Sehr vielfältig
Ich muss sagen: Für einen Abenteuerroman ist Wolfsblut außerordentlich geschickt geschrieben. Dies ist nun mein drittes Buch von Jack London, und ich muss sagen, dass er unglaublich viele Botschaften in seine Romane verpackt. Diese sind meist nicht besonders umfangreich und lassen sich sehr schnell lesen, doch er schafft es, auf wenigen Seiten erstaunlich viel zu erzählen. So auch in Wolfsblut. Der Hauptprotagonist trägt den Namen Wolfsblut und ist tatsächlich ein Wolf. Die Geschichte wird größtenteils, genauer gesagt fast ausschließlich, aus seiner Perspektive erzählt. Jack London schlägt dabei sehr interessante Brücken zu Themen, die alles andere als tierisch sind, sondern für den Menschen einen wesentlichen Bestandteil des eigenen Lebens darstellen. Wolfsblut ist nicht nur ein Abenteuerroman, sondern auch ein Gesellschaftsroman. Gleichzeitig ist das Buch eine Demonstration von Macht und davon, was geschieht, wenn diese missbraucht wird. Wir erleben die Entwicklung des Wolfes, die stellenweise erstaunlich menschlich wirkt. Er muss zahlreiche Schicksalsschläge erleiden. Er wird unter harter Hand großgezogen, muss sich ständig gegen andere Hunde behaupten und entwickelt sich dadurch zu einem Kämpfer, der beinahe unbesiegbar erscheint. Sein Leben ist rau, geprägt von Aggression und Entbehrungen. Zudem hat er großes Pech mit den Menschen, die ihn besitzen. Bei seinem ersten Herrn muss er sich fortwährend gegen die bereits vorhandenen Hunde durchsetzen. Beim zweiten Besitzer wird er für Hundekämpfe abgerichtet. Und wie man so schön sagt: Aller guten Dinge sind drei. Erst beim dritten Menschen findet er Frieden. Er erfährt Liebe. Er erfährt, was es bedeutet, ein Zuhause zu haben, und ist am Ende sogar bereit, sein Leben für seine Menschen zu opfern. Ob er dieses Leben tatsächlich verliert oder nicht, möchte ich offenlassen – vielleicht ist das ein zusätzlicher Anreiz, das Buch selbst zu lesen. Besonders interessant ist, dass wir tief in die Gedankenwelt des Wolfes eintauchen dürfen. Es wird eindrucksvoll beschrieben, wie er die Menschen wahrnimmt: als mächtige Wesen, beinahe als Götter. Sie beherrschen das Feuer, formen ihre Umwelt nach ihrem Willen und kontrollieren die Natur. Schon die Tatsache, dass sie einfache Stöcke als Werkzeuge benutzen, beeindruckt ihn zutiefst. Gleichzeitig zeigt der Roman sehr deutlich den Einfluss des Menschen auf die Natur. Es wird klar dargestellt, dass der Mensch gewöhnlich an der Spitze der Nahrungskette steht. Wolfsblut wird gezähmt und verliert nach und nach seinen Freiheitsdrang. Er erkennt die Vorteile des Zusammenlebens mit Menschen: Er muss nicht mehr jagen, hat stets Nahrung und ein warmes Zuhause. Zwischen Mensch und Wolf entsteht eine Symbiose, ähnlich jener Entwicklung, die vermutlich auch zur Entstehung des Haushundes geführt hat. Interessant ist zudem, dass Wolfsblut gewissermaßen das Gegenstück zu Ruf der Wildnis darstellt. Dort erleben wir die Geschichte eines Hundes, der an das Leben bei Menschen gewöhnt ist, in die Wildnis gerät und schließlich dem Ruf der Freiheit folgt. In Wolfsblut wird diese Entwicklung umgekehrt erzählt: Ein Wolf, der die Freiheit der Wildnis kennt, entscheidet sich letztlich für das Leben an der Seite des Menschen. Ich würde dieses Buch auch größeren Kindern empfehlen. Zwar gibt es einige blutige und brutale Szenen, doch insgesamt handelt es sich um einen familienfreundlichen Roman. Für ältere Leser bietet das Buch darüber hinaus zahlreiche wertvolle Botschaften und interessante Denkanstöße. Insgesamt ist Wolfsblut ein schöner, spannender und zugleich nachdenklicher Lesespaß, den ich gerne weiterempfehle.
























