19. Dez.
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Rating:4

Aus einem einzigen schlangenlangen Satz besteht dieser ungewöhnliche und herausfordernde Roman des diesjährigen Nobelpreisträgers, dem ungarischen Schriftsteller Lásló Krasznahorkai, geboren 1954. Sein Protagonist ist der blauäugige und verträumt wirkende Riese Florian Herscht, ein junger Mann, der in einem thüringischen Waisenhaus aufwächst und dort vom "Boss" auserwählt und in dessen Heimatort Kana, einer fiktiven Kleinstadt gebracht wird, um seine Berufung zu finden. "Falsche Welt, dir trau ich nicht" Nicht umsonst wurde der Titel einer Kirchenkantate aus dem Jahre 1726 von Johann Sebastian Bach als eine Kapitelüberschrift (im Roman selbst als Regenbogenbänder bezeichnet) ausgewählt, die auch Teil der berühmten Matthäus-Passion ist. Auch wenn sich der noch recht kindlich-naive Geist des Protagonisten zunächst der Wissenschaft, nämlich der Physik, zuwendet und die Erkenntnis seines neuen Freundes, einem pensionierten Lehrers zunächst mit der Kanzlerin Frau Merkel teilt (und sich auch sehr sicher ist, dass seine Briefe von dieser gewissenhaft und lösungsorientiert beachtet werden), ist es dann doch die göttliche Musik des Komponisten, der ihn schließlich in Bann schlägt und ihn erfüllt. Sehr zur Freude vom Boss, der sich als Dirigent eines bachverrückten Orchesters versteht, welches aus ausgewählten Heimatschützern (also Neonazis) besteht. Doch was geht da wirklich vor, in dieser ostdeutschen Kleinstadt mit der Postleitzahl 07769, wo eigentlich jeder jeden zu kennen scheint, und man sich bei Netto oder Lidl bei den wöchentlichen Sonderangeboten trifft und sich darüber unterhält, ob die Rente oder das Hartz IV Geld pünktlich ausgezahlt wurde? Und was hat es mit den Wölfen auf sich, die am Stadtrand wie aus dem Nichts auftauchen? Der Schriftsteller nimmt mit den ersten Wörtern die Maschen seines dichtgestrickten Werkes auf und eh man es sich versieht, ist man schon voll in die Handlung verwickelt. Zwar gibt es hier und da einen losen Faden am Ende, aber das Erstaunen über die Virtuosität des Schriftstellers, mit der er trotz der Komplexität der Erzählung sein Tempo beibehält und die Geschichte pointiert zum Schlussakt führt, ist bewundernswert. Ja, man muss sich beim Lesen teuflisch konzentrieren und bestimmt hat man im Leben noch nie so viele Kommata gezählt, wie in diesem Roman. Aber wer durchhält, wird mit einem außergewöhnlichen Leseerlebnis belohnt und mit einer Geschichte, die mit ihrem Humor beißt und sticht. FAZIT "Wir alle tragen dazu bei, doch brechen unter der Last. Wir hoffen auf Gott, doch hab'n das Wunder verpasst." Keine klassische Musik, aber die Liedzeilen von Sido von 2015 passen auch gut zur Stimmung des Romans. Das Wunder verpasst, haben wohl auch die Leute von Kana. Dieser Ortsname erinnert an das erste Wunder Jesu, als er bei einer Hochzeit in Kana Wasser in Wein verwandelt hat. Im Roman plätschert am Ende allerdings nur Wasser "in der auf dem Land lastenden gnadenlosen Nacht." Warum das so ist und was Bach damit zu tun hat, müsst ihr unbedingt selbst herausfinden. Eine Leseempfehlung für hartnäckige Lesende. Hier noch ein Zitat von Seite 209: ..., und das sei es, was er hier sagen wolle, seiner Meinung nach müsse man in der Entscheidung des Sicherheitsrats berücksichtigen, dass die Sorge um das jederzeit mögliche Eintreten der Katastrophe berechtigt sei, gleichzeitig jedoch im entsetzlichen Schatten dieser totalen Katastrophe die von uns wahrgenommene Erfahrungswelt vom Reich aus betrachtet nur eine Vorstellung ist, eine bloße Vorstellung dessen, Frau Kanzlerin, wie die Wirklichkeit ist, und so ist diese teure Erde und mit ihr alles, was wir über sie und das sie umgebende Universum denken, nur ein MISSVERSTÄNDNIS, ... Frau Kanzlerin, so schrieb er euphorisch, wenn wir es hören und ihn, Bach, hören, dann vergewissern wir uns, dass das Reich nicht nur existiert, es vielmehr auch einen Weg dorthin gibt, ...

Herscht 07769
Herscht 07769by László KrasznahorkaiFISCHER Taschenbuch