, in der niemand etwas von einem will oder braucht und man selbst auch von niemandem etwas will oder braucht und daher nichts wehtun kann -, diese erste halbe Stunde stelle ich mir vor wie Glück.“ Die verhandelten Themen des Romans wie Opioidsucht, innerfamiliäre Konflikte, Care-Arbeit und Vergebung mochte ich sehr. Besonders gut gefallen hat mir die psychologische Darstellung der inneren Konflikte der Figur Anne. Doch leider fehlte mir genau dies bei Kai - ich hätte gerne mehr über seine Motive zum Drogenkonsum gelesen und wie genau es dazu kam. Auch ist der Verlauf der Multiple Sklerose Erkrankung der Mutter ein besonders schwerer (was natürlich möglich ist) - doch ich hätte es geschätzt, wenn die Autorin in irgendeiner Form nochmal darauf eingegangen wäre, da es das Bild der Erkrankung sehr einseitig abbildet und möglicherweise Menschen, die es medizinisch nicht richtig einzuordnen wissen, die Erkrankung in einer Art und Weise wahrnehmen könnten, die nicht der Norm bezüglich der Schwere des Verlaufs entspricht. Das ist aber Meckern auf hohem Niveau, denn Janine Adomeit hat einen überaus lesenswerten Roman verfasst, der mich emotional sehr mitgerissen hat, nicht ohne ein schelmisches Augenzwinkern an manchen Stellen, denn die Autorin hat einen feinfühligen Sinn für Humor. Trotz den dargestellten Schicksalen und dem Leid der Figuren, empfand ich das Buch auch als tröstlich, denn ich habe mich an der einen oder anderen Stelle selbst wieder gefunden, verstanden und gesehen gefühlt - danke dafür, Janine Adomeit! Fazit: Großartig, kann Euch die Lektüre nur wärmstens empfehlen!

Die erste halbe Stunde im Paradies
Die erste halbe Stunde im Paradiesby Janine AdomeitArche Literatur Verlag AG
26. Apr.
Ein tiefgründige Geschichte über Kindheit die das weitere Leben beeinflusst.
Rating:3.5

Ein tiefgründige Geschichte über Kindheit die das weitere Leben beeinflusst.

Inhalt: Anne will in ihrem Beruf aufsteigen, durch eine Präsentation könnte sie das auch schaffen, doch dann meldet sich ihr Bruder. Mit diesem hatte sie schon Jahre lang keinen Kontakt und jetzt soll sie ihn aus der Entzugsklinik abholen. Durch den Anruf beginnt Anne an ihre Kindheit zu denken und an ihre kranke Mutter. Schreibstil: Ich kam sehr schlecht in die Geschichte hinein. Doch als die Sicht aus Annes Kindheit kamen, kam ich besser mit der Geschichte klar. Die Gegenwart war für mich leider nicht so intressant. Das Ende mochte ich und ich fand auch sehr gut gelungen. Es wurde auch nach und nach emotional. Protagonistin: Ich fand Anne am Anfang sehr kühl und ich habe keine wirkliche Beziehung aufbauen können. Durch die Sicht der Vergangenheit wurde das aber gut geklärt. Sie hat sich und ihr Leben danach reflektiert und das fand ich toll. Ich habe nachdem ich das Buch beendet habe auch Annes Taten und Gedanken besser nachvollziehen können. Fazit: Ich mochte das Buch und ich habe es auch gerne gelesen. Die Gegenwart war für mich nicht eher langatmig, doch die Sicht aus der Kinder Sicht fand ich toll gelungen. Von mir eine Leseempfehlung.

Die erste halbe Stunde im Paradies
Die erste halbe Stunde im Paradiesby Janine AdomeitArche Literatur Verlag AG
14. März
Rating:4.5

Was sagt uns der Schmerz?

