7. Dez.
Rating:5

Ein intimes Portät Asiens 🇲🇾

Tash Aw bricht mit diesem Buch den Mantel des Schweigens, der sich um seine Familiengeschichte hüllt. Als Kind malaysischer Eltern wurde er in Taiwan geboren und wuchs in Kuala Lumpur auf. Die Artikulation einer schmerzhaften Vergangenheit gilt in der chinesischen Kultur als schambehaftet, daher tat er sich schwer, mehr über die eigene Vergangenheit und die seiner Großväter herauszufinden, die ihren Startpunkt zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte, als diese als „Fremde am Pier“ in ein neues Leben starteten. Woraus besteht denn nun die Mauer des Schweigens seiner Familiengeschichte?! Im wiederkehrenden Dialog mit seinem Vater versucht Tash Aw seine Vergangenheit und die seiner Familie zu porträtieren, doch dieser spricht nicht gerne über solche Themen, quasi nur bruchstückhaft erfährt er mehr Details, denn die traditionellen asiatischen Werte sind Diskretion und Verschwiegenheit. Einer der Gründe für das Schweigen ist sicherlich die chinesische Kultur, die quasi der Gegensatz zu unserer europäischen Erinnerungskultur ist. Doch mit diesem Schweigen verbindet Aw auch etwas positives, denn er sieht darin seine Möglichkeit, Jura in England studieren zu können, begründet. Dadurch, dass sein Vater alles Schmerzhafte zurückgehalten habe, wurde er als Kind davon nicht „erdrückt“ - wofür er seinem Vater heute dankbar ist. Das Buch ist in zwei Teile gegliedert, der erste Teil hat einen vermehrt sachbuchartigen Charakter und beleuchtet die Geschichte und Umstände, unter denen chinesische Einwanderer im 20. Jahrhundert lebten. Ich war erstaunt von der atemberaubenden Diversität von Sprachen und Dialekten dieses multilingualen Vielvölkerkontinents, von der Tash Aw berichtet. Der zweite Teil wird dann persönlicher, emotionaler und Aw erzählt viel über seine Großmutter. Aus welchen Beweggründen sollte man die Lektüre von „Fremde am Pier“ anstreben?! Mich hat vor allem berührt, wie es sich ein Mensch zur Lebensaufgabe gemacht hat, die Kultur und die Erinnerung an die einzelnen Schicksale seiner Familienmitglieder und die Werte und Herausforderungen ganzer Länder zu bewahren mit seiner Literatur. Ich habe viel Neues gelernt über die Kultur Malaysias und die Unwägbarkeiten chinesischer Einwanderer, aber war auch bedrückt, über Aw‘s Mobbingerfahrung an der Englischen Universität zu lesen, der er aufgrund seiner ethnischen Herkunft ausgesetzt war. Er thematisiert den bis heute aktuellen Klassenkampf und die Auswirkungen finanzieller Ressourcen auf Bildung, Themen die aktueller nicht sein könnten. Es ist ein schmales Büchlein und daher perfekt geeignet für einen Einstieg in Aw’s Literatur (auch für mich war es das erste Werk von ihm). Als ich es beendet hatte, war ich etwas wehmütig, denn ich hätte gerne noch etwas länger in „Fremde am Pier“ und damit seiner Welt verweilt. Daher werde ich gleich mal recherchieren, was er bisher noch so veröffentlicht hat. Tash Aw hat mit „Fremde am Pier“ ein ebenso komplexes, wie intimes Porträt Asiens verfasst - Fazit: lesenswert!

Fremde am Pier
Fremde am Pierby Tash AwLuchterhand
20. Nov.
Rating:4.5

Einfühlsam geschilderte Familiengeschichte

Aw zeichnet die Geschichte seiner Familie nach, wobei er seiner Großmutter den größten Teil seiner Gedanken widmet. Ausschlaggebend für seine Nachforschungen war die Erkenntnis, dass Frauen und ihr Schicksal in Asien oft in Vergessenheit geraten. Bereits zwei Generationen weiter erinnert man sich nicht einmal mehr an den Namen, geschweige denn den Charakter. Aw fragt sich zum einen warum das so ist und verduvht diese Frage anhand seiner Familiengeschichte zu begründen. Zudem entdeckt er bei seinen Nachforschungen eine positive und willensstarke Frau, die mit Sanftmut ihre Familie lenkt und beschützt. Ein sprachlich und inhaltlich sehr eindrückliches Porträt, das meine Neugierde am Autor definitiv geweckt hat. Auch fand ich den historischen und sozialen Hintergrund von chinesischen Migranten in Malaysia sehr bildhaft geschildert. Eine absolute Empfehlung. Mehr Details im Lesemonat Oktober auf meinem YouTube Kanal „Japan Connect“. ♥️♥️♥️♥️🤍 https://youtu.be/F3jhgeNlPWY?si=_1_o1h15IkuJly4b

Fremde am Pier
Fremde am Pierby Tash AwLuchterhand