
Die heutige Anklage lautet: Stark, aber too much
Hohes Gericht, verehrte Leserschaft, folgendes möchte ich zu Protokoll geben: Steve Cavanagh ist mittlerweile offiziell eine Gefahr für den Alltag. „Seven Days“ ist bereits der sechste Band dieser Reihe und der Mann schafft es auch nach einem halben Dutzend Justizthriller immer noch, mich völlig unvernünftig spät abends denken zu lassen: „Ein Kapitel noch.“ Die berühmten letzten Worte. Bis man denkt: Heilige Maria Gottes, in 5 Stunden klingelt ja schon der Wecker! Gut‘s Nächtle dann. Was ich an dieser Reihe wirklich schätze: Jedes Buch hat sein eigenes großes Thema. Nicht einfach nur „noch ein Fall“, sondern jedes Mal etwas Neues, Großes, anderes. Clans, digitale Machenschaften, Familiendramen, und, und, und. Das Thema in Seven Days? Sagen wir: typisch amerikanisch. Ausnahmsweise sind wir mal nicht im New York, sondern im tiefen US-amerikanischen Süden, wo die Art von Menschen leben, die noch viel Wert auf Hartfarbe, sexuelle Orientierungen und lauter so Sachen legen, die eigentlich längst anerkannt und akzeptiert sein sollten. Aber: so ist es leider nicht überall und so ist es in diesem Teil von Alabama auch nicht. So viel zum Thema: Sweet Home Alabama. Jedenfalls begleiten wir den Star der Reihe, Eddie Flynn, gemeinsam mit seinem Team auf dieser Reise, ebenso Stars inzwischen, in der sie alle einen schwarzen mutmaßlichen Frauenmörder vor rassistischen, weißen Drechsschw…, Verzeihung … - vor alten, weißen, natürlich vollkommen unschuldigen und überhaupt absolut regelkonformen Männern retten müssen. Das Buch arbeitet wieder mit vielen POVs, der Schöpfer steigert das Repertoire an Figuren hierfür scheinbar von Fall zu Fall, doch genau das macht die Geschichte erneut so lebendig. Jeder weiß etwas. Niemand weiß genug. Und ständig passiert irgendwo irgendwas Dramatisches. Dadurch liest sich das Ganze unglaublich schnell weg. Auch das kennen wir aus den Vorgängern schon und können guten Gewissens festhalten: Band 6 knüpft nahtlos daran an. Aber. Tatsächlich gibt es heute ein „Aber.“ Denn zum ersten Mal in dieser Reihe saß ich zwischendurch da und dachte mir: „Okay Steve… vielleicht übertreibste es dieses Mal ein wenig, jetzt bitte eeeetwas weniger von all dem und jetzt zack, zack back to the roots.“ Warum er das tut? Für den Plot, keine Frage. Aber es ist zu viel des Guten. Dies Mal. „Seven Days“ ist spannend. Nicht unbedingt sehr spannend, da gibt es bessere Bände, aber: absolut zu empfehlen. Manchmal will dieses Buch einfach ein bisschen zu viel. Noch eine Wendung hier. Noch ein Problem dort. Noch mehr Chaos. Noch mehr Druck. Hier segnet noch jemand das Zeitliche, einfach, weil eine Existenz der Figur den Fall sofort auflösen und das Buch damit beenden würde. Es ist ein bisschen wie ein Anwalt, der vor Gericht schon lange, lange verloren hat, weil die Jury eigentlich längst überzeugt ist: Das war‘s jetzt. Trotzdem: Selbst der „schwächste“ Band dieser Reihe ist immer noch besser als vieles andere, was das Thriller-Regal aktuell hergibt. Das muss man auch erstmal schaffen. Am Ende bleibt also folgendes Urteil: „Seven Days“ ist vielleicht nicht der perfekte Prozess. Vielleicht etwas zu konstruiert. Vielleicht etwas too much von allem. Aber verdammt nochmal, es macht trotzdem unfassbar viel Spaß. Wieder einmal. Und genau deshalb gibt’s sehr starke 4,5 Sterne.

























