Anne und Kai, Geschwister die seit Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben. Als Kai sich dann aus heiterem Himmel bei ihr meldet und um Hilfe bittet, reißen nicht nur alte Wunden wieder auf, sondern mit ihnen auch der Schmerz der Vergangenheit. Dieser wundervolle und emotionale Roman behandelt sehr komplex das Thema des Schmerzes. Nicht nur den Schmerz über Trauer und Verlust, sondern auch den, die eine Sucht und eine chronische Erkrankung mit sich bringt. In Rückblenden verstehen wir von Kapitel zu Kapitel mehr, wie es zum Bruch der Geschwister kam und wie ausschlaggebend dabei die MS- Erkrankung der Mutter war. Besonders dieser Aspekt ist für mich herausragend ausgearbeitet: die Liebe der kleinen Familie zueinander. Die Mutter, die sich hingebungsvoll um ihre zwei Kinder kümmert, die Kinder, die sich plötzlich um ihre Mutter kümmern müssen und die Last, die die Pflege eines Familienangehörigen mit sich bringt. Der Roman zeigt, wie plötzlich zwei Kinder das Gewicht der Verantwortung auf ihren noch viel zu jungen Schulter tragen und daran auf die ein oder andere Weise selbst zu zerbrechen drohen. Was beide gemeinsam haben, ist dabei den Panzer, den sie sich zulegen. Ein Panzer so dick und stark wie die Knochenplatten eines Gürteltiers. Die Perfektion des Romans liegt für mich dann auch in den Nebenthemen, die so passend das Gesamtbild abrunden: der Einblick in die Pharmaindustrie, der Frage über die richtigen Herangehensweise einer Schmerztherapie und des ethischen Konflikts, ob nicht Medikament viel zu schnell in viel zu hoher Intensität verschrieben werden. Wichtige gesellschaftliche Themen, die uns alle auf die ein oder andere Weise betreffen. Die Emotionen, die dieser Roman auslöst, die Fragen die er aufwirft, die klingen in meinem Kopf nach, wie die Opern, die ihn durchziehen und werden mich noch lange an ihn denken lassen.

Die erste halbe Stunde im Paradies
Die erste halbe Stunde im Paradiesby Janine AdomeitArche Literatur Verlag AG
9. März
Rating:5

Ich liebe es, Familiengeschichten zu lesen. Vor allem solche, in denen es emotional etwas tiefer hineingeht und Themen behandelt werden, über die keiner redet. Kinder, die ihre Eltern pflegen müssen, die eigentlich selbst noch betreut werden sollten. Die Scham eines kranken Menschen, der seine Unabhängigkeit verliert und dadurch manche irrationale Entscheidungen trifft. Es geht um die die Halbgeschwister Kai und Anne, die vor 20 Jahren noch ein sehr enges und inniges Verhältnis zueinander hatten. Sie lebten mit ihrer Mutter, einer Sängerin, ein sehr harmonisches und glückliches Leben. Bis ihre Mutter an einer Nervenkrankheit erkrankt und die Geschwister der Mutter im Alltag unterstützen und pflegen müssen. 20 Jahre später befindet sich Anne auf einer Tagung des Pharmakonzerns P&H. Sie ist Anfang 30, sehr reserviert, erfolgreiche Pharmareferentin und möchte einen Vortrag über das Schmerzmittel Fentanyl halten. Als sie plötzlich einen Anruf von Kai erhält, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt hat. Kai bittet sie, ihn von der Entzugsklinik abzuholen. Ich bin begeistert von der Art, wie Janine Adomeit diese Geschichte erzählt hat. Voller Spannung bin ich von Kapitel zu Kapitel geflogen. Da jedes Kapitel die Erzählebene wechselt, enden die Kapitel sozusagen immer mit einem „Cliffhanger“. Auf der einen Ebene haben wir die Perspektive der heutigen Anne. Eine fokussierte, etwas kühl wirkende und distanzierte Person. Von Anfang an hab ich gespürt, dass sie sich einen Schutzpanzer zugelegt hat. Und auf der zweiten Ebene erleben wir die Rückblicke von Anne und wie es zu diesem Schutzpanzer kam. Ich erlebe, wie traumatisch es für ein 11-jähriges Kind ist, die eigene Mutter pflegen zu müssen. Wie viel Kindheit dabei verloren geht und wie viel ambivalente Gefühle gegenüber der Mutter aufkommen. Auch wie unerträglich die Unfreiheit für einen Jugendlichen wie Kai sein muss, der an der Schwelle zum Erwachsensein ist, eigentlich sein Leben genießen möchte und gezwungen ist, seine Mutter zu versorgen. Wie beide ihr Trauma noch als Erwachsenen mit sich tragen. Und ich konnte auch die Machtlosigkeit der Mutter nachempfinden, da sie ihr intensives Leben gegen ein abhängiges und nicht selbstbestimmtes eintauschen musst. Und trotzdem hab ich auch oft Wut gegenüber ihr empfunden, da ich einige Entscheidungen einfach nicht begreifen konnte. Trotz hartem und sensiblem Themen hat Janine Adomeit die Geschichte in unauffälliger, klarer und deutlicher Sprache erzählt, hier und da auch amüsant. Auch wenn die Sprache einfach ist, hat sie in mir viele Gefühle hervorgerufen. Verständnis und Unverständnis für alle Figuren. Ich fand auch den Einblick in die Pharmaindustrie sehr interessant und das die Gefahren von Schmerzmittel und möglichen Abhängigkeiten thematisiert wurden. Für mich definitiv ein Highlight. S.156 „Die Idee von Freiheit war mir selbst in diesem Zusammenhang noch nie gekommen. Es hätte ja im Umkehrschluss bedeutet, dass wir nicht frei waren, solange unsere Mutter uns bauchte. Wir waren aber doch keine Gefangenen. Oder kam es ihm so vor?“ S.195 „Fakt ist, es gibt nur eine einzige Realität, in der wir alle leben; gleichzeitig sind unsere Erfahrungen so unterschiedlich, dass es genauso gut unendlich viele Realitäten sein könnten. Dass alles objektiv messbar, aber nichts objektiv bewertbar ist, muss so was wie die Urtragödie menschlichen Empfindens sein.“ S.250 „Mag sein, dass der Panzer, der mich heute umgibt, sich aus dieser Not heraus gebildet hat. Doch irgendwann war es keine Not mehr, sondern eine bewusste Entscheidung, ihn zu behalten und mit jedem Jahr dicker werden zu lassen, dick und stark wie die Knochenplatten eines Gürteltiers.“

