António Lobo Antunes, Portugals ewiger Nobelpreisverdächtiger, legt mit Am anderen Ufer des Meeres wieder einmal ein Werk vor, das den literarischen Intellekt herausfordert wie ein Kreuzworträtsel aus dem Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung – allerdings in arabischer Sprache und rückwärts gedruckt. Wer hier eine Handlung im klassischen Sinne sucht, kann gleich zurück ins Storytelling-Seminar der Volkshochschule gehen. Denn Handlung? Gibt es nicht. Stattdessen: drei Stimmen – ein kolonialer Beamter, ein ausrangierter Militär und die Tochter eines Plantagenbesitzers – die in inneren Monologen ihre seelischen Trümmerhalden durchwühlen. Und das in einem Stil, der sich weigert, Kommas als Pausen und Absätze als Gnade zu verstehen. Kapitel bestehen hier mitunter aus nur einem Satz – so lang wie ein portugiesischer Sommer und so gnadenlos wie ein Zahnarztbesuch ohne Betäubung. Aber bevor man dieses Buch mit demonstrativem Schwung in die Ecke pfeffert – was manchen in Versuchung führen könnte –, sollte man sich einmal klar machen: Was Antunes hier veranstaltet, ist große Kunst. Ja, die Texte fordern. Ja, sie muten dem Leser einiges zu – aber sie trauen ihm auch etwas zu. Und das ist in einer Zeit, in der Belletristik oft mit literarisch aufbereiteten Tagebuchnotizen verwechselt wird, beinahe ein revolutionärer Akt. Die Stärke dieses Romans liegt in der Konsequenz: Antunes gibt seinen Figuren keine Stimme, er gibt ihnen ein ganzes Innenleben, roh, ungefiltert, schmerzhaft. Was wir lesen, sind keine Rückblicke, sondern das seelische Kontinuum von Menschen, die vom Kolonialkrieg in Angola nicht nur körperlich, sondern vor allem geistig versehrt wurden. Die Sprache ist hier kein Mittel der Mitteilung, sondern ein Mittel der Zerreißprobe – für Leser wie Figuren. Und doch: Wer sich durch die semantischen Dschungel kämpft, wird belohnt. Nicht mit emotionaler Erlösung – das gibt es hier nicht – aber mit einem Blick auf die monströse Ambivalenz des Menschlichen. Antunes beschreibt Kolonialisten, die zutiefst rassistisch sind, ja: moralisch widerwärtig. Und dann gelingt ihm das Kunststück, auch diesen Figuren ihre Menschlichkeit zu lassen – nicht als Entschuldigung, sondern als Zumutung. Der Leser ist gezwungen, Mitgefühl zu empfinden, wo er es nicht empfinden will. Das ist, literarisch gesehen, Hochseilakrobatik ohne Netz. Der Roman ist durchdrungen von einer düsteren Poesie: Bilder von zerfetzten Dörfern, stummen Frauen, innerlich verwüsteten Männern. Immer wieder tauchen bestimmte Motive auf – wie Obsessionen, wie Schatten, die sich nicht abschütteln lassen. Es ist, als würde man durch ein Kaleidoskop blicken, das ausschließlich aus Trümmern besteht. Und auch das titelgebende „andere Ufer des Meeres“ ist weniger geografisch als existenziell zu verstehen – alle Figuren sind irgendwo gestrandet, auf einem Kontinent zwischen Erinnerung und Verdrängung. Natürlich – und das muss gesagt werden – ist dieses Buch nichts für Leser mit E-Book-Flatrate und der Erwartungshaltung, nach drei Seiten wisse man, worum es geht. Wer Am anderen Ufer des Meeres liest, braucht Geduld, Konzentration und eine gewisse Toleranz gegenüber literarischer Anarchie. Aber genau darin liegt auch seine Größe: Dieses Buch zwingt zur Auseinandersetzung, zur aktiven Lektüre, zur Infragestellung des eigenen ästhetischen Komforts. Fazit: Am anderen Ufer des Meeres ist kein Buch, das gefallen will – und gerade deshalb gefällt es mir außerordentlich. Ein barocker Bewusstseinsstrom über Schuld, Erinnerung und das Versagen der Sprache, der seine Leser nicht unterhält, sondern ernst nimmt. Ein Werk, das nachhallt – wie ein Schrei in einem verlassenen portugiesischen Kolonialhaus. Oder, um es ganz unironisch zu sagen: Wenn Sie Literatur suchen, die nicht die Welt erklärt, sondern ihre Widersprüche sichtbar macht, dann greifen Sie zu diesem Buch. Und zwar jetzt. Am besten mit einem Bleistift in der Hand – zum Unterstreichen. Und mit viel Zeit. Sie werden sie brauchen.
