26. Dez.
Rating:5

😍

„Es sind nur wir“ hat mich am Anfang etwas ratlos zurückgelassen. Ich wusste nicht, wohin die Geschichte will. Genau das hat sich aber schnell verändert: Ich habe mich im Stil verloren und festgelesen. Die vielen kurzen Abschnitte, Gedanken und Beobachtungen sind besonders und abwechslungsreich. Einige davon sind mir im Alltag hängen geblieben – etwa die Idee, dass drei Tischtennisbälle eigentlich zwei zu viel sind und man das Geld besser in die Schläger investiert hätte. Für mich ist es das Lieblingsbuch 2025. Ein sehr guter Roman, und ich bin gespannt auf weitere Bücher von Martin Peichl.

Es sind nur wir
Es sind nur wirby Martin PeichlHaymon Verlag
23. Jan.
Rating:4

Ein Lehrer verlässt nach dem Suizid eines Schülers die Schule und verdient fortan seinen Lebensunterhalt als Spieletester. Immer mehr zieht er sich aus dem Leben zurück, wirkt höchst depressiv, vernachlässigt sich selbst. Er fühlt sich von der Welt bedroht, jeden Tag könnte eine Katastrophe über uns herein brechen, er ist machtlos und kanalisiert seine Verlorenheit indem er ein Wörterbuch der Verluste schreibt. Er trifft auf Mascha, eine Prepperin, die auch Angst vor einer Katastrophe hat, allerdings mit Vorbereitung und Aktion darauf reagiert. In ihrem Haus, mitten im Wald, hat sie sich einen Bunker geschaffen, der ihr Überleben sichern soll. Die beiden verbringen viel Zeit in der Abgeschiedenheit, werden aber alsbald von einer Füchsin begleitet, die sich versucht in das Gespann zu integrieren. - Martin Peichl schreibt hier über Trauer, Verlust, Existenzängste, Depression. Aber auch über Freundschaft, das Leben in und mit der Natur, über Konfrontation und Resignation. Die Sprache ist dabei sehr poetisch, die Erzählung langsam, leise und eindringlich. Mit den beiden Protagonist*innen schafft er starke Gegensätze und zeigt, dass diese sich gut ergänzen. Er beschreibt beide in extremer Ausprägung und zeichnet damit zwei der drei möglichen Reaktionen auf Angst: Angriff und Erstarrung (vielleicht in Kombination mit Flucht). Durch die Füchsin kommt eine weitere Ebene ins Spiel. Für mich symbolisiert sie zum einen, dass die Natur wesentlich anpassungsfähiger ist, als der Mensch, zum anderen aber auch, dass selbst in der totalen Abgeschiedenheit, ein Zusammentreffen mit Fremden nicht ausgeschlossen ist. Das Sicherheit immer etwas sehr subjektives ist, was man auch gut anhand der unterschiedlichen Reaktion sehen kann. „Es sind doch nur wir“ ist ein Roman, der sehr gut in unsere Zeit passt. Eine Zeit in der Viele Angst vor der Zukunft haben. Das Buch spiegelt gewissermaßen eine Düsternis, eine große Ratlosigkeit, zieht aber in keinster Weise die Lesenden nach unten. Schon auf Grund der wunderschönen Sprache eine große Empfehlung.

Es sind nur wir
Es sind nur wirby Martin PeichlHaymon Verlag
11. Nov.
Rating:4

„Es sind nur wir“ von Martin Peichl Verlag: Haymon In diesem Roman, erzählt in der Ich-Form des namenlosen Protagonisten, handelt von einem Informatik-Lehrer, der durch den Suizid seines Schülers Paul aus der Bahn geworfen wird. Seine Schuldgefühle und seine Trauer nehmen überhand, sein Leben wird immer ausschweifender. Er beginnt abstruse Affären, setzt Sex-Beziehungen unter Alkoholeinfluss fort und überlebt als Entwickler von Computerspielen. Auch arbeitet er sporadisch an einem „Wörterbuch der Verluste“ , welches er auf Karteikarten festhält. Er versucht herauszufinden, auf wie viele Arten man scheitern kann. Mascha ist Biologin und Prepperin; sie breitet sich in einem Haus mit Bunker am Waldrand auf das Unausweichliche vor. Eine Füchsin besucht Mascha, das Haus und ihn. Die Füchsin kommt und geht, Mascha beschützt das Tier vor Jägern und die drei gehen eine ungewöhnliche Beziehung ein. Er kommt immer wieder zurück zu Mascha. Ihre Art, ihre Gedanken und unrealistischen Aktionen lassen ihn nicht mehr los. Die beiden ziehen sich immer öfter zurück in das Haus, in den Bunker. Zwischenzeitlich leert sich die Wohnung unseres Ich-Erzählers in der Stadt; sein Besitz wird immer weniger, nur seine sexuellen Ausschweifungen kann er noch nicht unterbinden. Der Autor beschreibt in poetischer Sprache ein Szenario des Verlustes, der Obsession und der Trauer. Über eine Welt, die wir nicht sehen möchten; von den Tieren und ihrem Nutzen. Er beschreibt den Kreislauf des Lebens in einer Welt voller Katastrophen, Krisen, Ängsten und Verlusten. Real und surreal wird in flüssigem Schreibstil erzählt, Kapitel um Kapitel zieht uns der Autor in den Bann dieser unglaublichen, fantastischen und zugleich surrealen Geschichte. Mascha und der Lehrer finden auf ihre Art zusammen und nur die Füchsin findet noch den Weg zu den beiden. Überlebt der namenlose Protagonist den angeblichen Weltuntergang? Nur die Füchsin erhält Gewissheit, doch kratzt die tagelang an der Metalltür und niemand öffnet. Zwischendrin spürt man die Liebe des Erzählers zur dementen Mutter, zu den Frauen in seinem Leben und Paul, dem jungen, der zu früh gestorben ist. Martin Peichl beschreibt uns einen Alltag mit Verlusten, den aktuellen Themen des Klimawandels und das politische Geschehen mit seinen Kriegen auf der Erde. Das Ende lässt der Autor geschickt offen, die Gedanken der Leser:innen sind frei und man spekuliert, was nun tatsächlich geschah. „Wie aber nennt man Das Gegenteil von Massenhysterie, wenn die Welt jeden Tag ein Stück weiter untergeht, wir unbeirrt weitermachen mit dem, was schon seit Jahren nicht mehr funktioniert, wie nennt man diese Ruhe, auf die kein Sturm folgt, nur noch Stille, wie? Vielleicht haben wir noch nicht die Sprache gefunden für das, was uns bevorsteht.“ (Seite 49) Sehr beeindruckend erzählt mit einem eigenwilligen, unterhaltsamen Schreibstil fesselt der Autor die Leser:innen an die Erzählung. Realität oder traumhaft-unwirklich, wer kann das schon beurteilen. Mir liegt es fern, hier eine Wahrheit zu finden; ich kann nur sagen, es ist ein außergewöhnliches Buch.

Es sind nur wir
Es sind nur wirby Martin PeichlHaymon Verlag