Die erste halbe Stunde im Paradies
Die erste halbe Stunde im Paradiesby Janine AdomeitArche Literatur Verlag AG
12. Feb.
Rating:4

Wer Familiengeschichten mit ernsthafter, realer Thematik mag kommt hier auf seine Kosten.

"Wir können Mamas Leben leichter machen, aber an ihrer Krankheit können wir nichts ändern. Nie mehr." [S. 100] Dieses Buch hat mich bereits im Vorfeld sehr angesprochen, schien es doch die Themen zu bedienen, auf die ich immer direkt anspringe. Pflege und zwischenmenschliche Beziehungen. Es geht um die Geschwister Anne und Kai, deren alleinerziehende Mutter an einer unheilbaren Nervenkrankheit leidet und die versuchen, ein für ihr soziales Umfeld, weiterhin normales Leben zu leben, während die Alltagssituation durch den fortschreitenden gesundheitlichen Abbau der Mutter zuhause immer schwieriger wird. Dass ihre Mutter keine Unterstützung von außen annehmen will macht ihr Leben nicht einfacher. Dann entschließt sich Kai zu einer Auszeit und lässt Mutter und Schwester im Stich. Nun steht die 11-jährige Anne alleine vor der, für ein Kind eigentlich unzumutbaren und untragbaren Pflegesituation, die in einer Katastrophe endet. ... Nach Jahren kommt es zu einer Aussprache der mittlerweile erwachsenen Geschwister und nach und nach erfährt man als Leser*in von der Resignation und Hoffnungslosigkeit, sowie Überforderung bei der Übernahme der Pflege der Mutter durch ihre Kinder. In Rückblenden wird geschildert, wie der Zustand der Mutter sich rapide verschlechtert und welche Konsequenzen das hat. Diese Schilderungen finde ich in Gänze sehr gelungen, wogegen die Darstellung der Gegenwartssituation für mich im Kontrast deutlich schlechter abschneidet. Raffiniert finde ich den Kontrast zwischen Anne und Kai dargestellt. Während Anne sachlich und fachlich agiert und Medikamente und deren Wirkung in ihrem Job als Pharmavertretetin analysiert, konsumiert Kai und gelangt in eine Abhängigkeit. Zwei Extreme, die am Ende nicht zusammenfinden, aber doch irgendwie zueinander gehören. Wer Familiengeschichten mit ernsthafter, realer Thematik mag kommt hier auf seine Kosten.