Wow - Psychiater und Schriftsteller Lobo Antunes hat mich überzeugt! 🤩
Was hat mich dazu bewogen, António Lobo Antunes lesen zu wollen?! Zum einen hat Knut Cordsen mich neugierig gemacht, indem er auf dem BR-TikTok-Kanal den Autoren als seinen Lieblingsautor bezeichnet hat, zum anderen war es der Umstand, dass auch Antunes Mediziner ist - viele Jahre arbeitete er als Psychiater, was er auch thematisch in seine Literatur einfließen lässt. Und auch die Tatsache, dass er seit Jahren als heißer Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wird, macht ihn nicht minder interessant. Mit „Am anderen Ufer des Meeres“ greift der Autor ein Thema auf, dass ihn zeitlebens beschäftigt: Die blutige portugiesische Kolonialpolitik. Seine Erfahrungen als Militärarzt im Unabhängigkeitskrieg in Angola sind in den Roman geflossen - ein sehr persönliches Buch, in das er seine Erinnerungen rund um Gewalt, Rassismus und Unterdrückung verwebt hat. Anhand dreier Hauptfiguren (ein Offizier, ein Beamter und die Tochter eines Plantagenbesitzers) die sich sowohl an Glanz und Gloria ihres kolonialistischen Daseins, als auch an die damit verbundenen Schattenseiten erinnern, nimmt uns Antunes mit ins Jahr 1961, als der Unabhängigkeitskrieg seinen Anfang nahm, mit dem die Angolaner ihre Befreiung vom Kolonialismus durchsetzten. Die Portugiesen hingegen verloren nun auch die letzten Zeichen nationaler Größe und machten sich schuldig. Ich will ehrlich mit Euch sein: Das Buch hat mich bezüglich seiner historischen Zusammenhänge total gefordert, denn ich konnte zuvor mit Begriffen wie „Nelkenrevolution“, „Landarbeiterstreik“ oder „Befreiungskrieg“ wenig bis gar nichts anfangen. Jetzt weiß ich, dass Portugal bis zu besagter Revolution von 1974 eine katholisch-autoritäre Diktatur war. Seit den 1960er Jahren wurden immer wieder Kriege angezettelt mit dem Ziel der Erhaltung der afrikanischen Kolonien - ein ebenso hoffnungsloses, wie grausames Unterfangen! Ich habe auch gelernt, dass die Landarbeiter einer angolanischen Baumwollplantage streikten, aber dem Streik auf brutalste Art und Weise eine Ende gesetzt wurde. Dadurch wurde der sogenannte Befreiungskrieg ausgelöst, den sie gegen die portugiesische Herrschaft führten. Wir erleben die historischen Ereignisse in der Erinnerung unser drei Romanfiguren. Die sich immer abwechselnden Perspektiven der Protagonisten würde ich als Monologe bezeichnen, da sie weder miteinander, noch zu sonst jemanden sprechen. Als Psychiater beherrscht Antunes die Emotionen seiner Figuren, wie ich es zuvor noch nicht gelesen habe. In einem melancholischen Redefluss lässt er die Figuren von ihrem Alltag, ihrer persönlichen Gegenwart und anhand Erinnerungen durch ihre Vergangenheit streifen. Durch tief sitzende Traumata, einschneidende Verletzungen und nachwirkende Verluste seiner Figuren, bringt er uns sie näher, ich habe ihre Einsamkeit förmlich gespürt. „Wozu mich auf ein Schiff zurück zum anderen Ufer des Meeres begeben, wo ich dort schon niemanden mehr kenne, denn nach so vielen Jahren ist Lissabon natürlich anders, Häuser und Straßen, keine Ahnung, wie sie jetzt aussehen, Leute auf den Fußwegen oder, besser gesagt, Fremde, die mich nicht beachten.“ Mir hat António Lobo Antunes einmal mehr die kolonialen Grausamkeiten bewusst gemacht mit „Am Ufer des Meeres“. Es war mein Einstiegsbuch in seine Literatur, aber weiterlesen möchte ich ihn vor allem aufgrund seiner Art, Menschen oder eher Seelen zu beschreiben. Er setzt seine Figuren und ihre Emotionen in historische Zusammenhänge, beachtet ihren sozialen Status und zieht so einen Rückschluss auf ihren Seelenzustand - es geht mir bei seinen Figuren um Nuancen, er beherrscht seine Protagonisten und nicht umgedreht. Ich habe den Eindruck, dass er dazu nur in besonderer Weise in der Lage ist, aufgrund seiner jahrelangen Tätigkeit als Psychiater. Und das macht ihn für mich als Medizinerin zu einem Autoren, von dem ich von nun an auf jeden Fall mehr (wenn nicht gar alles!) lesen möchte! Grandios! Ich danke Knut Cordsen fürs Aufmerksam-Machen auf einen Autoren, den ich womöglich sonst erst viel später entdeckt hätte (was mehr als schade wäre!)! Große Leseempfehlung!

