13. März
Rating:4.5

Heimat ist vielleicht nicht Ziel des Bleibens, sondern Ziel des Gehens.

Sine kehrt für die Beerdigung ihrer Großmutter zurück in ihre Heimat in Siebenbürgen. Während sie durch die Landschaft und Straßen ihrer Kindheit streift, findet sie nicht nur einen vergessenen Teil von sich wieder, sondern erfährt auch mehr über ihre Oma.

Halber Stein
Halber Steinby Iris WolffKlett-Cotta
21. Feb.
Rating:4.5

Zwischen Herkunft und Herz: Eine leise Geschichte, die bleibt

Halber Stein von Iris Wolff ist für mich kein Roman, den man einfach liest und wieder ins Regal stellt. Es ist ein Buch, das sich leise in einen hineinlegt – wie ein Kiesel in der Manteltasche, den man immer wieder berührt, ohne es ganz zu merken. Vielleicht trifft es mich deshalb so tief, weil auch in meiner eigenen Familie eine Auswanderung erlebt wurde. Dies ist und war keine laute, dramatische Erzählung, sondern eine, die aus Pausen bestand. Aus Dingen, die nicht ausgesprochen wurden. Aus zurückgelassenen Häusern, Dialekten, Gerüchen. Genau diese leisen Zwischentöne fängt Iris Wolff mit einer Zärtlichkeit ein, die mich immer wieder innehalten ließ. Das Buch erzählt von Herkunft und Verlust, von Bindung und dem, was bleibt, wenn Orte verschwinden oder unerreichbar werden. Der Titel ist dabei so schlicht und doch so wahr: Wir tragen oft nur einen halben Stein mit uns, eine Hälfte der Erinnerung, eine Hälfte der Geschichte. Die andere bleibt zurück. In einem Dorf. In einem anderen Land. In einer Zeit, die nicht mehr zugänglich ist. Die Sprache der Autorin ist von einer fast schmerzhaften Klarheit. Kein Wort zu viel. Kein Gefühl überzeichnet. Und gerade dadurch entsteht eine enorme Intensität. Sie schreibt über Migration nicht als politisches Schlagwort, sondern als inneren Zustand: das Dazwischen. Das Nie-ganz-Ankommen. Das Weitergeben von Fragmenten an die nächste Generation. Was mich besonders bewegt hat, ist die Sanftheit, mit der die Autorin ihre Figuren betrachtet. Niemand wird verurteilt. Niemand ist nur Opfer oder nur Täter der Umstände. Alle tragen ihre Last und ihre Sehnsucht. Dieses Buch ist kein lautes. Es fordert Geduld, Aufmerksamkeit, vielleicht auch eigene Erinnerungsbereitschaft. Aber wenn man sich darauf einlässt, schenkt es etwas sehr Kostbares: das Gefühl, dass die eigenen familiären Bruchstücke Teil einer größeren, gemeinsamen Erfahrung sind.

Halber Stein
Halber Steinby Iris WolffKlett-Cotta
16. Feb.
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Rating:2.5

Poetisch, bildgewaltig, sanft – aber leider zum falschen Zeitpunkt zu mir gekommen. Nachdem mir Lichtungen von Iris Wolff richtig gut gefallen hatte, habe ich beschlossen, auch ihre anderen Bücher zu lesen. Halber Stein begleitet Edda und ihren Vater zurück in die Heimat, die sie verlassen haben, als Edda noch ganz klein war. Es ist ihr erster Besuch seit Jahren, denn ihre Großmutter ist gestorben. Man begleitet sie dabei, wie sie Haus und Gegend neu erkundet und dabei auf alte Erinnerungen stößt. Es geht um Familie, Heimat und Nachlass. Iris Wolff schreibt so fein und detailreich, dass die Bilder ganz leicht im Kopf entstehen. Das ist einerseits wunderschön, andererseits zieht sich die Geschichte dadurch etwas in die Länge. Manchmal fühlte ich mich in den Details verloren – und damit auch in der Geschichte selbst. Die Handlung rückte für mich in den Hintergrund, und ich hatte keine klare Vorstellung davon, worauf alles hinauslaufen sollte. Das ist an sich nichts Schlechtes, aber es hat mich leider überhaupt nicht abgeholt. Ich mag es eigentlich sehr, wenn ein Text umschreibend und detailreich ist. Doch dieses Mal hat es mich eher blockiert. Ich begann, über Zeilen zu springen – und schließlich habe ich das Buch abgebrochen. Ich wurde einfach nicht warm mit der Geschichte und den Charakteren. Sie blieben für mich so sehr auf Abstand, dass ich keine echte Verbindung aufbauen konnte. Die Umgebung wirkte greifbarer als die Personen, die eher leise mitschwingen. Für mich war es einfach der falsche Zeitpunkt für dieses Buch. Im Sommer werde ich ihm noch einmal eine Chance geben, denn es zieht mich immer noch an – aber gerade passt es einfach nicht.

