Am 07. Februar 2026 jährte sich der Todestag des Autoren und Literaturwissenschaftlers Roger Willemsen zum zehnten mal. Die Arbeit an dem vorliegenden Buch liegt jedoch noch viel weiter zurück und nimmt ihren Anfang in London, 1986, als ein noch junger Schriftsteller sich Gedanken über die Entstehung von Literatur und über das Verhältnis von Schreibenden und Lesenden macht. Insa Wilke, literarische Nachlassverwalterin, die das Nachwort zu diesem Buch verfasst hat, verweist auf Inspiration zur Namensgebung und nennt hier Laurence Sternes Roman "Tristram Shandy". Und Roger Willemsen selbst nennt noch eine Quelle, wenn er auf Seite 30 zitiert: "Aber", sagt Tieck, "wenn wir etwas schaffen wollen, müssen wir unserem Tiefsinn eine willkürliche Grenze setzen, ..." Obwohl der Autor in seinem Werk feste Strukturen etabliert, seinen Worten Form und Grenzen auferlegt, mag der Text doch für die allermeisten von uns gewisse Herausforderungen bergen. Dies liegt wahrscheinlich zum einen in den unglaublich komplexen Gedankenfiguren des Schreibenden selbst begründet und zum anderen bleibt der Kern mancher Gedankenfelder auch bewusst vage, so als wäre der Autor dabei, diesen nur zu umkreisen, um dann im Monolog innezuhalten und sich dem aufmerksamen Lesenden zuzuwenden mit der Frage: "Was sind Deine Gedanken zu diesem Thema?" "Hier wird also kein Bild aufgezwungen, sondern es wird der spekulativen Intelligenz des Lesers überlassen. Dieser kann zwar nicht mehr sehen, als der Autor, aber er kann wenigstens anders deuten, seine alltägliche Beobachtung bestätigen oder korrigieren." - Zitat, Seite 137 FAZIT "Was liest du denn da?", fragte meine Mutter und besah sich das Buch. "Findest du es gut?" - "Na ja," sagte ich, "irgendwie hatte ich es mir etwas anders vorgestellt. Ich dachte, es gäbe wenigstens eine Rahmenhandlung, aber der Text ist wirklich sehr abstrakt. Es geht im Wesentlichen eben um die Entstehung eines Buches ansich." Meine Mutter blickte vom Buchcover auf und sah mich an. "Aber hier steht doch drauf "Autobiographie eines Buches" - also bekommst du damit auch genau das ..." Es ist von Vorteil, wenn man solch eine scharfsichtige Mutter hat. Ich ließ mir ihre Worte durch den Kopf gehen und danach fiel es mir viel leichter, mich auf die Gedanken von Roger Willemsen einzulassen. Es ist sicher keine Lektüre, die man so eben mal wegliest, aber wenn man die einzelnen Kapiteln voller wertvoller Gedanken, die einem beim Lesen mit Fülle und Wohlwollen umgeben, Stück für Stück genießt, wird man immer wieder beglückt, neu orientiert oder zumindest nachdenklich gestimmt. Natürlich merkt man dem Text auch an, dass er vom Hauch eines vergangenen Jahrhunderts umweht ist. Roger Willemsen war ein Schriftsteller, der bewusst die Gegenwart seiner Zeit eingefangen hat und so begegnen uns typische Momente der 1980er Jahre. Er selbst war kein Nostalgiker und somit bleibt am Ende vielleicht auch die spannende Frage, wie der Schriftsteller die aktuellen Strömungen eingeordnet hätte, die einen Einfluss auf das Schreiben und Lesen haben wie z.b. die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz. Und gegen Ende der Lektüre hatte ich das Lied "Sign of the Times" von Harry Styles im Ohr, was mich etwas melancholisch stimmte - aber auch für "Figuren der Willkür" spricht, nicht wahr?! Unbedingte Leseempfehlung für Literaturverliebte.
22. Feb.Feb 22, 2026
Figuren der Willkürby Roger WillemsenFISCHER Taschenbuch
