
Wenn große Ideen nicht ganz zünden…
Vier Astronaut*innen brechen mit der Shepherd-1 zu einer Mission auf, die ambitionierter kaum sein könnte: Sie entfernen sich weiter von der Erde als jede Crew zuvor, um einen Blick in die frühesten Momente des Universums zu werfen. Mithilfe eines Schwarms von Raumsonden und der Sonne als natürlicher Gravitationslinse wollen sie Bilder aus der kosmischen Frühzeit gewinnen – im Grunde aus der Epoche des Urknalls selbst. Allein diese Ausgangsidee hat mich sofort fasziniert. Im Mittelpunkt steht unter anderem die Astronomin Christine, für die diese Mission mehr als nur ein Job ist. Doch dann taucht ein mysteriöser „Schleier“ auf, der die ersten Bilder verdeckt. Und als dieser schließlich gelüftet wird, zeigt sich etwas, das vielleicht besser verborgen geblieben wäre. Klingt erstmal nach genau der Sorte Science-Fiction, die ich spannend find. Erzählerisch folgen wir mehreren Strängen – der Crew der Shepherd-1 und der Erde, wo wir vor allem Rachel als CapCom begleiten. Das Setting hat also durchaus Potenzial für Spannung und emotionale Fallhöhe. Jetzt kommt allerdings das große Aber. Das hier war mein erster Roman von Morris – einem Astrophysiker, wohlgemerkt – und ich hatte mich auf Hard-SF eingestellt. Und ja, die Wissenschaft ist da. Vielleicht ein bisschen zu sehr da. Die erste Hälfte war für mich unfassbar zäh. Ich hatte stellenweise das Gefühl, ich lese die Gebrauchsanweisung eines Raumanzugs. Mich interessieren Technik und Wissenschaft durchaus, aber ich muss nicht minutiös miterleben, welcher Knopf beim Ausrichten der Sonden gedrückt wird oder wie exakt jemand in seinen Weltraumanzug steigt. Mein größter Kritikpunkt: die Charaktere. Sie bleiben für mich erstaunlich blass. Die Dialoge wirkten oft unerträglich flach – teilweise so, als würde ich Gesprächen von 16-Jährigen lauschen. Die Debatte darüber, wie viele Unterhosen Christine für diese Mission eingepackt hat, hat dem Ganzen dann endgültig die Krone aufgesetzt. In einem Roman über die Anfänge des Universums hatte ich irgendwie andere Prioritäten erwartet. Selbst der PlotTwist konnte das Ruder für mich nicht mehr wirklich herumreißen. Dabei finde ich die Grundidee ziemlich spannend. Das große Rätsel des Ursprungs wird allerdings, wenig überraschend, nicht gelüftet. Spannung? Insgesamt weniger als erhofft. Das Ende wurde dann aber tatsächlich doch noch packend. Der zentrale Konflikt läuft letztlich auf das Dilemma Mensch vs. Maschine hinaus und darauf, wie weit KI Menschenrechte zustehen. Das fand ich thematisch durchaus interessant. Ob es für mich reicht, die Reihe weiterzulesen? Da bin ich noch unschlüssig. Positiv hervorheben möchte ich aber unbedingt den Anhang: Dort erläutert Morris einige physikalische Grundlagen rund um die Quantentheorie. Das war informativ, verständlich und tatsächlich eines der Highlights für mich.