Halber Stein
Halber Steinby Iris WolffKlett-Cotta
10. Feb.
Rating:5

Eine Hommage an Siebenbürgen

"Einer der Träume, die länger bleiben, heißt Heimat, auch wenn dieses Wort über die Jahrhunderte mit so unterschiedlichen Bedeutung verwendet wurde, dass es sich fast gänzlich aufgelöst hat. Ich hatte dieses Wort gehütet und mit mir herumgetragen und hatte es verloren geglaubt, als ich dort ankam, wo ich es vermutete." (S. 103) "Halber Stein“ führt die Lesenden in eine besondere Familiengeschichte aus Siebenbürgen, Rumänien. Sine, die Protagonistin des Romans, fährt mit ihrem Vater Johann nach Michelsberg, einem kleinen Dorf in der Nähe von Hermannstadt. Der Grund der Reise ist allerdings ein sehr trauriger, denn ihre Großmutter ist verstorben, und so muss die Beerdigung in der alten Heimat organisiert werden. Sine fährt mit sehr konträren Gefühlen nach Rumänien, da sie auf der einen Seite noch schöne Kindheitserinnerungen in sich trägt, auf der anderen Seite aber auch eine große Wehmut in ihr wohnt, da sie das Land seit ihrer Ausreise als kleines Mädchen mit ihren Eltern vor 20 Jahren nicht wieder besucht hat. In Michelsberg angekommen überkommen Sine viele Kindheitserinnerungen in dem Haus ihrer Großmutter Agneta. Warum hatte sie es innerhalb der letzten 20 Jahre nach ihrem Umzug nach Deutschland nicht mehr geschafft, hierher zu kommen? Wir begleiten sie durch die Erinnerungen ihrer Kindheit im kommunistischen Rumänien der 80er Jahre, auch insbesondere an die dörfliche Gemeinschaft und die innige Beziehung zu ihrer Großmutter in Siebenbürgen. Sie trifft während ihres Besuchs unter anderem auf Julian Eminescu, ihren besten Freund aus Kindertagen. Aber auch andere Dorfbewohnende, die ein enges Verhältnis zu ihrer Großmutter hatten, kommen Sine näher. Sie begibt sich während dieser Tage auf eine Spurensuche, die Suche nach den Wurzeln der Familie, ihrer Sehnsucht sowie ihrer eigenen Identität. Sie erfährt mehr über ihre Großmutter, dieser imposanten Frau, die bereits zu Zeiten des Krieges das Familienunternehmen, eine Färbereit alleine geführt hat, während ihr Großvater im Krieg war und später verändert als gebrochener Mann zurückkam. Sie erkennt, dass ihre Großmutter zu diesen Zeiten bereits eigene Wege gegangen ist und sich auch durch die Enteignung des Kommunismus nicht unterkriegen ließ. Sine bekommt auch einen neuen Blick auf die eigene Auswanderung nach Deutschland, stellt sich und ihrem Vater die Frage: "Würde man es nach dem Wissen heute und seinen Erfahrungen genauso machen?" Hätte man nicht in der Heimat bleiben sollen? Eine innige Auseinandersetzung mit der Identität der Siebenbürger Sachsen und Siebenbürgen im Allgemeinen. "Halber Stein" ist das vierte Buch, das ich von der Autorin gelesen habe. Wie bereits in den anderen Werken kommt hier die besondere poetische und bildhafte Sprache zum Ausdruck. Iris Wolff schreibt nicht nur, sie erschafft Landschaften, die ich mir wahrlich bildhaft vorstellen kann, und verknüpftet diese auf wunderbare Weise mit dem inneren Gefühlserleben ihrer Protagonistin. Das Werk ist für mich eine Hommage an Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen. Die über 800-jährige Geschichte der Sachsen sowie ihrer Bräuche und sprachliche Gegebenheiten kommen in dem Roman so wundervoll zum Ausdruck als auch die Auseinandersetzung mit dem Thema der Auswanderung der Aussiedler*innen aus Rumänien. Für alle, die sich damit näher befassen möchten, ist dieser Roman eine ganz klare Einladung dazu. Ich habe den Roman sehr gerne gelesen und spreche eine absolute Empfehlung dafür aus.

