13. Mai
Rating:4.5

Der Autor zwei Jahre jünger als ich. Die wahre Geschichte einer Flucht. Der Vater unsympathisch, die Mutter hilflos und die Kinder und die Hunde gnadenlos ausgeliefert. Man denkt ja immer, sowas gibt es nur woanders! Aber als hätte ich es bei "Seemann vom Siebener" geahnt, der Autor wuchs im Nachbarlandkreis auf und dies ließ mich noch erschütterter zurück. Sehr mutig Arno Frank.

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9. Sept.
Rating:4

Roadtrip des Lebens

Aber ein ungewollter! Denn so geht es den Kindern auf ihrer Flucht quer durch Europa. Der Vater ein Betrüger, der von der Polizei gesucht wird. Erst das süße Leben genießend, dann die harte Realität der Flucht. Arno Frank erzählt auf beeindruckende Art hier seine eigene Kindheit mit all den Höhen und Tiefen und einem toxischen und manipulativen Vater. Atmosphärisch schafft Arno Frank auch hier großes, besonders die Erzählungen von Frankreich versetzen einen sofort in das Land. Auch die Emotionen und die Stimmung der Familie schafft er einzufangen und uns als Leser zu vermitteln. Inhaltlich keine Überraschung, besonders nach dem Klappentext, lyrisch und emotional dafür umso mehr.

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2. Juni
Rating:4

Geraubte Kindheit und unglaublicher Roadtrip

Aus Sicht des ältesten Kindes wird die Familiengeschichte über den Zeitraum der Flucht vor Interpol geschildert. Gut gefallen hat mir, dass wir gemeinsam mit dem großen Sohn lange Zeit im Dunkeln tappen darüber, was der Vater eigentlich für Geschäfte macht, beziehungsweise eben nicht macht, unermüdlich und äußerst gründlich reitet er die Familie immer tiefer in den Ruin und muss immer westlicher durch Europa fliehen. Auch wenn viele glückliche und witzige Momente geschildert werden, insbesondere an der Côte d’Azur, wird es für mich als Leserin doch zunehmend unerträglich, was die Kinder alles mitmachen mussten. Auch die beiden Hunde mussten unter dem Wahn des Vaters leiden.Aber was für eine Heldin ist Jeany? Ein super toller Charakter, der es endlich und einzig schafft dem Wahnsinn, ein Ende zu setzen. Schmerzlich zu wissen, dass dies autobiografisch ist, aber auch der (Schreib-)Charakter von Arno Frank zeigt sich hier schon, wie genial er die Figuren, sowohl aus der Arbeiterklasse als auch die der Superreichen schildert, ist unterhaltsam und genial zu lesen. Vermutlich konnte er mit „Seemann vom Siebener“ aus diesen Erfahrungen schöpfen. Hut ab, dass er sich dazu entschieden hat, seine Geschichte zu erzählen.

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28. Okt.
Rating:5

Arno Frank hat einen autobiografischen Roman geschrieben, der ein Auszug aus seiner Kindheit und Jugend ist, aber natürlich auch der, der beiden Geschwister. Nach vielen positiven Rezensionen, die ich gelesen habe, war klar, das ist ein Buch für mich! Doch auch all diese Meinungen konnten mich nicht richtig auf das Buch vorbereiten. Ist es zu Anfang leicht und locker mit viel Wortwitz geschrieben, verschwindet dieses immer wieder Erheiternde zunehmend und mir war regelrecht Angst und Bange vor dem Ende! Warum? Weil man sich zwischendurch immer wieder daran erinnert, dass diese Flucht der Familie keine erfundene ist! Der Autor schreibt aus seiner jugendlicher Sicht. So bekommt der Leser / Hörer die Erlebnisse der Flucht in der Form mit, wie ein Kind / Jugendlicher seines Alters das Ganze gesehen, erlebt und empfunden hat. Aber auch die Auswirkung auf die Geschwister, die jüngere Schwester Jeany und den ganz kleinen Bruder Fabian, der zu dieser Zeit gerade mal zarte zwei Jahre alt war, können gut nachvollzogen werden. Kinder haben eine feine Nase, wenn die Stimmung kippt. Oftmals verstehen sie nur nicht den Grund. Für Kinder sind Erwachsene in vielerlei Hinsicht kompliziert, können ihr Handeln selten verstehen, doch es muss schon sehr viel passieren, bis sie ihren Eltern nicht mehr vertrauen, sie nicht als unerschütterlich betrachten und Fremde um Hilfe ersuchen. Bis das passiert wissen die eigenen Eltern in den Augen der Kinder immer was am besten für die Familie ist. Dass das so ist, kann man dem Buch sehr gut entnehmen. Kommt doch von Jeany immer wieder die Feststellung und damit einher die Frage (sinngemäß): "Wir haben doch nicht mehr viel Geld. Wie viel Geld haben wir eigentlich noch?". Weiß sie doch mit ihren zarten 12 Jahren, dass, wenn man nicht arbeitet, sich das Geld auch nicht vermehren kann. Nach der kurzen, ausschweifenden Phase in Saus und Braus in Frankreich, geht es von heute auf morgen wieder los auf die Straße. Die Mutter und die Kinder folgen dem Vater wie die Lemminge. Was sollen sie auch anderes tun? Ist er es doch, der die Familie zusammenhält, zu jedem Preis, er weiß es am besten und er ist derjenige, der noch ausstehende Schulden von ehemaligen Geschäftspartnern einzutreiben weiß. Er weiß immer, wie die Familie zu Geld kommen wird. Durch viel Charme und Überzeugungskraft, schafft er es immer wieder, dass die Familie ein Dach überm Kopf hat. So lässt man sich auch als Leser von Jürgen becircen und schüttelt noch leicht lächelnd den Kopf über die vielen Menschen, die er für sich vereinnahmt, bis ... ja, bis wann?! Bis Jeany in Portugal, auf einer Zwischenstation ihrer Flucht, vor ihrem großen Bruder Arno, der sie in einer Kneipe mit einem älteren Mann zusammensitzen sieht, zugibt: "Aber ich habe HUNGER!" All das Bemühen des Vaters die Familie zusammenzuhalten, weiter zu lügen und vor dem Gefängnis zu fliehen macht die Mägen der Kinder nicht voll. Und das der beiden Familienhunde noch weniger. Der fast 15jährige Arno bringt es dann auf den Punkt, in dem er sinngemäß sagt, dass der Vater und die Mutter ihr bestes tun. Oder ob sie (Jeany), nachdem der Vater verhaftet wird, in ein Kinderheim gesteckt und von ihren beiden Brüdern getrennt werden möchte. Er hat verstanden, dass das Sich-Stellen des Vaters auch weitreichende Folgen für die Kinder haben würde. So zitterte ich als Hörerin dieser Geschichte dem Ende entgegen. Es konnte kaum gut enden, doch WIE würde es enden? Ich wollte es wissen und doch wieder nicht! Ich wurde überrascht davon, wer das Ende einleitete, da ich damit so nicht gerechnet hatte! Und dann war ich froh und ebenso erlöst. Ich lauschte durchweg gespannt der Stimme Devid Striesows, der mich mit seiner Lesung überzeugte, dass, wer Hörbücher liebt, dieses Buch unbedingt hören sollte! Er schaffte es mich in die Flucht hineinzuziehen. Fazit: Eine wundersame Geschichte über die Flucht einer Familie, die traurigerweise das echte Leben geschrieben hat. Sehr, sehr spannend und tragikomisch! Ein geniales Werk und Lese-/Hörhighlight in 2017.

