Im August 1990 kehrte der 19jährige Marko Martin zurück in seine sächsische Heimat, die er vor dem Mauerfall per Ausreiseantrag verlassen hatte. Seine Eindrücke und Erlebnisse schreibt er unmittelbar nieder. Heute, viele Jahre später, lesen sich seine Gedanken ganz unmittelbar, oft wütend und enttäuscht, zornig, begeistert und auch melancholisch. Er besucht kluge Intellektuelle, die mitdemonstriert haben ( und später als Stasimitarbeiter enttarnt wurden), läuft durch marode Leipziger Gassen und sein abgelegenes Heimatdorf, ißt in Kneipen, deren Betreiber als ehemalige Stasispitzel vom Dorf gemieden werden, beobachtet Aufbruchstimmung und Verdrängen. Besonders spannend fand ich seine mutige Konfrontation mit einem ehemaligen Lehrmeister, der ihm das Leben damals zur Hölle machte, weil er den Ausreiseantrag gestellt hatte und den Wehrdienst verweigerte. Dessen rechtfertigendenWorte hätten auch 1945 gepasst: nach Vorschrift gehandelt, es war eben so, man hatte es auch nicht leicht. "Sommer 1990" lebt durch die, wie Martin in seinem Nachwort anmerkt, wunderbar an Christa Wolf erinnernde Sprache, trotzdem jugendlich bedenkenlos urteilend und suchend. Ein weiteres literarisches Puzzlestück, um ein Land, das es nicht mehr gibt, aber mich und viele andere geprägt hat, zu verstehen.
21. Jan.Jan 21, 2026
Sommer 1990by Marko MartinTropen
