ÜBERZEITLICH Widersprüchliche Erwartungen und Aufgaben; groteske bürokratische Anforderungen („Schicken Sie die abwesenden Schüler*innen bitte ins Sekretariat“), Materialknappheit, Disziplinlosigkeit, Gewalt, bauliche Mängel am Gebäude, Sexismus durch Schüler*innen, Sprachbarrieren, Konkurrenz innerhalb des Kollegiums und Rassismus innerhalb der Schüler*innenschaft – der Orkan der Herausforderungen, in dessen Auge sich die Junglehrerin Sylvia Barrett in ihren ersten Tagen an der fiktiven Coolidge High wiederfindet dürfte in Teilen und sicherlich weniger drastisch den meisten meiner Kolleg*innen in der ein oder anderen Akzentuierung und Ausprägung bekannt sein. Auffällig wird für den gleichen Personenkreis sein, dass hier nichts zu Missständen im Bereich der Digitalisierung zu finden ist. Dis liegt daran, dass Bel Kaufmann, Tochter des jiddischen Schriftstellers Scholem Alechjem ihre auf persönliche Erfahrungen im Bildungswesen basierende Schulsatire bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts veröffentlichte und diese schnell zu einem Bestseller nebst Verfilmung wurde. Um das unglaubliche Ausmaß der Eindrücke dieser jungend idealistischen Lehrkraft auch narrativ abzubilden, bedient sich Kaufman keiner klassischen Erzählinstanz, sondern beschwört einen „Schneesturm aus Papier, aus geschriebene Worten“, heraus, indem sie ausschließlich schriftliche Dokumente zu Wort kommen lassen. Neben den Briefen, die Silvia an ihre Freundinnen richtet, die andere Lebenswege eingeschlagen haben und in denen sie immer wieder zwischen hilferufartigen Zweifeln und einer Jetzt-erst-recht-Mentalität wechselt; bekommen die Leser*innen Feedbackbögen der Schüler*innen und deren Aufsätze präsentiert; Befehle der Schulleitung und Korrespondenzen mit den Kolleg*innen aus Silvias Papierkorb; Dienstanweisungen seitens des Schulbezirks und vieles mehr vorgelegt. Ein scheinbar niemals endender Strom von Informationen, den diese Berufsanfängerin in der Problemklasse zu bewältigen hat. Während erfahrene Kolleg*innen die Leistungs- und Oberstufenkurse unterrichten, kann in Ms. Barretts Klasse von Unterricht anfangs kaum die Rede sein, ist sie doch zu sehr damit beschäftigt, nicht unterzugehen. Neben dieser Kritik an den Umständen im Bildungswesen, dass sich selbst soweit in bürokratischer Selbstverstümmlung ergeht, dass die Schulen weniger Bildungsinstitutionen als Verwahranstalten genannt werden können und in denen offiziell Bildung zwar das hehre Ideal ist, durch Bestimmungen und Gegebenheiten allerdings nahezu verunmöglicht wird; beschreibt Kaufman mit viel Scharfsinn und beißendem Humor stereotype und doch der Realität entnommene Schüler*innen -und Lehrer*innentypen. Kaufman hat eine Schulsatire verfasst, die auf erschreckende Weise verdeutlicht, wie überzeitlich und räumlich ungebunden Probleme in Bildungskontexten sind, wie schwer es ist, sich einen gewissen Idealismus und Menschlichkeit in diesem System zu bewahren, in dem die meisten Akteure nur ein Name oder gar eine Nummer sind. Gekonnt wandelt der Text auf dem schmalen Grad zwischen großem Humor und groteskem Grauen und sollte gerne von vielen Akteur*innen in Schule gelesen werden und auch von solchen, die nichts mit diesen zu tun haben.
26. JuliJul 26, 2023
Die Abwärtstreppe raufby Bel KaufmanFrankfurter Verlagsanstalt
