6. Feb.
Eine Identitätssuche ohne grossen Spannungsbogen
Rating:2

Eine Identitätssuche ohne grossen Spannungsbogen

In Tabak und Schokolade begibt sich der Schweizer Autor Martin R. Dean auf eine sehr persönliche Spurensuche. Als Kind einer Schweizer Mutter und eines indischen Vaters, das seine frühen Jahre in Trinidad verbracht hat, erzählt er von seiner Herkunft zwischen drei Welten: Schweiz, Trinidad und Indien. Das Buch ist weniger ein klassischer Roman als eine autobiografisch geprägte Annäherung an die eigene Geschichte und Identität. Im Zentrum stehen vor allem Deans Kindheitserinnerungen und später seine Recherchen zu Familienangehörigen, zu denen der Kontakt abgebrochen ist. Er rekonstruiert Lebenswege, fragt nach den Gründen für Entfremdung und Distanz und versucht, die verstreuten Teile seiner Biografie zu einem Ganzen zu fügen. Immer wieder kehrt er zu der Frage zurück, wo er eigentlich hingehört – geografisch, kulturell und emotional. Stilistisch schreibt Dean sorgfältig und reflektiert. Seine Sprache ist überlegt und ruhig. Er nimmt sich Zeit für innere Zustände und gedankliche Zwischentöne. Die Erzählperspektive bleibt sehr subjektiv und stark von der Selbstbefragung des Autors geprägt. Die Handlung im klassischen Sinn tritt deutlich in den Hintergrund. Genau darin liegt in meinen Augen die Schwäche des Buches – zumindest für Leserinnen und Leser, die sich eine mitreissende Geschichte erhoffen. Die Spannung entsteht nicht aus dramatischen Wendungen, sondern aus der inneren Bewegung des Autors. Wenn einen diese Form der Selbstreflexion nicht dauerhaft fesselt, verliert man leicht die Motivation weiterzulesen. So ging es auch mir: Ich konnte die persönliche Bedeutung dieser Spurensuche für den Autor gut nachvollziehen, aber seine Schilderungen vermochten mein Interesse nur stellenweise wirklich zu packen. Insgesamt ist Tabak und Schokolade ein Buch für Leserinnen und Leser, die sich für Fragen der kulturellen Identität und familiären Herkunft interessieren und bereit sind, einem nach innen gerichteten Erzählton zu folgen. Wer hingegen eine spannende, mitreissend erzählte Geschichte sucht, wird hier voraussichtlich nicht ganz auf seine Kosten kommen.

Tabak und Schokolade
Tabak und Schokoladeby Martin R. DeanAtlantis Literatur
5. Jan.
Rating:4

Als seine Mutter stirbt, findet der Autor ein Album mit Fotos aus seiner Kindheit. Einer Kindheit, die er selbst nur sehr bruchstückhaft erinnert. Geboren in Trinidad und Tobago, verbringt er seine ersten sechs Lebensjahre auf der Karibikinsel, bevor ein Umzug in die Schweiz zu seinen Großeltern erfolgt. Vom Zeitpunkt des Umzugs an, wird die Zeit auf der Insel totgeschwiegen und gerät somit in Vergessenheit. Erst nach dem Tod der Mutter findet eine langsame Annäherung an seine Vergangheit statt, ein Aufarbeiten und auch ein Kennenlernen der Familie väterlicherseits. „Tabak und Schokolade“ ist eine sehr intensive Auseinandersetzung Deans mit seiner Vergangenheit. Es ist ein Versuch die Geschehnisse und Lebensumstände seiner frühesten Kindheit zu rekonstruieren, was schwer ist, da ihm entscheidende Informationen vorenthalten werden. Immer wieder beschreibt er, wie schwierig für ihn das Aufwachsen in der Schweiz war, wie sehr er auf Grund seiner Hautfarbe ausgegrenzt wurde, wie unzugehörig er sich gefühlt hat und wie hart es als Kind war, keine Antworten zu bekommen. Auch im Verlauf seiner Nachforschungen und beim Zusammentreffen mit dem bisher unbekannten Familienzweig, verflüchtigt sich diese Verlorenheit nicht. Auch hier fühlt er sich nicht gänzlich zugehörig, auch hier bekommt er widersprüchliche Informationen. An der ein oder anderen Stelle ist das Geschriebene ausschweifend, einige Informationen erscheinen mir überflüssig, aber im Großen und Ganzen fand ich es sehr gut gelungen. Es zeigt wie schwierig Identitätsfindung ist, wenn ein bedeutender Teil der Geschichte verschwiegen wird, welch Probleme dadurch, und auch durch das Aufwachsen in so gegensätzlichen Welten, entstehen und auf das Leben eines Erwachsenen wirken können. Ein sehr gelungener und überaus persönlicher Roman.

