
Spürbare politisch-geschichtliche Zerissenheit.
"Im Leben kannst du noch so viele Freiheiten haben, doch wenn du nicht die Freiheit hast, zu sagen und zu schreiben, was du denkst, braut sich etwas sehr Hässliches zusammen." Mit ihrem in Italien mehrfach ausgezeichneten Roman "Alma", nimmt uns Frederica Manzon mit nach Trieste und gibt uns Einblicke in eine Stadt voller Erinnerungen und aufwühlender Historie. (Übersetzt aus dem Italienischen von Verena von Koskull.) "Und obwohl er elegante Hosen und ein makelloses Hemd trug, vermochten diese Kleidungsstücke nicht, ihm die Flüchtigkeit eines Menschen zu nehmen, der kurz an die Festtafel tritt, um anzustoßen, und dann im Staub der Welt verschwindet." Es ist ewig her, dass Alma in Trieste war. Doch nach dem Tod ihres Vaters bleibt ihr keine Wahl: Sie muss zurück. Zurück in eine Stadt, mit der sie nicht nur gute Erinnerungen teilt. Eine Stadt, die ihr immer wieder ihren Vater genommen hat. In der sie auf ihre Jugendliebe Vili treffen wird und die Fragen aufwerfen wird. Fragen nach ihrer Herkunft. Fragen nach ihrer Identität. Denn Alma wuchs in einer Stadt mit zwei Gesichtern auf, die sie innerlich förmlich zerriss. Auf der einen Seite die gut bürgerliche, italienische Seite ihrer Mutter, die in Trieste noch stark vom Habsburger Erbe geprägt ist. Und dann ist da die Seite ihres Vaters, der den Partisanen Titos angehört und der immer wieder nach Jugoslawien verschwindet. Als dann der Eiserne Vorhang auseinanderbricht, wird Alma in ihren Überzeugungen erschüttert. Und all diese Erinnerungen stürzen nun wieder auf Alma ein, als sie nach Trieste zurückkehrt. "Die wichtigen Dinge, die ihr Vater über Freiheit oder Grenzen zu sagen hat, sind ihr vorbehalten, denn er ist überzeugt, dass Mädchen besser durchs Leben kommen und es an ihnen ist, die Welt zu lenken." Manzon hat einen sehr bildhaften und fast schon poetischen Schreibstil, der uns auf eine historische Reise mitnimmt. In dieser Geschichte beschäftigt sich Manzon vor allem mit der wirklich sehr aufwühlenden Historie Triestes. Einer Stadt, in der seit jeher viele Kulturen, Sprachen, Ethnien und Religionen zusammentreffen. Manzon beschreibt das Leben zu einer Zeit, als die Stadt selbst zu Italien gehörte, das Umland jedoch zu Jugoslawien. Uns wird ein Gefühl für das Erbe dieser Stadt vermittelt, die von einer sehr wechselvollen Geschichte geprägt wurde. Tatsächlich stelle ich es mir nicht immer leicht vor, als Kind in einer Region aufzuwachsen, die so unterschiedlich geprägt ist. Ich glaube es ist schwer seine Zugehörigkeit zu finden. Manzon schafft es die Stadt und ihre Menschen lebendig werden zu lassen. Und dank einiger Bilder bekommt man zudem einen genaueren Blick auf diese Zeit. Zudem hat Manzon mein Interesse an der Geschichte Triestes geweckt und ich verstehe jetzt auch mehr, warum sich Trieste für mich persönlich nie so wirklich italienisch anfühlt. "Das, was später als die erste Täuschung eines psychologischen Krieges voller Kehrtwenden der Beteiligten erinnert werden wird, in dem die einen Geschäfte an den Grenzen machen und den Feinden Waffen verkaufen, und die anderen die Stadt sterben lassen, damit die internationale Gemeinschaft sich auf ihre Seite stellt, die sich derweil einfach abwendet, um sich selbst nicht im Spiegel sehen zu müssen, im Herzen eines Europas, das einen weiteren Völkermord vorbereitet (wieder einmal streitet man über die Bezeichnung, in Den Haag wie in Nürnberg)." Ich kann die Enttäuschung bei einigen Lesern durchaus verstehen, die aufgrund des Klappentextes etwas anderes erwartet haben. Wer also Romane mit stark geschichts-politischem Schwerpunkt, eingebettet in eine Familiengeschichte mag, der ist mit "Alma" wirklich gut beraten.