Die erste halbe Stunde im Paradies
Die erste halbe Stunde im Paradiesby Janine AdomeitArche Literatur Verlag AG
12. Feb.
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Rating:5

„Er ist einmal alles für mich gewesen - alles, worauf ich mich verlassen und woran ich glauben konnte. Für mich hat er die ganze Welt zusammengehalten. Und dann ist er aus ihr herausgefallen und auf einem fremden Planeten gelandet, während ich zurückgeblieben bin.“ (S.111) DIE ERSTE HALBE STUNDE IM PARADIES Janine Adomeit Vor 20 Jahren: Anne und Kai sind Geschwister - eng verbunden, obwohl fast sieben Jahre Altersunterschied zwischen ihnen liegen und sie eigentlich nur Halbgeschwister sind. Gemeinsam kümmern sie sich um ihre chronisch kranke Mutter. Während die elfjährige Anne einkauft, kocht und wäscht, übernimmt der ältere Kai die offiziellen Wege und begleitet die Mutter zum Arzt. Anne soll im Hintergrund bleiben, denn die Angst ist groß, dass das Jugendamt sie entdeckt und aus der Familie reißt. Doch die Situation spitzt sich immer weiter zu. Die Mutter wird zum Pflegefall, kann sich kaum noch allein bewegen, und die Last auf den Schultern der Kinder wächst ins Unerträgliche. Heute: Anne ist Pharmareferentin, alleinstehend, bewusst kinderlos und hat seit Langem keinen Kontakt mehr zu ihrem Bruder Kai. Beruflich könnte es nicht besser laufen: Sie arbeitet für das große US-Phamaunternehmen P&H im Bereich Schmerzmittel. Ihre Aufgabe ist es, das umstrittene Schmerzpflaster Fentanyl auf dem norddeutschen Markt einzuführen - möglichst ohne die stark abhängig machende Nebenwirkung zu erwähnen. Gerade befindet sie sich auf einer großen Tagung des Unternehmens, wo sie einen Vortrag halten soll, als ihr Bruder anruft und sie bittet, ihn aus einer Drogenentzugsklinik auf Pellworm abzuholen. Janine Adomeit zeichnet auf zwei Zeitebenen ein eindringliches Porträt zweier Geschwister, die viel zu früh Verantwortung übernehmen mussten - überfordert, ohne Kindheit, ohne Jugend. Die Art und Weise, wie beide ihre Traumata auf ganz unterschiedliche Weise verarbeiten, hat mich tief bewegt. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, mich in die kühle Anne hineinzuversetzen, doch nach wenigen Kapiteln ließ mich das Buch nicht mehr los. Ich habe es in nur zwei Tagen verschlungen. Eine klare Leseempfehlung! 5/5

Die erste halbe Stunde im Paradies
Die erste halbe Stunde im Paradiesby Janine AdomeitArche Literatur Verlag AG
10. Feb.
Rating:5