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6. Okt.
Rating:4

Zum Cover kann ich nur sagen, absolut passend für die 80er Jahre. Polaroid, der Inbegriff der fotografischen Freiheit mit der fetten Bauhaus-Schrift passen wie die Faust aufs Auge. Kein Schnick-Schnak, keine Schnörkel, plakativ wie die Zeit damals auch war. Ob es geschmacklich meine Vorstellung trifft sei dahingestellt, es trifft auf jeden Fall den Nerv der Zeit. Ich finde es köstlich hässlich. In 4 Teilen begleiten wir den Jungen Arno mit seiner Familie auf einer Odysee durch Frankreich und Portugal. In der kindlichen Naivität eines kleinen Jungen erzählt er zunächst von seiner unbeschwerten und verklärten Kindheit, in der in allen Ecken und Winkeln noch die großen Wunder stecken. Er wird von seinem Vater mit Vorstadt-Weisheiten überschüttet, die der arme Junge für bare Münze nimmt. Getrieben von den betrügerischen Machenschaften des Vaters muss die Familie aber plötzlich von einem Ort zum Anderen ziehen, immer auf den Kosten der Kinder. Bis sie zum Schluß wieder da ankommen, wo alles begann. Die anfänglich unerschütterliche Liebe der Eltern bröckelt, genauso wie der Fassade des Felses in der Brandung, der haltgebende Anker für die Kinder. Bis sie sich zum Schluß nur noch verwahrlost und abgestumpft ihrem Schicksal ergeben müssen. Mit einer bildgewaltigen Kulisse beschreibt Arno Frank in seiner Autofiktion in sehr wortgewandter, pointierter und ironischen Sprache die Geschehnisse in der ergreifenden, sarkastischen Nüchternheit, die aus der Sicht eines Jungen entspringt. Einige Andeutungen bleiben im Raum stehen, da sie aus der Perspektive des Kindes nicht anders wahrgenommen wurden und aus seiner Erzählung heraus nicht erklärt werden können. Ein Junge, der fast bis zum Schluß den Vater auf kindlichen Charme idealisiert. Aus der Angst heraus die Eltern und die Familie zu verlieren, lassen die Kinder die Geschehnisse über sich ergehen und ziehen bedingungslos mit. Und bis zum Schluß klingt es fast wie eine Hommage an seinen Vater, der niemals die Familie aufgeben wollte. Es gibt keinen Vorwurf, keine Infragestellung, keine Verurteilung. Einige der Passagen wirken für mich trotz herausragender Erzählung etwas lang und zu viel. Es ist kein „Roadmovie" mit wilder Verfolgungsjagd, sondern bleibt von der Dramaturgie eher flach. Es ist vielmehr die subtile Erdrückung und Machtlosigkeit durch die bedingungslose Liebe der Kinder, die einem beim Lesen immer wieder das Herz zuschnüren lässt. Der Epilog hat mich selber dann noch mal sehr ergriffen.

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