Vieles zu Bedenken, viele Erzählstränge von Agrippina und Nero bis zum Ruhrbischof und vertuschtem Missbrauch. Am Ende eher so etwas wie Erleichterung, daß die eindrückliche Schilderung von Missständen zum Abschluss kommt. Lesenswert.

Raffiniert verwobenes Bild der Gewalt an Frauen
Ein Buch über eine Frau, die von einer Schriftstellerin, der vielleicht eigentlichen Hauptperson, geschrieben wird mit Ausflügen in die Antike und die Politik, könnte fürchterlich verwirrend sein, wenn Ursula Krechel nicht so eine brillante Autorin wäre. Den Büchner-Preis hat sie zurecht gewonnen. Ihr gelingt ein großes Bild der Gewalt, die Frauen zu aller Zeit erfahren; von Fremden, der Familie bis zum eigenen Körper.
Ein sprachlich herausragendes Buch. So etwas habe ich wirklich noch nie vorher gelesen. Ursula Krechel scheint die Anzahl der Vokale für die Wahl des nächsten Satzes manches Mal wichtiger zu sein als sein Inhalt. Das Buch changiert daher zwischen sehr dichten und spannenden Etappen und manchen mit der ein oder anderen Länge. Das heißt allerdings nicht, dass der Inhalt hier egal wäre. Durch die wechselnden, sich überlappenden und mit einander verwobenen Perspektiven beschreibt die Autorin eine universelle weibliche gewaltvolle Welterfahrung.
Verschiedene Erzählstränge fächern sich auf wie ein Kaleidoskop über das Leben von Frauen in unserer und in antiker Zeit.
Ein intensives Buch über Frauen - und über Gewalt gegen Frauen - hat Ursula Krechel mit „Sehr geehrte Frau Ministerin“ geschrieben. Die Geschichten von drei Frauen, einer Verkäuferin, einer Lateinlehrerin und einer Ministerin gehen nebeneinander her und stoßen manchmal aneinander. So weich muss man es wohl formulieren. Und im Hintergrund werden weitere Geschichten erzählt - von Kaiser Nero, der seine Mutter umbringen lässt, von der Abwicklung der Kräuterläden, in denen die Verkäuferin arbeitet und zugleich von den schwierigen Verhältnis zu ihrem Sohn, vom Blut und Krankheit, vom politischen Kampf der Ministerin im Justizressort. Meist wird das recht spröde dargeboten. Einige Male blitzen Parallelen zwischen den Geschichten auf, oft aber erschöpfen sich die Geschichten in sich selbst. Mich hat am meisten die äußerst intime Geschichte über die nicht enden wollenden Blutungen und die letztendliche Entfernung der Gebärmutter einer der Protagonistinnen bewegt. Alles zusammen wirken die verschiedenen Erzählstränge wie ein eindrucksvoll breit aufgefächerter Film über das Leben von Frauen in unserer (und teils auch in der römischen) Zeit. Empfehlung!



