9. Aug.
Rating:3.5

Ragnar Johanson ist ehrlich, pflichtbewusst und zutiefst überzeugt vom schwedischen Wohlfahrtsstaat, so tief, dass er seine eigenen jugendlichen Träume aufgibt, um als kleines Rädchen im System seinen Beitrag für das große Ganze zu leisten. Als das große Ganze zu Bröckeln beginnt, geraten auch Ragnars Welt und seine Überzeugungen ins Wanken. Lena Andersson erzählt eingängig und nüchtern die Geschichte von Ragnars Familie und gibt Einblick in das von den schwedischen Sozialdemokraten angestrebte Gesellschaftssystem (sog. Volksheim). Leider kommt die Darstellung des Wandels und der gegenwärtigen Situation in Schweden etwas zu kurz und das Buch endet, wo es am spannendsten gewesen wäre noch etwas mehr in die Tiefe zu gehen.

Der gewöhnliche Mensch
Der gewöhnliche Menschby Lena AnderssonLuchterhand
31. März
Rating:5

Im Jahr 1933 entstand in Schweden die Idee eines modernen Wohlfahrtsstaats, die "Volksheim"-Bewegung. Die Idee: wenn alle gleich sind, geht es allen gut Ragnar Johannson ist begeistert von dieser Idee, ordnet ihr sein ganzes Leben unter- und das seiner Familie gleich mit. Nur nicht auffallen, bescheiden sein, im Strom mitschwimmen. Als Kompensation für dieses Mittelmaß trainiert er seine Kinder zu sportlichen Höchstleistungen. Als diese sich irgendwann weigern, Ihr Leben so zu leben, wie ihr Vater sich das erträumt hat, bricht für Ragnar eine Welt zusammen, er fühlt sich, als gäbe es keinen Platz mehr in der Welt für ihn. Großartig von Antje Ravik Strubel (Buchpreisträgerin 2021) übersetzt erleben wir gemeinsam mit Ragnar Johannsen die Entwicklung des Schwedischen Staates im 20. Jahrhundert mit. Geistreich, tragisch, gewöhnlich und witzig zugleich. 5 Sterne 🙂

Der gewöhnliche Mensch
Der gewöhnliche Menschby Lena AnderssonLuchterhand
27. Jan.
Rating:3

Ich bin etwas hin- und hergerissen, wie ich das Buch einschätzen soll. Auf der einen Seite ist die Familie Johansson mit dem sehr genauen, sehr strengen und sehr fokussierten Vater Ragnar. Er wollte gern mehr in seinem Leben erreichen, aber er scheiterte bzw. er gab (aus meiner Sicht) zu schnell auf und ordnete sich lieber der Gesellschaft unter. Nicht auffallen, der Gesellschaft dienen, den Wohlfahrtsstaat unterstützen. Die Kinder müssen der strengen Erziehung standhalten. Was der Vater nicht geschafft hat, sollen nun die Kinder erreichen. Die Anforderungen an sie sind hoch und das Verständnis für die kindlichen Bedürfnisse eher gering. Auf der anderen Seite wird in diesem Buch die schwedische Politik und Gesellschaft näher beleuchtet und anhand dieser Beispielfamilie dargestellt. Es hatte etwas von einer Sozialstudie in Romanform. Diese geschichtlichen und soziologischen Aspekte der Geschichte fand ich interessant. Man bekam das Gefühl hinter die Kulissen schauen zu können. Beide Seiten wurden miteinander verknüpft. Der Schreibstil der Autorin war recht trocken, kühl und distanziert, so dass ich meine Probleme hatte eine Bindung zu den Charakteren aufzubauen. Manche Passagen waren sehr ausschweifend und zäh und dadurch leider auch etwas ermüdend. Es ist kein Roman, der sich zum Schmökern eignet. Man muss sich Zeit nehmen und auf die Geschichte einlassen können. Mich haben die Charaktere (besonders Ragnar) leider kaum erreicht. Für mich waren die gesellschaftlichen und politischen Aspekte und Informationen am interessantesten, da man die Schweden und ihre Einstellungen, Werte und Ansichten besser kennenlernen konnte.

Der gewöhnliche Mensch
Der gewöhnliche Menschby Lena AnderssonLuchterhand