Halber Stein
Halber Steinby Iris WolffKlett-Cotta
3. Feb.
Rating:4

"Jede Geschichte hat ihren Anfang in der Geschichte, die ihr vorangeht."

Nach sehr langer Zeit kehrt Sine, anlässlich des Begräbnisses ihrer Großmutter, nach Siebenbürgen zurück. Hier angekommen, spürt sie den Erinnerungen an ihre Heimat und an ihre Großmutter Agneta nach. “Wo bist du so lange gewesen, schien es mir aus jedem Zimmer zuzuflüstern.” Dieses Buch ist kein Pageturner, dass einen atemlos durch die Seiten hasten lässt. Vielmehr gleitet man durch dieses Buch. Es erlaubt einem, bei einer wunderbar poetischen Formulierung zu verweilen und einem Gedanken nachzugehen, um dann nahtlos mit der Erzählung fortzufahren. Ich habe dieses Buch nicht am Stück gelesen, obwohl dies durchaus möglich ist, sondern habe mir Zeit genommen, um die Bilder in meinem Kopf wirken zu lassen. In diesem leicht melancholischen Roman erfährt man ganz nebenbei noch viele interessante Dinge über die Geschichte und die Kultur Siebenbürgens. In ihrem einzigartigen, bildhaften und poetischen Schreibstil erweckt Iris Wolff die Landschaft, die Orte und die Menschen zum Leben. “Und manche Bücher, vor allem jene, bei denen das Lesen eigentlich ein Wiedererkennen ist, müssen einem immer erreichbar sein.” Mit diesem Buch kann man sich aus der Hektik des Alltags forttragen lassen. Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, der Freude an ruhig und einfühlsam erzählten Romanen hat. Mir hat dieses Buch auf jeden Fall viel Freude bereitet. *Danke an Vorablesen für das Rezensionsexemplar*

Halber Stein
Halber Steinby Iris WolffKlett-Cotta
25. Jan.
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Rating:3.5

