
✨️ Highlight ✨️ Pajtim Statovci schreibt mit einer verstörenden Lebendigkeit von den Folgen von Trauma, Scham und Angst
„Bolla“ war für mich ein Zufallsfund und hat mich emotional komplett umgehauen. Dieses Buch geht unter die Haut und hallt noch lange nach. Der Roman beginnt im Jahre 1995 während der bereits bestehenden Unruhen zwischen Albanien und Serbien, die später zum Kosovo-Krieg führen. Arsim, ein Albaner, trifft auf Miloŝ, einen Serben. Es ist Anziehung auf den ersten Blick. Das alleine schon problematisch, hinzukommt jedoch noch, dass Arsim mit einer Frau verheiratet ist. Nichtsdestotrotz beginnen sie eine leidenschaftliche Affäre im Verborgenen. Doch die Lage im Land spitzt sich immer mehr zu. Schließlich flieht Arsim mit seiner Familie ins Ausland. Miloŝ bleibt alleine zurück. Als Serbe in Albanien. Die Handlung setzt Jahre später wieder an. Der Leser erfährt nach und nach was mit Arsim und seiner Familie sowie Miloŝ geschehen ist. Die Persepektiven wechseln aus Sicht der beiden Männer. Die Frage, ob sie wieder zueinander finden, bleibt allgegenwärtig. „Bolla“ ist keine Liebesgeschichte. Diese steht hier nicht im Vordergrund. Der Roman erzählt auf eindringliche und authentische, ehrliche und teilweise verstörende Art und löst viele Emotionen aus, sowohl gute als auch schlechte. Er umfasst eine ungeschönte Darstellung von Kriegsgeschehen, Diskriminierung und Rassismus, Flucht, Migration und psychische Traumata. Eine große Rolle spielen hier auch das Verhalten und das Wesen eines Menschen. Es werden außerdem Fragen aufgeworfen, die Träume und Wünsche, Religion, Schuld, Scham und Angst sowie Erhalt und dem Erfüllen von Traditionen beinhalten, die einen zum Nachdenken anregen. Das Buch hat mich gefordert. Die Geschehnisse waren nicht immer leicht zu verdauen. Aber auch herausgefordert. Allen voran Arsim. Er als Mensch und was ihn ausmacht. Er ist nicht mein Fall, um es deutlich zu sagen. Ich hatte meine Schwierigkeiten mit ihm. Und doch konnte ich mich gut in ihn hineinversetzen. Sympathisch wurde er mir bis zum Schluss trotzdem nicht. Ich habe jedoch meinen Frieden mit ihm geschlossen. Und das ist das Herausragende an diesem Roman. Der Autor schafft durch seine nahbare und teilweise bildhafte Sprache sowie direkte und detailgetreue Wortwahl den Leser die Persönlichkeit und die Art der Protagonisten verstehen zu lassen und ihr Verhalten durch ihre Augen nachvollziehbar zu machen, auch wenn die eigenen Moralvorstellungen komplett dagegen sprechen. Nicht nur Arsim, auch alle anderen Beteiligten sind so spürbar, fühlen sich nah an und wirken unglaublich authentisch. Wie eben aus dem echten Leben gegriffen. Pajtim Statovci gelingt es hier wunderbar den Menschen in all seinen Facetten aufzuzeigen. Ungefiltert. Auch auf die Gefahr hin, dass ein Protagonist unsympathisch wird. Das Spielen hier mit Antipathie und Sympathie ist meiner Meinung nach richtig gut gelungen. Ich hab Arsim so oft nicht gemocht und mich geweigert ihn zu verstehen, und habe trotzdem ein gewisses Mitgefühl für ihn aufbringen können. Genau das hat mit sehr gefallen. Echt wirkende und fühlbare Charaktere, die einen herausfordern und auffordern über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, sich in den Menschen hineinzuversetzen, auch wenn sein Verhalten den eigenen Werten und Normen komplett wiederspricht. Gut heißen muss man es am Ende trotzdem nicht. Jedoch erweitert das Aufzeigen, dass nicht alles schwarz oder weiß ist, hinter jedem Verhalten eine Geschichte und Erfahrung steckt den eigenen Horizont. Und hier ist die Mischung der zwischenmenschlichen Identifizierung gut geglückt. Ich liebe das! „Bolla“ ist kein einfacher Roman. Aber ein radikal ehrlicher und authentischer. Einer, der das wahre Leben aufzeigt und lange im Kopf bleibt. Für mich ein rundum gelungenes Buch und ein absolutes Highlight. Es war mein erstes Buch des Autors, wird jedoch definitiv nicht das letzte gewesen sein. Ganz große Empfehlung! Zitate: „Er geht ein kleines Stück vor mir her, und plötzlich greife ich nach seiner Schulter, wie ein Wahnsinniger, mitten in der Eingangshalle der Bibliothek, genauso, vollkommen entgegen meiner Natur, ohne zu überlegen, in der Menschenmenge, die dem Gebäude entströmt, im Herzen eines ins klebrig Warme gekippten Nachmittags fasse ich ihn allen Ernstes an, und er bleibt stehen, und erst einen Moment später dreht er den Kopf, schaut zuerst auf meine Hand auf seiner Schulter, auf meine Fingerspitzen, die auf dem Bogen seines Schlüsselbeins ruhen, und dann auf mich, und während dieses kurzen Zeitraums bin ich ganz und gar ein anderer Mann – so lebendig, denke ich, so lebendig bin ich noch nie gewesen. Er ist Serbe, und ich bin Albaner, und darum sollten wir Feinde sein, aber jetzt, da wir einander berühren, steht nichts zwischen uns, was dem anderen ungewöhnlich oder fremd wäre, und ich habe das unerschütterliche Gefühl, wir beide, wir sind nicht wie die anderen, und dieses Gefühl trifft mich so stark, so undurchdringlich deutlich, dass es wie eine von oben gesandte, für mich geschriebene Botschaft ist; …“ „Nachdem ich mich auf dem Bettrand niedergelassen habe, beeile ich mich sofort, das Licht wieder zu löschen, ich ziehe die Vorhänge zu und lasse dann die Scham und die Reue ihr Werk verrichten: meine Innereien zerfressen, meinen Kopf gegen Decke und Boden schlagen, die bedingungslosen, von der nächtlichen Wand sich lösenden Worte wiederholen, die wir in den schlimmsten Stunden zu uns selbst sagen, die hässlichsten von allen, die man nur zu sagen wagt, wenn die übrige Welt schläft. Diese Nacht ist die barbarischste meines Lebens, und nicht einmal dem bösesten Mann wünschte ich, eine solche zu verbringen.“



