Ein heute sehr, sehr wichtiges Buch über den Übergang von Demokratie zu Faschismus.
Ein sehr informativ-geschriebenes, flüssig zu lesendes Buch, das die Zeit vor der autokratischen Machtübernahme Mussolinis in Romanform spannend beschreibt, aber auch ziemlich ausführlich historisch belegt. Die Entstehung des Faschismus.
Das Buch ist aktueller denn je und das grosse M steht für mich auch für ein Mahnmal gegen Tendenzen in verschiedenen Gesellschaften Medien zu zensieren oder "trocken zu legen", Universitäten zu vereinnahmen und vor allem in der politischen Kultur gegenüberstehenden Parteien und Exponenten.
Sehr interessant und in Romanform auch sehr angenehm zu lesen.
"Nach dieser Nacht wird das Leben in der Polesine nicht mehr dasselbe sein. Der Terror breitet sich überall aus, schleichend, gleichförmig und in einen Schleier aus Raureif gehüllt."
Auf über 800 Seiten erzählt Antonio Scurati in seinem Roman "M. - Sohn des Jahrhunderts" vom Benito Mussolini und vom Aufstieg des Faschismus in Italien.
(Übersetzt aus dem Italienischen von Verena Koskull.)
Scurati beginnt seinen Roman im Jahr 1919. Wir befinden uns im krisengeplagten Italien der Nachkriegszeit, in der Italien sich, durch den Ersten Weltkrieg geschwächt, in einem wahren politischen Trümmerfeld befindet. Die Kriegsheimkehrer werden nicht wie Helden gefeiert, sondern wie Dreck auf der Straße entsorgt. Ohne Job und Geld, traumatisiert durch das Erlebte und getrieben von ihrem Unmut, schafft es Benito Mussolino sie gegen die politische Linke zu einen. Und gerade in eben jenen politisch unsicheren Zeiten verschafft sich Mussolini Gehör und vereint die unterschiedlichsten Gruppierungen unter seinem Banner und schafft es so innerhalb von 6 Jahren den Faschismus als Staatsideologie festzuschreiben.
Mussolinis Taktik ist dabei stets die gleiche: abwarten, dosieren, verlängern und weiter ausharren, um am Ende beim Verhandeln allen überlegen zu sein. Er ist ein Puppenspieler, der die Fäden seiner Marionetten in der Hand hält und diese nach Belieben tanzen lässt. Nach dem berühmten Marsch auf Rom Ende 1922, hat er es geschafft. Beim Volk ist er beliebt. Er ist einer von ihnen, der von ganz unten kommt. Der Sohn eines Dorfschmieds, der gegen alle Politiker, die den Bezug zum Volk verloren und die sich ebenso in ihren Machenschaften und Palastintrigen versunken haben, vorgeht.
Doch in den eigenen Reihen hat er wahre Monster geschaffen, gegen die auch er machtlos ist. Gewalt ist an der Tagesordnung, die öffentliche Gewalt, die Mussolini lautstark verabscheut, weil sie seiner Macht schadet. Er selbst ist jedoch auch nicht zimperlich, wenn sich ihm jemand entgegenstellt.
Der Mord an Giacomo Matteotti im Jahr 1924, der die Machenschaften Mussolinis mit den Amerikanern aufdecken wollte, bringt Mussolinis Pläne und Regierung im Herbst 2024 fast zum Einsturz. Hinter den Kulissen werden schon eifrig Mordpläne gegen ihn geschmiedet und im Parlament trauen sich einzelne Stimmen endlich den Mund aufzumachen. So sagt der Magnat Ettore Conti im Senat: "Zwar ist es dem Faschismus gelungen, das Land materiell wieder auf die Beine zu stellen, doch in seiner moralischen Aufrichtung hat er versagt." Doch Mussolini schafft einen Überraschungscoup mit einer simplen Wahlrechtsreform. Und da es den Karrierepolitikern einzig und allein um ihre eigene Wiederwahl geht - egal, ob das Land vor die Hunde geht - reihen sich alle wieder hinter Mussolini ein, die Sozialisten, die Kommunisten, die Volksparteiler wie auch die Faschisten ...