Mut zum Anderssein
Anna Thurow, kurz vor ihrem 30. Geburtstag in Ostdeutschland, steht an einem persönlichen Wendepunkt. Gezeichnet von einem Burnout und Depressionen schwimmt sie mit einem tiefen „Etwas stimmt nicht“-Gefühl durchs Leben. Aus einer Laune heraus, geht sie zu einer Wahrsagerin, die ihr in einer Hypnosesitzung enthüllt: in ihr schlummert die Seele eines kroatischen Juden namens Andri. Getrieben von Neugier reist Anna nach Dubrovnik und setzt sich mit der Shoa. dem Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien und vor allem mit sich selbst auseinander. Der Roman zeichnet sich vor allem durch seinen zynischen und tiefschwarzen Humor aus, der doch voller Tiefe und überraschend warmherzig ist. Anna ist als Protagonistin sehr ambivalent, provokant und impulsiv, gleichzeitig doch aber auch so nahbar und zerbrechlich, dass man sich ihr nur verbunden fühlen kann. Und genauso findet auch der gesamte Inhalt eine gute Balance zwischen Humor und Tiefgang. Mich hat besonders die tiefe Verbindung, die man zu der Stadt aufbaut, berührt. Die Beschreibung von Dubrovnik ist so detailliert und ausführlich, dass man fast selbst durch die Straßen wandelt. Und dabei entdeckt man nicht nur die Stadt und seine Bewohner, sondern auch die Geschichte von Kroatien. Zustra verknüpft Identitätsfragen mit jüdischer Geschichte, Gender-Fragmentierung und transkultureller Erinnerung und eröffnete mir so ein tieferen Blickwinkel in dieses Land. Am Ende verlor sich der Roman ein wenig in langatmige Monologe, man nimmt teil an den belanglosesten Gedanken von Anna, aber in diesen stecken auch immer existenzielle Fragen über das Leben. Trotz der Schwächen ein toller Roman für alle, die bereit sind sich auf eine sprachliche und emotionale Reise nach der eigenen Identität zu begeben.


