Es ist zweifelsfrei ein ernstes Thema, dennoch habe ich mich ehr durch das Buch gequält. Es passiert lange nichts, außer einer intensiven Beschreibung von Wetter und Umgebung. Etwas Spannung kam erst nach der Hälfte. Jedoch hatte ich dann den Eindruck, es wurde zu viel in das Ende gequetscht. Eine schnelle Abfolge von Ereignissen, die so kurz angerissen werden, dass es kein Lesevergnügen bietet und mit einem spannungslosen Ende schließt. Der Roman spiegelt die Langeweile, Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit die die Gesellschaft und Social Media hat/haben kann, wieder.
Poetisch-Lyrische Medienschelte mit Schönheitsfehlern Ein Mann steht auf einer Brücke und springt. Im letzten Moment hält er sich fest, zieht sich wieder hoch. Kurze Zeit später springt er doch – um heldenhaft ein Leben zu retten statt seins zu beenden. Das ist in Kurzform der „Aufreißer“ von „In die Arme der Flut“ von Gerard Donovan. Der Roman ist im letzten Jahr (2021) in der Übersetzung von Thomas Gunkel im Luchterhand Verlag erschienen. Hätte Herr Donovan eine Kurzgeschichte oder Novelle aus der Geschichte gemacht – ein Preis wäre ihm (von meiner Seite aus *g*) sicher gewesen. Denn was er auf den ersten etwa 100 Seiten für ein sprachliches Feuerwerk entfacht, ist sensationell. Selten wurde die Absicht der Selbsttötung, die zerstörerisch-zerfressenden Gedanken und Selbstzweifel, warum es so weit kommen konnte in so eine famose Stimmung „gekleidet“. Hinzu kommt die großartige lyrisch-poetische Beschreibung des sich langsam aufwallenden Nebels, das Rauschen des Wassers in 35 Metern Tiefe – ich habe jetzt noch Gänsehaut. Doch Herr Donovan wollte (leider) mehr. Denn was dann folgt, ist eine Abrechnung mit dem kranken System (nicht nur) der (a)sozialen Medien, sondern auch sensationsgeilen Reportern, machthungrigen Politikern (Trump und sein „real“-Twitter-Account lassen grüßen) und den Lemmingen (sprich: normale Bürger), die jeder „Sensation“, jedem neuen „Kult“ ungefragt hinterherhecheln und blind sind für die Wahrheit. Alles schön, alles gut – es braucht diese „Abrechnung“ mit den Medien. Aber muss der (sprachliche) Bruch so groß sein? Okay, wenn ich die Inhalte der Abschnitte miteinander vergleiche und in Beziehung zu der Sprache setze, in der sie niedergeschrieben wurden, passt es wieder perfekt. Also hat Herr Donovan doch alles richtiggemacht? Leider nicht ganz. Denn mit dem letzten Abschnitt katapultiert der Autor die geneigte Leserschaft in einen derart abstrusen Plot, dass man sich verwundert die Augen reibt und sich fragt „Ist das ein Buch oder mehrere, die von der Qualität so unterschiedlich sind wie Tag und Nacht?“ Thriller-Leser mögen „abgebrühter“ sein, aber als Liebhaber von Lyrik, Poesie und dem Zauber der gepflegten Sprache „Augenzeuge“ eines minutiös geplanten und durchgeführten Selbstmords „live“ auf Youtube zu werden, war für mich hart an der Grenze des Erträglichen. Zum Glück gibt es ganz zum Schluss noch ein paar lyrische und poetische Absätze – auch wenn die den Plot leider nicht mehr besser machen. Summa summarum komme ich hier auf 3,5*, die ich aber wegen der teils wunderschönen Sprache auf 4* aufrunde. ©kingofmusic