Tabak und Schokolade
Tabak und Schokoladeby Martin R. DeanAtlantis Literatur
7. Nov.
Rating:2.5

Sehr ausschweifend, erzählte Lebensgeschichte des Autors

Trinidad und Tobago, das hört sich an wie Sandstrand, Cocktails, Palmen und Steel Drums. Martin R. Dean kann sich daran kaum erinnern. Er hat als sehr kleines Kind eines indisch stämmigen Vaters und einer Schweizer Mutter auf Trinidad gelebt. Entspannt ist das Leben aber nicht, und seine Mutter flieht mit ihm erst nach London und dann in die Schweiz. Dort ist der Junge immer in einer Sonderposition, als Sohn ohne Vater, und vor allem als Kind dunkler Hautfarbe. Als die Mutter stirbt, ist das einzige was dem Sohn bleibt, ein Familienalbum. Nichts anderes erbt er. Alles geht an die „neue“ Familie seiner Mutter. Über die Fotos begibt er sich auf Spurensuche. Er reist nach Trinidad, um die Familie seines brutalen und alkoholabhängigen Vaters kennen zu lernen und versinkt in Erinnerungen die er versucht, mit Leben zu füllen. Die Fotografien helfen ihm dabei. Aber auch sein Leben in der Schweiz nimmt er genauer unter die Lupe. Wir werden akribisch über die Familienverhältnisse informiert. Die Tante, die promiskuitiv war und irgendwann auf dem Abstellgleis landet, lernen wir genauso kennen, wie den immer Zigarre rauchenden Großvater aus dem Aargau. Der Stammbaum am Ende des Buches half zwar ein wenig, doch oft verlor ich mich in den Namen und Verwandtschaftsbeziehungen von Tanten und Coucousinen und entschloss irgendwann, dass mir wirklich egal sein sollte in welchem Verhältnis sie zu Dean stehen. Fragmentarisch reihen sich Erlebnisse und Erinnerung aneinander. Ein Deep Dive in die Migrationsheschichte Trinidads war für mich sehr interessant. Ich wusste nicht, dass die Bevölkerung in einem Großteil aus Nachfahren indischer Kontraktarbeiter besteht. Überrascht war ich, dass Tabak und Schokolade erst in der Schweiz ihren Schwerpunkt in der Geschichte fanden, obwohl es natürlich Bezüge zu den karibischen Inseln gibt. Der Autor wird nicht müde zu wiederholen, wie sehr er beim Erbe benachteiligt wurde, was verständlich ist, aber bisweilen etwas larmoyant wirkt. Er konnte gut transportieren, dass die Sonderstellung als einzige POC Einfluss auf seine Entwicklung genommen hat. Ich stelle es mir wirklich schwierig vor, wenn die Identität nur in der Gegenwart zu finden ist und die Vergangenheit eher im Dunkeln bleibt. Stilistisch pflegt der Autor einen abschweifenden Stil und füttert uns mit einer Menge Informationen. Mir wurde das häufig zu viel, und ich musste mir über einen längeren Zeitraum Kapitel für Kapitel erarbeiten. Dabei gab es immer wieder Ankerpunkte, die mich fesselten, wie zum Beispiel die atmosphäreische Darstellung der Karibik, die Beschreibung der Kolibris oder welche Bedeutung Schokolade in Deans Kindheit hatte, doch alles in allem konnte mich die Biografie des Autors nicht fesseln. Es verschwimmen jetzt schon die Eindrücke zu einer wirren Zuckerwatte die mich nicht satt gemacht hat. Vielleicht ist das für Schweizer Eidgenossen interessanter, da sie einen Teil ihrer Identität, hier wieder finden und sich mit der Geschichte von Rassismus und Kolonialismus auf ihrem Terrain auseinandersetzen können. Ich empfehle dieses Buch allen, die sich in die Biografie eines Jungen versetzen möchten, der auch heute noch mit seiner Hautfarbe und seiner Familie hadert, und den Ablehnung und Marginalisierung geprägt hat.

Tabak und Schokolade
Tabak und Schokoladeby Martin R. DeanAtlantis Literatur
14. Okt.
Rating:4

Gelistet für den Schweizer Buchpreis

Eine Familiengeschichte ausgehend von der Schweiz der 60er und 70er über Rügen des frühen 20. Jahrhunderts nach Trinidad um 1950, aber auch eine Geschichte des Rassismus und des kolonialen Denkens, der Abhängigkeiten und der Macht innerhalb einer Familie. Einzig die Bitterkeit des Autors in seiner Erzählung in Bezug auf Erbschaften war mir manchmal etwas zu viel. Alles in allem sehe ich das Buch aber als starken Kandidaten für den Schweizer Buchpreis 🤞🍀

Tabak und Schokolade
Tabak und Schokoladeby Martin R. DeanAtlantis Literatur