1. Feb.
Rating:4

Hinter der Dorffassade Ein kleines Dorf in Österreich, Krimmwing. Ein Dorf, wie es viele gibt. Hier kennt jeder jeden und weiß alles über jeden. Wer aus der Norm fällt, ist unerwünscht, wird gehänselt, beschimpft, gemieden oder vertrieben. So mancher hütet daher seine Geheimnisse, wie der Rathbauer, der tief im innern eine Frau ist, sich gerne schminkt und für Claudia Cardinale schwämrt. Oder die Steinlachner Rosa, die sich in Jackson, einen schwarzen Südafrikaner verliebt und ein Kind von ihm erwartet. Manche fliehen aus dem Dorf, andere bleiben zurück. Und wenn einer, der einst gegangen ist, zurückkehrt, müssen sich alle den Wahrheiten stellen… Anna Herzig beschriebt ein typisches Dorf, wie es überall sein könnte, und seine Menschen. Die typischen Machtverhältnisse und Strukturen, an denen viele zerbrechen zeigt sie ebenso schonungslos auf, wie sie mit viel Empahtie und starker Sprache die Ohnmacht und Verletzlichkeit der einzelnen aufzeigt. Dies gelingt ihr ohne moralisch erhobenen Zeigefinger, regt aber unweigerlich zum Nachdenken an. Die Charaktere sind gut und authentisch beschrieben, man kann das Leben der einzelnen recht gut nachvollziehen. Und man fragt sich unweigerlich, wie es einem selber in Krimmwing ergehen würde. Auch wenn ich zwischenzeitlich verwirrt war und mit den einzelnen Namen und Personen durcheinanderkam, kann ich diesen gerade einmal 127 Seiten umfassenden Roman nur empfehlen. Mein Fazit: ein düsteres Abbild des Dorflebens und ein Plädoyer für Toleranz. Lesenswert!

Die dritte Hälfte eines Lebens
Die dritte Hälfte eines Lebensby Anna HerzigOtto Müller Verlag GmbH
5. Jan.
Rating:5

Es war einmal ein kleines Dorf in Österreich, das hieß Krimmwing. In Krimmwing kennt jeder jeden und jeder jedermans Angelegenheiten, denn die Menschen, die dort wohnen, sehen alles, sie reden und tratschen tagein, tagaus. Alles, was von der Norm, wie sie sie kennen, abweicht, wird von ihnen verurteilt; und entsprechend schwer haben es die, die anders sind. Da ist etwa Lorenz Karl Ignatius Rathbauer, kurz El-Kah-Ih, der, als er zwölf Jahre alt war, feststellte, das er anders ist als alles ihm Bekannte. Er liebt es, sich vor dem Spiegel zu betrachten, der ihm eine Alternative aufzeigt: langes braunes Haar, rot bemalte Lippen. Und er hat einen Traum: Italien. Für immer weg aus Krimmwing und glücklich werden, der Mensch sein, der er in seinem Innersten ist. In ihrem Innersten ist auch Liesl ein ganz wunderbarer Mensch, doch wie die Leute nun sind, beurteilen sie erst das Äußere. Auch die junge Rosa hat es nicht leicht, ledig und alleinerziehende Mutter eines Kindes mit dunkler Hautfarbe. Der kleine Seppi versteht all die Aufregung nicht, die seineswegen gemacht wird, und er leidet: weil sein Vater in einfach zurückgelassen hat, zurück nach Südafrika gegangen ist; weil die Menschen über ihn reden, ihn ausgrenzen. Er sieht nur einen Weg, alldem ein Ende zu setzen. Und dafür braucht er nur ein Seil und einen Apfelbaum. Hat natürlich auch niemand gesehen, auch nicht geahnt. Aber auch Jahre später hat niemand in Krimmwing vergessen, was auf dem Kirschkernhügel passierte. Umso unangenehmer ist es für die Gemeinde, als Peter Dohringer, der kleine Seppi, nach Jahren wieder zurückkehrt. "Es sind die kleinen Verbrechen an der Seele, die die inneren Blutungen ausmachen." (S. 11) In ihrem Romandebüt "Die dritte Hälfte eines Lebens" skizziert Anna Herzig bildgewaltig und fragmentarisch, mit welch harten Worten und Handlungen die fiktive Krimmwinger Dorfgemeinde Menschen anderer Hautfarbe, sexueller Identität, gesellschaftlichen Standes oder eines anderen Phänotypen diskriminiert und ausschließt. Ihr sprachlicher Stil ist außergewöhnlich, sehr kantig und nüchtern, ohne jede Wertung; vielmehr lässt sie Worte ihre Wirkung zwischen den Zeilen entfalten - und die schlagen zu wie eine Faust. Ihre Protagonist*innen sind allesamt unglaublich liebenswert und sehr fein gezeichnet, und ich hatte sie alle direkt vor Augen - die Person an sich und ihr Leiden, die Angst, die sie ausstrahlen. Vieles bleibt vage, wird nicht bis zur Gänze ausgeführt, aber das passte hier stilistisch sehr gut und muss auch gar nicht sein. Haben wir nicht alle schon solche Situationen erlebt oder davon gelesen, wie oft wird in den Medien von Rassismus, diskriminierendem oder ausgrenzendem Verhalten, Gewalt gegenüber Minderheiten berichtet. Eindeutig zu oft. So ist "Die dritte Hälfte eines Lebens" eine fulminante Gesellschaftskritik, die mit leisen Tönen und wenigen Worten, aber voller Dynamik so vieles ausdrückt, ein offener Appell, neu zu denken und sich und seine Gedanken zu öffnen. Eindrucksvoll und eine ganz große Empfehlung!

