20. Okt.
Rating:3

Ein Buch, dass mich mit schalem Geschmack im Mund zurück lässt.. Loth, Noa und Elija sind Schwestern. Und unterschiedlicher als die drei kann man Schwestern nicht erfinden! Die drei begeben sich auf eine Wanderung und wollen die alte Vertrautheit aus der Kindheit wieder aufleben lassen. Auf der Wanderung springt der Leser in die Köpfe der jeweiligen Erzählerin und wie man im wahren Leben manchmal die Gedanken schweifen lässt, so driftet man beim literarischen Mitwandern auch hier ab in die Leben der einzelnen Schwestern. Warum ist Loth so dürr und hegt so wütende und düstere Gedanken? Warum ist Noa glücklich verliebt und kann trotzdem keine Nähe zulassen? Wohin geht sie nach Feierabend während ihr Freund auf sie wartet? Und was ist mit Elija, die Traumtänzerin, die die Bühne liebt? Warum ist sie so völlig anders als die Schwestern? Schnell wird klar, dass sie Trisomie 21 hat und die Welt aus völlig anderen Augen sieht. Ein Buch, dass sehr viel Spielraum für eigene Gedanken lässt, sprachlich manchmal sperrig daher kommt, trotz oft kurzer klarer Sätze und mit Themen spielt wie Behinderung, Prostitution oder Nationalsozialismus. Dieses Buch hat mich sehr zum Nachdenken und literarisch an meine Grenzen gebracht.

Elijas Lied
Elijas Liedby Amanda Lasker-BerlinFrankfurter Verlagsanstalt
23. Sept.
Rating:4

Elija, Noa und Loth sind als Schwestern untrennbar miteinander verbunden, aber ihre Leben und Werte könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf einer Wanderung, die an vergangene Kindheitstage erinnern soll, tritt deutlich zutage, dass man zwar zusammen aufwachsen, aber nicht zusammen erwachsen sein kann. Der Roman hat mich nachhaltig beeindruckt - und das, obwohl Schwestern-Geschichten mich eher wenig interessieren und der Inhalt mich auf den ersten Blick nicht so sehr angesprochen hat. Amanda Lasker-Berlin ist jedoch ein wirklich bemerkenswerter Roman gelungen, der vor allem erzähltechnisch und sprachlich sehr überzeugt. Sie versteht es, mit wenigen - oft sehr schönen - Worten sehr viel Gefühl und tiefe Emotion unterschiedlichster Färbung zu transportieren. So kann man Noas Leere und Ohnmacht ebenso greifen wie Elijas Nichtverstehen und ihren Wunsch nach Zuneigung oder Loths Wut. Diese Gefühlsebenen werden durch die Erzählperspektive zwar auch durch die Gedanken der Figuren, aber häufiger durch Handeln oder Unterlassen der Figuren illustriert. Der Schreibstil ist für mich besonders deshalb so eindrucksvoll, weil er keine Scheu hat, Dinge auszuformulieren, aber es dennoch oftmals auch dem Leser überlässt, sich einen eigenen Reim auf das Erzählte zu machen. Das Berückende an der Handlung ist, dass die Wanderung die Rahmenhandlung für die Annäherung des Lesers an die drei Schwestern bildet. So erfährt man Stück für Stück, Fragment für Fragment, immer mehr über jede einzelne der Frauen. Die Art wie dies vonstatten geht, erinnert an menschliche Denkprozesse: erst ist man im hier und jetzt bei der Wanderung und schon driftet die Gedankenwelt in die Vergangenheit oder zu ungelösten Problemen. Das ist schon sehr, sehr gut überlegt und umgesetzt. Die Figuren sind sehr komplex und damit sehr authentisch und auch hier hat sich die Autorin einer recht schwierigen Herausforderung gestellt. Ihr gelingt es, die Gefühlslage Elijas, die durch ihr Down-Syndrom die Welt anders wahrnimmt, ebenso nachvollziehbar einzufangen, wie die Loths, die vollkommen der rechten Gesinnung verfallen ist - beide sind keine einfachen Charaktere. Auch wenn der Roman auf subtile Weise distanziert wirkt, so ist man doch emotional berührt - die Geschichte und die Schwestern entfalten eine Sogwirkung. Elijas Lied ist ein sehr lesenswerter Roman mit viel Interpretationspotential. Sehr gelungen!

Elijas Lied
Elijas Liedby Amanda Lasker-BerlinFrankfurter Verlagsanstalt