Ein richtiges Prosagedicht, kein Wort ist zufällig in diesem Buch, alles gut durchdacht komponiert. Der Anfang schon gehört in die Liste der besten Novellenanfänge: „ Im Lauf seiner schlimmsten Nacht auf hoher See biss Großvater ins Bild seiner Liebsten, die er in Europa zurückgelassen hatte, und erfuhr Linderung dadurch.“ Es ist auch ein Buch, das man mit Freude mehrmals lesen kann … wie ein Gedicht halt.
Klaus Merz hat den Schweizer Grand Prix Literatur 2024 erhalten und da ich meinen eigenen Vorurteilen in die Augen blicken möchte, habe ich mir eines der bekannteren Werke des Autoren aus der Bibliothek geholt. Zum Glück habe ich es mir nicht gekauft. Da mich der Träger des Schweizer Buchpreises 2023 einigermassen überzeugen konnte, gehe ich mal davon aus, dass es sich hier nur in geringem Masse um eine selbsterfüllende Prophezeiung handelt, aber... ... ich konnte mit dieser Novelle absolut nichts anfangen. Hauptsächlich, weil es auch nichts gibt, womit ich etwas hätte anfangen können. Das Ganze erinnert mich eher an ein Stammtischgespräch oder etwas, das bei Kaffee und Kuchen bequatscht wird. Also nichts, das mich grossartig interessiert. Die Enkelin erzählt von ihrem Grossvater, dem sogenannten "Argentinier". Dabei springt die Erzählerin mal dahin, mal dorthin. Einmal ist der Grossvater jung, dann sind wir bei seiner Beerdigung, dann plötzlich wieder in der Schule in der Schweiz. Wie das halt so geht, wenn wir miteinander reden, aber in Textform fehlte mir hier nicht nur der Inhalt (da die Figuren keinerlei Seele oder Charakter haben, fehlt dies auch der Geschichte), sondern auch die Form und die Leitung des Leseflusses. Manchmal war ich mir gar nicht mehr sicher, wessen Grossvater der Argentinier nun eigentlich ist. Ich denke mal, dass es eigentlich genug junge Schweizer Autorenpersonen gibt, die eine sie fördernde Auszeichnung auch verdient hätten, aber mich fragt ja niemand... Fügt hier noch ein Schulterzuck-Emoji ein, denn das fasst meine Leseerfahrung mit Klaus Merz sehr gut zusammen.