Es ist der erste Montag im März und ich bin angesichts Gerard Donovans „In die Arme der Flut“ recht ratlos. Der Roman ist erschreckend heterogen, nichts passt zusammen, Inhalt, Sprache, Figuren und didaktische Funktion prallen laut klirrend aufeinander und am Ende bleibt tönender Ärger darüber, dass hier ein Roman entstanden ist, der so offensichtlich gar nicht weiß, was er will, was er soll und warum es ihn gibt. Fangen wir mal mit dem positivsten Aspekt dieses Buches an: der Sprache. Gerard Donovan beherrscht das Spiel mit Worten, er entwirft wunderbare, nachhallende Sprachbilder, schwingt sich zu lyrischen, atmosphärisch dichten Passagen auf und Natur- und Wetterbeschreibungen gehören zu seinen absoluten Stärken. Gerade im ersten Teil und auch noch zu Beginn des zweiten Teils läuft Donovan zu Hochform auf und demonstriert sein großes Geschick im Umgang mit Sprache. In dieser Hinsicht könnte man höchstens feststellen, dass es zuweilen vielleicht etwas zu verspielt, zu detailverliebt und im Resultat auch langatmig wird. Auf der Inhaltsebene ist der Roman leider ein unausgegorener Mix aus Donald-Trump-Satire und (Soziale) Medien-Kritik. Sprachlich bleibt sich Donovan hier leider nicht treu. In den Kapiteln, in denen die Medien in sein Visier geraten, beschränkt sich die sprachliche Form auf eine möglichst detailgetreue Kopie von Talkshow- und Nachrichtensendungen. Die Handlung zeichnet die völlig absurd und überspitzt anmutenden Reaktionen der Öffentlichkeit nach, die in ihrem Wahn, Luke Roy zum Helden zu stilisieren, bei Donovan komplett außer Kontrolle gerät und, als sie erfährt, dass er sich das Leben nehmen wollte, wieder diskreditiert. Das Ausmaß der Dinge, die Roy wiederfahren, sind so übertrieben und wenig nachvollziehbar (vor allem dann, wenn der Heldenstatus wieder aufgehoben wird), dass man leider konstatieren muss, dass der Roman in diesen Episoden seinen Anspruch auf Ernsthaftigkeit verspielt. Hinzu kommt, dass durch diese haarsträubenden, überdeutlich skizzierten Entwicklungen die didaktische Funktion dem Leser mit der Brechstange vermittelt werden soll. Es ist eine alte Weisheit, dass Belehrung immer besser durch die Hintertür und mit Raffinesse erfolgt – die meisten Kinderbücher haben das verstanden. Wenn ich aber als Erwachsener mit solch platter Medienkritik konfrontiert werde, die mich dann auch noch auffordern will, umzudenken, bin ich schlichtweg verärgert. Die Eleganz von Donovans Sprache vermisst man beim Transport des moralischen Anliegens schmerzlich. Dabei muss ich zugeben, dass ich noch nicht einmal sicher bin, dass es nur um Medienkritik geht, denn bei Donovan findet sich unter seinen Figuren auch noch ein religiös Verblendeter und mehrere Selbstmordkandidaten. Die Todessehnsucht und der Wunsch zu sterben werden von Donovan zentral gesetzt. Während im ersten Teil dieses Thema mit sehr viel Überzeugung und Empathie aufs Papier gebracht wird, frage ich mich am Ende des Romans, wie dieser Aspekt mit der Medienkritik zusammenpasst. Außer der Tatsache, dass Luke Roy durch die Enthüllung seiner Selbstmordabsicht in den hanebüchen anmutenden Mahlstrom des Heldentums gerät, kann ich keine sinnvolle Verbindung feststellen. Vielleicht sollen wir uns alle umbringen, weil die Welt von den Medien regiert wird? Oder weckt der Umgang mit Medien Todessehnsüchte? Auch hier wirkt der Roman sehr unausgereift, wie auch in seinem nicht zu Ende gedachten Gebrauch der Legende des Rattenfängers von Hameln, aus dem sogar ein Satz dem Roman als Zitat vorangestellt wird. Die Figuren sind ein leider ebenfalls ein Problem. Sie sind zu wenig ausformuliert, um Sympathie oder Identifikation zu erlauben. Wenn sie keine Schablonen sind, dann wirken sie wie Marionetten, die in den Dienst der Kritik gestellt werden: oberflächliche Schatten, die orientierungslos durch die Story treiben. Insgesamt ist „in die Arme der Flut“ ein Roman, der irgendwie unfertig wirkt, dem ein Fokus fehlt, der die verschiedenen Teile auf eine sinnvolle, nachhallende Art zusammenhält. Da wäre sehr viel mehr möglich gewesen, wenn man sich für das eine oder das andere Thema entschieden hätte.


