29. Dez.
»Auch der Mensch ist nichts weiter als seine eigene Erzählung, weißt du.«
Rating:4.5

»Auch der Mensch ist nichts weiter als seine eigene Erzählung, weißt du.«

Polizist*innen, die einen Kaktus verhören, weil sie in ihm einen mutmaßlichen Attentäter sehen. Eine Patchworksituation in einem ominösen Raum 203, der vielmehr eine Art Gefängnis, inklusive Folter, darstellt und ein Mann, der eben aufwacht und sich angeblich an nichts mehr erinnert. Ein Mann, der vor Lampedusa fischen war und von einem Grenzschutzbeamten verhört wird, da er einerseits gar nicht fliehen, sondern viel lieber nach Hause möchte und andererseits eine Story von einer vom Himmel gefallenen Kuh erzählt. Ein 16-jähriger Jugendlicher, der einen Amoklauf plant und ihn kaltblütig durchführt. Seine Mutter glaubt an dessen Unschuld, während sein Vater nicht einmal an seiner Schuld zweifelt. Soweit die Ausgangssituationen der vier Theaterstücke. Auch wenn das alles bisher sehr verstörend klingt – diese Stücke sind viel mehr als die kurzen Abrisse und zugleich wahnsinnig facettenreich! Was jedoch alle vier Theaterstücke eint, ist eine ihnen zugrunde liegende Absurdität und Verwirrung, die diese beim Lesen auslösen. Ansonsten begegnen wir immer wieder Figuren, die nicht konforme Fragen stellen und sich in keine Schublade stecken lassen. Obwohl die Uraufführung dieser vier Stücke bereits zwischen 2009 und 2012 stattfanden, wurden sie erst vor Kurzem veröffentlicht. Dabei merkt man diesen Stücken ihr Alter gar nicht an. Viel mehr erscheinen sie, in Anbetracht des Entstehungszeitraums, sehr vorausblickend, da es um die Situation von Geflüchteten, Tierschutz, Bombenanschläge oder Amokläufe geht. Trotz der Tatsache, dass diese Stücke schon einige Jahre auf dem Buckel haben, sind sie noch immer aktuell – oder sogar aktueller als damals?! Auch Vorbehalte gegenüber Theaterstücken, dass man diese oft nicht so gut lesen kann, treffen auf die von Juli Zeh keineswegs zu. Alle vier ließen sich gut lesen, verstörten einen zuweilen aufgrund deren Absurdität und zogen einen als Leser*in gar in deren Bann! Gerne würde ich eines dieser Theaterstücke mal auf der Bühne sehen.

Good Morning, Boys and Girls
Good Morning, Boys and Girlsby Juli ZehLuchterhand