Das erste Buch meines personal curriculums ist anspruchsvoll aber unglaublich interessant. Man erarbeitet Schritt für Schritt Einblicke in russische Literatur und Geschichtenerzählen allgemein. Allerdings merkt man, dass der Autor Akademiker ist, denn er driftet oft in lange Gedankenausschweifungen ab was das Buch stellenweise sehr zäh und schwer lesbar macht.
Ich mag Kurzgeschichten nicht; Klassiker ebenfalls nicht. Aber dieses Buch hat ein Interesse geweckt, von dem ich nicht mal wusste, dass ich es habe. George Saunders (ein Uni-Proffesor) redet mit dem Leser als würde er einem Vortrag zuhören und das war es, was mich super bei Laune gehalten hat. Es war unterhaltsame Bildung wie ganz nebenbei. Dabei erklärt er Details, die mir beim Lesen nie aufgefallen war. Ganz nach dem Sinn: »Lass nichts ohne Grund passieren« und: »Wenn du etwas hast passieren lassen, gib ihm einen Sinn.«
Außerdem wird man ständig angesprochen, was den Eindruck erweckt man wäre in einem Gespräch und ich konnte das Buch nicht leicht aus der Hand legen, weil mich jede Zeile wieder zurück in das Gespräch gezogen hat. Zudem dachte ich immer die ältere Sprache sei extrem schwer zu lesen, aber das war sie nicht. Und zusätzlich erklärt der Autor schwierige Passagen sowieso. Das Ziel war es dabei nicht, dass man sieben Geschichten kennenlernt, nein. Das Ziel war es, dass der Leser gebildet wurde. Dass er lernt zu hinterfragen, bei Beschreibungen und Formulierungen das Nachdenken anfängt und sich selbstständig Gedanken zum Gelesenen macht.
Mein Fazit: Ich fand das Buch einfach klasse. Es war weitaus besser, als ich es erwartet habe und verdient die volle Punktzahl und einen Platz in meinen Jahres-Highlights.
Ein wahnsinnig tolles Buch - wenn man gerne liest und an Literatur interessiert ist oder auch, wenn man schreibt. Saunders bespricht hier sieben russische Kurzgeschichten, die auch alle im Buch abgedruckt sind, mit viel Liebe und Hingabe. Er macht auf ihre Mechanismen aufmerksam, interpretiert und fasst ihre Wirkung in Worte. Zugegebenermaßen ist das Buch nicht immer ganz unanstrengend, insbesondere zwei Kurzgeschichten haben mich beim Lesen ermüdet, aber Saunders anschließende Ausführungen dazu, haben die Anstrengung jedes Mal wettgemacht. Eine Literaturvorlesung, die man in seinem eigenen Tempo absolvieren kann, und die gleichzeitig beschreibt, warum Literatur für "uns"wichtig ist. Und weil es jetzt vielleicht so klingt, sei noch mal angemerkt, der Autor ist überhaupt gar nicht dogmatisch oder sonst wie von oben herab oder übergriffig. Ganz im Gegenteil! Spannend, lehrreich und warmherzig. Klare Empfehlung!