Welche Entsetzlichkeiten mussten sich zwischen diesen beiden Wahnsinnigen und Besessenen zugetragen haben während der schrecklichen Tage und Nächte, die sie allein miteinander verbracht hatten? Kann man sich wundern, dass solche Erlebnisse nicht spurlos vorübergegangen sind, dass sie in der alten Küche ihren dämonischen Bodensatz hinterlassen haben? Doch in welchem Zusammenhang mit dieser düsteren Geschichte stand der geheimnisvolle Krampf des Handtuchs? - Zitat, Seite 129 der dtv Taschenausgabe Allein die Geschichte der Veröffentlichung dieses Romans ist spannend. "Die Besessenen" erschien zwischen dem 4. Juni und dem 30. September 1939 unter dem Pseudonym Z. Niewieski als Fortsetzungsroman in zwei polnischen Zeitungen gleichzeitig. Doch dann - es fehlen nur noch ein oder zwei klärende Kapitel - wird die Veröffentlichung durch den deutschen Angriff auf Polen unterbrochen. Erst 1973 erscheint der Roman in der Originalsprache bei einem Pariser Verlag, doch erst 1986 wurden die letzten Kapitel wiederentdeckt. Der Roman kann laut Klappentext als schillernder Schauerroman, inklusive Spukschloss, bösen Träumen und verrückten Schlossbewohnern, oder auch als Kriminalgeschichte mit durchaus ambitionierten Ermittlern gelesen werden. Wobei man wirklich hinterfragen muss, ob der Autor tatsächlich eine Gruselgeschichte erzählen wollte, wenn der schaurigste Gegenstand ausgerechnet ein staubiges Handtuch ist, welches nicht im letzten finsteren Verlies im Keller, sondern in einer weiß getünchten Küche zu finden ist... Ansonsten hat man bereits im ersten Kapitel alle Hauptfiguren komplett im Blick, denn sie reisen zusammen in einem Zug an, um ihr Ziel zu erreichen: der junge Tennislehrer Marian Walczak (später Leszczuk genannt), der Kunsthistoriker Professor Skoliński, der Schlossbesitzer und Fürst, dessen Sekretär Herr Cholawicki, der Kammerdiener und natürlich zuletzt auch die Damen, die Tennisspielerin Maja und deren Frau Mama. Als der junge Tennislehrer durch den Zug streift, schaut er neugierig ins Abteil und begegnet den entsetzten Augen des Fürsten, der ihn zu verwechseln scheint, und ihm dem Namen Franio hinterher ruft. Was es damit auf sich hat und welchen Einfluss das geheimnisvolle alte und verrottete Schloss am Ziel ihrer Reiseauf die Beteiligten dieser Geschichte hat, dies muss selbst erlesen werden. Natürlich kommt einem beim Lesen Shakespeare und sein berühmtes Stück um Willen oder Vorherbestimmung in den Sinn und der Autor hier spielt ganz bewusst mit Motiven aus Hamlet. Leider ist er in der Ausführung seiner Geschichte nicht ganz so geradlinig wie das englische Vorbild. Der Ausflug in das mondäne Warschau dürfte für die Zeitgenossen damals vielleicht gesellschaftskritisch und damit relevant erschienen sein, aber insgesamt führt diese Episode doch zu weit weg vom Kern der Geschichte. Dafür wirkt der Schluss fast zu überhastet und erfüllt nicht die Erwartungen des fulminanten Auftaktes. FAZIT Trotz der Schwächen und auch leichten Unstimmigkeiten in der Figurenzeichnung hatte ich eine richtig gute Zeit mit dieser faszinierenden Geschichte, die mit so viel kreativer Freude am Fabulieren erzählt wird. Auch wie die Figuren auch um einander herumschleichen, jeweils darum bedacht, die Deckung nicht aufzugeben, ist großartig gezeichnet! Insgesamt sind die Figuren aber eher skizziert und bleiben in der Ausführung oberflächlich, was bei einem Werk, das soviel Wert auf Charakter legt, etwas bedauerlich ist. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau und ich bin Thoralf wie immer sehr dankbar für seinen Tipp. Seine Buchvorstellung mit Grinsen und Grausen findet man auf seinem YouTube Kanal LiteraturNews. Unbedingt lesenswert.
19. JuniJun 19, 2025
Die Besessenenby Witold GombrowiczFISCHER Taschenbuch