Nach über 20 Jahren Abwesenheit kehren Sine und ihr Vater nach Michelsberg in Siebenbürgen zurück. Der Anlass ist kein fröhlicher: Sines Großmutter Agneta ist gestorben. Agnetas altes, verwinkeltes Haus übt sofort den Zauber der dort verbrachten Sommer auf Sine aus, es gibt das blaue, rote und grüne Zimmer, Wekräume und einen großen Garten. Doch erst mit dem Auftauchen ihres Jugendfreundes Julian wird Sine klar, wie sehr sie sich nach ihren Wurzeln sehnt. Sie beginnt, nachzuforschen: Über die Geschichte Siebenbürgens, die Hintergründe der Auswanderung der dort lebenden Sachsen und letztlich die ganz persönliche ihrer Großmutter. Am Ende steht die Frage: Gehen oder bleiben? "Halber Stein" ist bereits 2012 im Otto Müller Verlag erschienen und Iris Wolffs Debütroman, 2026 wurde er vom Klett-Cotta Verlag als Taschenbuch neu aufgelegt. Schon in ihrem Debüt zeigt Iris Wolff ihre große Erzählkunst, ihre Worte erzeugen starke Bilder im Kopf. Es scheint fast so, als wäre man als Lesende*r mit Sine in Michelsberg, in diesem Haus mit den vielen Zimmern, dem spätsommerlichen Garten, auf Wanderungen durch die Natur. Ich lese Iris Wolffs Bücher immer mit großem Genuss und auch Sines Geschichte, die voller Geheimnisse steckt, hat mir gefallen, wenn auch nicht so sehr wie "Die unschärfe der Welt" und "Lichtungen". Ich hatte das Gefühl, dass sich die Autorin in "Halber Stein" doch oft in Nebensächlichkeiten verliert, auch die Beziehung zwischen Sine und Julian blieb für mich ohne große Anziehungskraft und recht blass. Spannend fand ich hingegen, mehr über Siebenbürgen und die Auswanderung der Sachsen aus diesem Gebiet zu erfahren. Die Autorin stammt selbst aus Hermannstadt, was sehr nahe an Michelsberg gelegen ist. Ich empfehle "Halber Stein" vor allem Fans der Autorin und ihrem wunderschönen Schreibstil!

Halber Stein
Halber Steinby Iris WolffKlett-Cotta
24. Jan.
Rating:3

Suche nach der Heimat

Das erste Buch von Iris Wolff, mit dem ich mich schwergetan habe. In Rückblenden erzählt die Ich-Erzählerin Sine von ihrem Aufwachsen in Siebenbürgen. Der Liebe zur Großmutter Agneta, der unbeschwerten Kindheit in der Natur und dem Zusammenhalt im Dorf. Das alles mit ihrer unvergleichlichen poetischen Sprache, die mich auch wieder in den Bann zog. Trotzdem blieben die Figuren dieses Mal ein wenig blass und wenig greifbar. Die Suche nach heimatlichen Wurzeln, dem Warum des Fortziehens nach Deutschland zieht sich als roter Faden durch das Buch und regt zum Nachdenken an.

Halber Stein
Halber Steinby Iris WolffKlett-Cotta
22. Jan.
Rezensionexemplar:
Buch fing sehr leise an, bis ich irgendwann mal emotional drin war.
Rating:5

Rezensionexemplar: Buch fing sehr leise an, bis ich irgendwann mal emotional drin war.

Mir hat das Buch gefallen. Nach den 80ern zieht die Hauptfigur von Deutschland nach Rumänien, genauer gesagt nach Siebenbürgen. zurück Dort tauchen ihre Gedanken übers Leben und die Erinnerungen ihrer Kindheit auf. Ganz am Anfang fand ich den Schreibstil zäh, aber dann, kurz nach der Hälfte, hatte mich das Buch total gepackt. Das Buch ist angenehm ruhig, ohne viel Aufregung oder Hektik. Ich muss zugeben, dass ich dabei fast immer eingeschlafen bin. Für diejenigen, die es etwas schneller mögen (so wie meistens ich), ist es leider nichts. Obwohl in historischen Romanen Spannung eher minimiert ist. Dennoch ist das Buch sehr schön, recht klein, was im Laufe des Lesens meine Meinung komplett verändert hat! Ja das Buch ist klein, aber sehr lehrreich! Schließlich konnte ich viele neue Zitate daraus entnehmen. Zitat: Möge Gott dir nur so viel geben, wie du tragen kannst.

Halber Stein
Halber Steinby Iris WolffKlett-Cotta
22. Sept.
Rating:5

.... manche Bücher, vor allem jene, bei denen das Lesen eigentlich ein Wiedererkennen ist, müssen einem immer erreichbar sein. (S291) Für mich war das Lesen dieses Buches sehr oft ein Wiedererkennen, eine Sehnsucht und ein Träumen, ein Glücksgefühl und viel Melancholie. Wundervolles Buch!

Halber Stein
Halber Steinby Iris WolffKlett-Cotta