6. Apr.
Ein großartiger, kritischer Roman, der zum Hinterfragen anregt ⚖️
Rating:5

Ein großartiger, kritischer Roman, der zum Hinterfragen anregt ⚖️

Benjamin Weiß ist Rechtsberater in Asylfragen und nach einem Burn Out zu seiner Tätigkeit zurückgekehrt. Er soll sich des Falles einer ihrer syrischen Dolmetscher annehmen, dem Kriegsverbrechen vorgeworfen werden. Gleichzeitig muss Benjamin sich auch um seine resolute Großmutter kümmern, deren beginnende Demenz ihn dazu zwingt, sie von Deutschland nach Österreich zu holen. Benjamin schlittert in ein moralisches Dilemma. Denn sein Klient könnte durchaus schuldig sein, ist aber der einzige, der Zugang zur Großmutter findet. Noch dazu erhält Benjamin Einblicke in die NS-Vergangenheit seiner Großeltern und muss sich mit diesem unangenehmen familiären Erbe auseinandersetzen. Die Thematik des Buches hat mich umgehend angesprochen, da ich selbst berufsbedingt Einblick in das österreichische Asylsystem habe. Dadurch fiel es mir auch leicht, gewisse spezifische Begrifflichkeiten rund um dieses Thema zuzuordnen. Eventuell könnte dies für Leser, die der Thematik nicht so nahe stehen, teils etwas schwieriger sein. Im Vordergrund dieses Gegenwartsromans, der im Jahr 2015 zur Zeit der Fluchtbewegung spielt, steht jedoch Benjamin, der aufgrund der Ereignisse im Berufs- und Privatleben seinen moralischen Kompass neu justieren muss und damit hadert. Ich habe ihm seine Unsicherheit auf jeder einzelnen Seite des Buches abgekauft und ihn dafür bewundert, wie er mit seiner Großmutter, der titelgebenden "Walküre", und den Herausforderungen seines Lebens umgeht. Ein großartiger, kritischer Roman über Vergangenheit und Gegenwart, Familie, Bürokratie und menschliche Abgründe, in dem ich mich oftmals wiederfinden konnte und der anregt, zu hinterfragen. ~"Ich habe auch einmal mit Asylanten gearbeitet", (...) "damals noch in Traiskirchen, bei der Fremdenpolizei." "Asylwerber", verbesserte ich, setzte mich zögernd.~ S. 196 "Asylwerber", verbessere auch ich bereits automatisch, aber endlos wiederkehrend...

Walküre
Walküreby Daniel ZipfelLeykam
3. Feb.
Rating:3.5

Eindrückliche Schilderung der Fluchtbewegung 2015 und interessante Gegenüberstellung einer Familiengeschichte zu NS- Zeiten.

Im Zentrum steht eine Zeit der Überforderung. Die Fluchtbewegungen ab 2015, ein System am Limit, und eine Einzelner, der versucht, darin Haltung zu bewahren. Benjamin arbeitet als Jurist in einer Beratungsstelle für Geflüchtete. Er übernimmt den Fall eines Syrers, dem Kriegsverbrechen vorgeworfen werden. Das stellt ein Ausschlussgrund für Asyl nach den Genfer Flüchtlingskonventionen dar. Parallel zieht seine Grossmutter nach Wien, in ein Haus, das mit ihr auch die NS- Vergangenheit der Familie zurückbringt. Der Roman verknüpft mehrere Ebenen: Benjamins berufliche Überlastung, seine gescheiterte Ehe, die Geschichte seiner Grosseltern während des Nationalsozialismus und das Schicksal des Syrers Adnan. Immer wieder wird deutlich, wie sehr Systeme und Menschen an ihre Grenzen kommen. Besonders eindrücklich ist die Figur der Grossmutter: hart, kompromisslos, geprägt vom Gedanken des Überlebenskampfes. Ihr Mann Paul hingehen zerbricht am Krieg, verweigert sich und wird dafür bestraft. Umso überraschender ist die Nähe, die zwischen Grossmutter und Adnan entsteht. Hier gibt es keine Abneigung, sondern Fürsorge. Ob die Grossmutter ahnt oder weiss, was hinter der Geschichte von Adnan steckt und sie gemeinsame Werte besitzen? Das bleibt im unklaren. Wofür „Walküre“ steht, erfährt man im Buch. Es ist geschickt konstruiert und eingespannt in die ganze Geschichte. Der Schreibstil ist klar, dicht und fordernd. Es geht um Macht, Schuld, Anpassung und um die Frage, wie viel Verantwortung ein Einzelner tragen kann. Am Ende wandelt sich das Blatt auf unerwartete Weise. Gut gemacht, aber ambivalent. Für mich verbindet es die Aufarbeitung vergangener Zeiten geschickt mit Themen der Gegenwart. Hintergrundwissen inklusive. Ich fand die Konstruktion insgesamt interessant. Von der Grossmutter hätte ich gerne noch mehr geschichtlichen Hintergrund erfahren. Die Aufbereitung des eigenen Befindens (in Therapie) und der Exfrau, wodurch sich Benjamin nun seiner Ex im Prozess gegenüberstehen sieht, war in Teilen etwas störend. Dies hätte es so nicht zwingend gebraucht, was die Geschichte vermutlich etwas „ruhiger“ gestaltet hätte. Walküre hat mich im Zwiespalt zurückgelassen: zwischen einem Gefühl von Gerechtigkeit und einem egoistischen Nachhall. Vielleicht ist es genau das Unbehagen, was der Roman erreichen will?

Walküre
Walküreby Daniel ZipfelLeykam