Eine Geschichte, die große Emotionen hervorruft

Ich gehöre ja eher zu den Menschen, die ihre Gefühle ziemlich offen legen. Das Herz auf der Zunge hilft mir meistens große Krisen zu überstehen. In diesem Buch jedoch begegnen wir Menschen, die ihre Gefühle unter einem dicken Panzer verstecken. Was das mit einem macht, arbeitet die Autorin eindrucksvoll heraus. Annes Mutter ist schwer krank, die ehemalige Sängerin leidet unter Immobilität, begleitet von Zittern und Stürzen, und ihr Zustand wird von Woche zu Woche schlechter. Sie bräuchte eigentlich externe Unterstützung, doch die verweigert sie und schwört ihre Kinder darauf ein, dicht zu halten. Die 11jährige und ihr 17jähriger Bruder Kai tun alles, um ihre Mutter zu unterstützen. Das bringt beide nicht nur einmal an ihre Grenzen. Die ehemals lebenslustige Mutter wird von beiden so sehr geliebt, und doch macht sie ihnen das Leben nicht gerade leicht. Sie appelliert an das Verantwortungsgefühl und beschwört den Zusammenhalt der Familie. Zu groß ist ihre Sorge, dass ihr die junge Tochter weggenommen wird. Also landen alle 3 in einer Überforderung, die sie nicht zu bewältigen wissen und klammern sich an eine Hoffnung, die es eigentlich gar nicht mehr gibt. Obwohl mein Mitgefühl für die Mutter sehr groß war, spürte ich gleichzeitig doch eine riesige Wut auf sie. Das, was sie ihren Kindern zugemutet hat, werden beide ein Leben lang ausbaden müssen. Sie wirkte auf mich, bisweilen wie ein großes Kind, geprägt, von dem Willen sich Autonomie zu erhalten, und der Sturheit, das alleine zu schaffen. Sie betont des Öfteren, dass sie ja noch keine Hilfe braucht, und fordert sie im nächsten Moment von ihren Kindern ein. Die Dynamik zwischen Bruder und Schwester hingegen fand ich sehr berührend. Die beiden brauchen sich sehr und unterstützen sich bedingungslos. Umso trauriger, dass sie doch auseinander driften. Denn auf einer zweiten Zeitebene erleben wir wie Anne , eine erfolgreiche Pharmareferentin, an ihrer Karriere feilt. Um ihre Verletzlichkeit nicht an die Oberfläche kommen zu lassen nter nimmt sie drastische Maßnahmen, die nur ein Ziel verfolgen: ihre Gefühle nicht Oberhand gewinnen zu lassen. Doch dann meldet sich ihr Bruder bei ihr, zu dem sie viele Jahre keinen Kontakt mehr hatte. Was zwischen den beiden vorgefallen ist, müsst ihr selber lesen. Janine Adomeit hat es geschafft realistisch darzustellen, wie eine glückliche Familie durch eine chronische Krankheit gepaart mit Gründen wie Scham, Unwissenheit und falschem Stolz, untergeht. Somit spielt sich hinter verschlossenen Türen ein Alltagsdrama ab, von dem ich befürchte, dass es so oder ähnlich wirklich vorkommt. Alle 3 Hauptfiguren sind sehr gut gezeichnet und mir, jede auf ihre Art, ans Herz gewachsen. Der Roman hat große Emotionen bei mir hervorgerufen, für mich immer ein wichtiges Kriterium für ein Highlight. Ich hab mit dem fast erwachsenen Kai gelitten, der so gerne alles schaffen will und unter der Belastung zu zerbrechen droht. Ich hätte Anne gerne in die Arme genommen, die so gerne groß sein möchte und dabei so viel Kraft aufbringen muss, es allen recht zu machen. Und ich hätte die Mutter gerne umarmt und gleichzeitig geschüttelt, um ihr deutlich zu machen, dass ihre Sorge um die Kinder eigentlich nur fehlgeleiteter Egoismus ist. Dabei hat mich besonders begeistert, wie Adomeit es geschafft hat mir das manchmal zweifelhafte Handeln der Personen glaubhaft zu vermitteln. Das fehlt mir in ähnlichen Geschichten, wie z.B. „22 Bahnen“, wo die prekäre Situation nicht authentisch vor der Öffentlichkeit verschleiert wurde. In diesem Roman konnte ich es nachfühlen und mir vorstellen, dass genau so Parentifizerung stattfindet. Das Einfordern von Fürsorge bis hin zur Selbstaufgabe gibt es auch in anderen Konstellationen häufiger. Auch die kleinen Nebenschauplätze, die immer direkt mit der Handlung verknüpft sind, waren interessant erzählt. Wunderbare Einsprenksel waren die Vermerke auf klassische Musikstücke, die ein Bindeglied zwischen den Hauptfiguren ist und aus der kranken Mutter eine leidenschaftliche Person machen. Überhaupt ist der Plot fesselnd und ich bin nur so durch die Seiten geflogen. Es ist mir schwer gefallen von den Figuren Abschied zu nehmen und ich würde so gerne wissen, wie es mit Anne und Kai weitergeht. Eine große Leseempfehlung, für alle die spannend erzählte Geschichten über Menschen mögen, die theoretisch in unserer Nachbarschaft leben könnten. Für mich auf jeden Fall ein Jahreshighlight!

Die erste halbe Stunde im Paradies
Die erste halbe Stunde im Paradiesby Janine AdomeitArche Literatur Verlag AG