Geht tief, sehr tief…und ein sprachliches Meisterwerk
Hirn, das unbekannte Wesen
Eine weite, zum Teil etwas langatmige Reise über unsere neurologischen Strukturen und die Abhängigkeit ihrer Beschaffenheit gegenüber unserer Wahrnehmung zur Wirklichkeit. Mark, der sich nach einem schweren Autounfall nach einem Schädelhirntrauma kaum noch in seiner Welt auskennt, leidet am Capgras-Syndrom, in dem er ihm nahestehende Menschen und auch seinen Hund nicht mehr erkennt und sie mehr und mehr wahnhaft als Fälschungen zu identifizieren glaubt. Seine ihm bisher sehr nahe stehende Schwester leidet besonders unter der konstanten und immer stärker werdenden Verkennung. Wer Powers kennt, weiss von seiner Fähigkeit zur Recherche und Brillianz, daraus eine vielschichtige Geschichte zu formen. So auch hier. Wir erhalten, vor allem auch durch die Figur des Neurologen Weber sehr fundierte Einblicke in das Gehirn und seine hervorragende Fähigkeit der Wahrnehmung, Bewertung, Erinnerung und daraus resultierenden Reaktionen. Aber auch der schmale Grad zur Verkennung und Fehlfunktion zeigt sich hier tragisch deutlich und macht klar, wie fragil unser Bezug zur Wirklichkeit doch ist. Wie gewohnt werden aber auch andere Themen eingeflochten, Tier- und Naturschutz und unser Bezug zur Welt, als auch Beziehungen und deren Wandlungen. Powers zählt zu einer meiner Favoriten und ich kann fast blind zu seinen Werken greifen, ohne enttäuscht zu werden. Hier jedoch muss ich sagen, hatte ich meine Mühe, der Geschichte konstant meine Zeit zu widmen. Die Figuren, neben Mark finde ich nicht so klar herausgearbeitet, sie blieben für mich etwas konturarm und die Entwicklungen der Personen konnte ich zum Teil nicht recht nachvollziehen. Ich kam ihnen nicht so nahe wie in anderen Werken es Autoren. Die sehr fundierten Ausflüge in die Neurologie lesen sich für mich zum Teil wie Doktorarbeiten und verlangen wohl ein bisschen Vorwissen, will man sich nicht hier mühsam durcharbeiten. Aber doch ein sehr gehaltvolles Buch, sicher nichts für Zwischendurch. Es verlangt Commitment.
Diese Geschichte hat mich stark beeindruckt. Hauptsächlich, weil sie sich mit der Funktion unseres Gehirns auseinandersetzt und unsere Wahrnehmung der Umwelt, unserer Mitmenschen und unserer eigenen Person relativiert. Es veranschaulicht, wie verletzlich das mentale System ist aber auch zu welchen komplexen Leistungen es in der Lage ist.