Die dritte Hälfte eines Lebens
Die dritte Hälfte eines Lebensby Anna HerzigOtto Müller Verlag GmbH
23. Sept.
Rating:3

Anna Herzigs Kurzroman „Die dritte Hälfte eines Lebens“ könnte viel erzählen, entscheidet sich dann aber für das Schicksal des Steinlachner Sepp, dessen Leben aufgrund seines Status als uneheliches Kind und seiner Hautfarbe von den Bewohnern des Dorfes Krimmwing so zur Hölle gemacht wird, dass er eines Tages beschließt, dem Ort den Rücken zu kehren. Die genauen Umstände seines Verschwindens sind weniger klar als die Bedingungen seiner Rückkehr, aber die Dorfgemeinschaft hat so einiges darüber gehört und deshalb viel dazu zu sagen. Dieser Roman hat sich der Ausleuchtung des „kleinen Schmerzes“ verschrieben, der eigentlich ein ganz großer ist und durch die bigotte Haltung der „normalen“ Dorfbewohner verursacht wird, die die Wahrheit dehnen, wenden und ignorieren, solange sie die Außenseiter, diskreditiert. Auf diese Weise macht der Roman auf die Enge und Begrenzung des Lebens innerhalb einer Dorfgemeinschaft aufmerksam, er zeigt aber gleichzeitig auch, dass in der Andersartigkeit der Wille und die Kraft zur Freiheit und Ablösung ruht, zum Aufbruch in "die dritte Hälfte eines Lebens". Neben diesem Thema zerrt der Roman auf recht subtile Weise auch die zentrale Frage nach Wahrheit und Lüge bzw. Gerücht in den Mittelpunkt und spielt auf diese Art und Weise vor allem im zweiten Teil auf amüsante Weise Katz und Maus mit dem Leser. Handlungstechnisch wird der Roman hierdurch allerdings recht verwirrend und lässt einen zeitweise etwas orientierungslos und ratlos zurück – sicherlich das Ansinnen des Vexierspiels mit der Wahrheit, das aber immerhin für ein gelungenes Ende sorgt. Problematisch sind auf den ersten Blick auch manchmal grotesk anmutenden Szenen, die ihren Ursprung jedoch in der Gerüchteküche nehmen. Sprachlich ist der Roman in Teilen fast lyrisch, der Autorin gelingen ein paar wirklich fabelhafte Bilder, für Schmunzeln und Sprachgenauigkeit sorgen die sehr sporadisch eingestreuten englischen Sätze. Wenn man an dem Roman etwas kritisieren kann, dann ist es wohl sein klares didaktisches Ansinnen, die Einseitigkeit seiner Ausrichtung und vielleicht seine sehr simple Einteilung der Personen in „gut“ und „böse“. Da erwartet man von einem Roman mit erwachsener Zielgruppe doch etwas mehr Raffinesse. Insgesamt jedoch eine gelungene Leseherausforderung, die jedoch etwas eigenwillig und daher vielleicht nicht für jeden gleichermaßen geeignet ist.

Die dritte Hälfte eines Lebens
Die dritte Hälfte eines Lebensby Anna HerzigOtto Müller Verlag GmbH