Zauberhafte Gute-Nacht-Geschichten für Erwachsene und solche, die es werden wollen.
Erneut lässt mich Stanišićs gewohnt pointierter Humor, seine experimentelle Art zu Erzählen und sein gekonntes Spiel mit Sprache voller Begeisterung zurück. Wenn statt Schweigen im Raum „nur kurz der Ventilator was sagt“ und sich statt vergehenden Stunden „Augenblicke unseres Lebens verpuppen“ und wenn aus politisch rückwärtigen Ansichten „gesellschaftspolitischer Waffenbesitz“ wird, geht mir als Leser einfach das Herz auf! „Für manche ist das Glück bloß umständehalber spärlicher gesät.“ Mit dieser verblüffend einleuchtenden Erkenntnis eröffnet Stanišić eine Sammlung voller ergebnisoffener „Was wäre, wenn“-Geschichten. Was wäre, wenn man sein Glück einfach ausprobieren könnte? Quasi die eigene Zukunft zur Anprobe. Wenn sie einem gefällt, loggt man sie ein (kostet natürlich Geld, viel Geld!) und zack - Zukunft gesichert! Und wenn nicht, probiert man eben die nächste und dann die nächste und wieder die nächste. Hat man nicht genügend Geld, um die Zukunft direkt einzuloggen, kann man ja aber wenigstens daran arbeiten, sie zu erreichen, indem man überlegte Entscheidungen trifft und stets den richtigen Weg einschlägt. Denn immerhin weiß man jetzt, dass diese Zukunft, die man bei der Anprobe gesehen hat, eintreten kann. Die technischen Spitzfindigkeiten der Zukunftsanprobe überlassen wir Fatih, der will schließlich mal Erfinder werden und es war ja auch seine Idee. Währenddessen begleitet wir in mehreren (lose auf diesem Konzept aufbauenden) Kurzgeschichten verschiedene Personen bei ihren ganz eigenen Abenteuern, die vielleicht so oder auch ganz anders passiert sind: vom Autor selbst und seinen Jugendfreunden, über einen Vater, der stets gegen sein hochbegabtes Kind beim Piraten-Memory verliert, bis hin zur Witwe Gisel, die einfach nicht mehr alleine sein möchte. So ergibt sich ein buntes Potpourri an Geschichten, in denen die Figuren auf die ein oder andere Art und Weise erfahren, was das Leben für sie bereit hielte, wenn sie diese oder jene Entscheidung träfen, wenn die Zeit einfach stehen bliebe, wenn Sie ihren Freunden erzählten, dass sie in den Ferien auf Helgoland waren, oder wenn sie sich dazu entschieden, die Flunkereien eines guten Freundes aus Prinzip nicht zu hinterfragen. Die Geschichten sind nur lose zusammenhängend. Manche mehr, manche weniger. Manche sind länger, manche kürzer. Was sie eint, ist oft nur diese magische Idee, sein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Das kann sehr tiefgründig werden, aber auch (wie für Stanišić oft so typisch) ganz schön lustig, unsinnig und manchmal etwas surreal. Ein Haufen Quatsch, mögen manche sagen. Aber es ist schöner und äußerst kreativer Quatsch! Meine persönlichen Highlights waren (neben der titelgebenden Geschichte rund um die Witwe mit der Gieskanne, welche ich letzten Herbst bereits bei einer Lesung des Autors persönlich hören durfte) ein amüsantes Spiel mit Erzählperspektive in einer Geschichte, in der der Ich-Erzähler, die Geschichte über sich selber liest, sie dabei kommentiert und die Entscheidungen des implizierten Autors hinterfragt, sowie die Geschichte über vier Freunde, die es mit der Wahrheit nicht immer ganz so genau nehmen und beim samstäglichen Kartenspiel ganz nebenbei und auf höchst charmante Art ihren Nachbarn Siggi (Phänotyp: Reichsbürger) auf den Arm nehmen.



























































