Pirkko Saisio „Gegenlicht“ - Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat - Klett Cotta 2024 - 254 Seiten Nach „Das rote Buch der Abschiede“, welches chronologisch seine Geschichte nach dem vorliegenden erzählt, war „Gegenlicht“ der zweite autofiktionale Roman der Autorin. Man schreibt 1968, als die neunzehnjährige Protagonistin die Schule beendet und sich aus dem beengtem Elternhaus in die weite Welt begeben möchte. So reist sie von Finnland in die Schweiz, wo sie - wie Julie Andrews in „Meine Lieder - meine Träume“ - von Kindern angebetet werden möchte (ohne selbst welche zu gebären). Somit tritt sie eine Stelle in einem Schweizer Waisenhaus an. „Sie will auch angebetet werden. Ohne es sich einzugestehen, aber durchaus berechtigt geht sie davon aus, bei schutzbedürftigen Waisenkindern auf besonders selige Anbetung zu stoßen.“ Die Geschichte schwankt nun immer zwischen den Erlebnissen in der Schweiz und der Kindheit der Protagonistin. In der Schweiz erlebt sie einen Kulturschock, da die Schweiz und ihre Bewohner, sich doch von Finnland und den dortigen Menschen unterscheiden; die Schweizer wiederum haben eine feste Meinung von den Finnen und ihren Gepflogenheiten. Sie ist von den Umgang der Erzieherinnen mit den Waisenkinder recht irritiert. „Und die Tanten geben den Kindern Ohrfeigen, binden Zweijährige stundenlang aufs Töpfchen…Ich hasse die Kinderbetreuerinnen, die beten und fromme Gesangbuchlieder singen, aber im nächsten Moment Babys und Kleinkinder schlagen, weil sie nach dem Wickeln gleich wieder in die Windeln gemacht haben.“ Und doch stellt sie fest, dass die Kinder, die nachts weinen, tagsüber wieder lachen. Dagegen angehen, dazu fehlt ihr die Kraft und der Mut; zudem hat sie in ihrer Erziehung ein gewisses Gehorsam gelernt. Die Geschichten ihrer Kindheit, ihre Schulzeit, ihre (häufig stillen) Auseinandersetzungen mit den Lehrern, den Freundinnen, ihrem sozialistischem und sehr patriarchalischem Vater und der - von Haushalt und Mann überforderten - Mutter, werden in einer sehr dichten Sprache geschildert. Hier trifft es Hannah Lühmann (Welt am Sonntag) sehr schön. Sie schildert das Buch als heiter, lenbensverliebt, leichtfüßig, sprunghaft, herb. Ich würde dem noch „angenehm ironisch“ hinzufügen wollen. Und das Schöne an der ganzen Geschichte ist, dass sich hier jeder Erwachsene rückblickend wieder erkennen kann. Die Probleme eines Schülers, einer Schülerin. Der Lehrer der angebetet und gleichzeitig gehasst wird. Die beste Freundin, die plötzlich ganz andere Ansichten hat. Die neue, ältere, viel coolere Freundin, die ganz anders lebt, als man selbst; Die revolutionäre Lektüre liest und ihre daraus gewonnenen Erkenntnisse in die Schule trägt (und damit durchaus scheitert). Der Großvater, der in dem Zimmer lebt, das „eigentlich meins sein sollte“. Die Eltern, die nicht so leben und miteinander umgehen, wie man es erwartet - die sich dann aber wieder einig sind, wenn es um das Kind geht. All dies schildert die Autorin in einem wahren Pageturner. Etwas gewöhnungsbedürftig (aber das kannte ich bereits aus dem ersten Buch) ist der Wechsel, der Sprung, nicht nur in der Zeit, sondern auch von der dritten in die erste Person. Hat man dies aber angenommen, so macht es die Erzählung noch einmal spannender, da die Protagonistin aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird; damit werden bestimmte Zusammenhänge bereits vorweg genommen um damit die geschilderten Geschehnisse klarer und logischer werden. Wieder ein tolles Buch der Autorin - es vereint eine Coming of Age Geschichte mit einer Geschichte von Befreiung und weiblicher Selbstbestimmung, mit der Liebe zur Heimat und Familie. Dabei wird aufgezeigt, dass diese Liebe und Sehnsucht erst klar wird, wenn man bereit ist, auch über den Tellerrand zu schauen - und dann etwas in die heimatliche Suppe zu schippen, was dort vorher noch nicht vorhanden war; sich gleichzeitig befreien, die eigenen Werte aber nicht vergessen und durch neue, fremde Werte ergänzen, darauf kommt es an. „Aber der Sommer, der gerade beginnt, und die zweiunddreißig Sommer, die mich von ihr trennen und sie von mir, diese Sommer sind meine.“ Ich freue mich schon auf den nächsten Band DAS KLEINSTE GEMEINSAME VIELFACHE, welches im Herbst erscheint. Von mir eine ganz große Empfehlung für alle, die schon Das rote Buch der Abschiede mochten die Spaß haben an einer tollen Sprache die gern lesen Von mir 5/5 Sternen.
"Ich muss warten, bis die Geschichte sich von selbst zu Ende schreibt. Ich muss daran glauben, dass mein Leben zu einer Geschichte wird und meine Partnerlosigkeit in etwas Sinnvolles mündet. Ich muss glauben, dass mein Leben zu einer Geschichte wird. Und daran glaube ich." - Buchzitat S. 136 In "Gegenlicht" von Pirkko Saisio begibt sich eine junge Frau auf die Suche nach Liebe und Anerkennung in der Schweiz, nur um festzustellen, dass ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit sie eher einschränkt als befreit. Die Autorin Pirkko Saisio, eine herausragende Stimme der finnischen Literatur, nimmt uns mit auf eine poetische Reise durch das Erwachsenwerden und die Suche nach Identität. Die Geschichte dreht sich um eine Abiturientin, die im Jahr 1968 Helsinki verlässt, um in der Schweiz ein neues Leben zu beginnen. Trotz ihrer Träume und Hoffnungen stellt sie schnell fest, dass die Realität anders ist als erwartet. Zurückgeworfen in die Enge ihrer Vergangenheit, kämpft sie darum, ihren Platz in der Welt zu finden und sich von den Erwartungen anderer zu befreien. Meine Meinung zu "Gegenlicht" ist zwiespältig. Während die Erzählung einige wunderbar erzählte Momente und tiefe Einblicke in die Gedankenwelt der Protagonistin bietet, hatte ich Schwierigkeiten, mich mit dem Schreibstil (Prosa) anzufreunden. Der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit ist aber gut gelungen und die romantisierte Darstellung der Schweiz und der Waisenhaus-Erfahrung wirkten auf mich realistisch. Und es war faszinierend, die Protagonistin auf ihrem Weg des Erwachsenwerdens zu begleiten und zu sehen, wie sie sich gegen die Erwartungen anderer behauptet. Insgesamt würde ich "Gegenlicht" mit 3 von 5 Sternen bewerten. Es ist ein Buch, das mit poetischer Sprache und tiefen Einblicken in die menschliche Natur glänzt, aber gleichzeitig durch seinen ungewöhnlichen Schreibstil Leserinnen und Leser abschrecken könnte. Dennoch lohnt es sich, sich auf die Reise der Protagonistin einzulassen und ihre Entwicklung mitzuerleben. Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Das hat meine Meinung jedoch nicht beeinflusst.

