Der Fisch und der Vogel können sich verlieben
Das wohl bekannteste Werk Richard Powers, meinem bisherigen Lieblingsautoren, habe ich länger vor mir hergeschoben, da das schiere Volumen, das tatsächliche aber auch thematische Gewicht einen erschlagen könnte und sicher nicht so einfach wegzulesen ist. Der Mut, es sich doch einmal vorzunehmen, hat sich auf jeden Fall gelohnt. Ein Buch, in dem es um die fast unmögliche Vereinbarung von scheinbaren Gegensätzen geht, vordergründig von Schwarz und Weiss, mehr aber auch von Musik und Physik, Liebe und Hass und der Utopie der Auflösung von Separatismus. Aber es ist in keinem Fall so technisch oder verkopft, wie dies hier klingen mag. Das Buch ist vor allem voller Musik, so kompakt und detailverliebt, dass es jeden Musikliebhaber reich beschenkt, aber auch ein wenig Vorwissen für die „alte“, klassische Musikgeschichte erfordert, will man wirklich die gesamte Geschichte erfassen. Und hinzu kommt die Physik, das Konzept von „Zeit“ in Verbindung zu ihrer Relativität. Einstein zum Anfassen. Wir lernen am Beispiel der Familie Strom die Unterdrückung der Schwarzen im 20. Jahrhundert Amerikas kennen, die kontinuierliche Einteilung der Menschen in Schwarz und Weiss und damit gleichzeitig Zugehörigkeit und pauschale Ausgrenzung. Die Eltern der Hauptfiguren, sie eine begabte, schwarze Sängerin, er ein deutscher Jude, geflohen vor den Nazis nach Amerika, verlieben sich entgegen jeder Vernunft, Bindeglied hier ist ihre Liebe zur Musik. Sie müssen schon bei Gründung ihrer Ehe eine Alternative eines polarisierten Lebensentwurfs dieser Zeit finden. Spätestens bei der Geburt ihres ersten Kindes zeigen sich fast unüberwindliche Hindernisse eines Lebens „Dazwischen“. Die Musik als Basis für das familiäre Zusammenspiel bietet eine Zuflucht, das Bindeglied gegenüber einer polarisierten Gesellschaft. Powers schafft es wie gewohnt neben einer Fülle von Wissen uns die Personen derart schonungslos nahe zu bringen, dass wir mit ihnen eine extrem bewegende Zeit erleben. Die Ereignisse der Rassenunruhen, das Aufbegehren geben die unsägliche Ungerechtigkeit aber auch die Suche nach eigenständiger Identität einer ehemals versklavten, schwarzen Bevölkerung fordern eine klare Positionierung und droht die Familie zu zerreissen. „Was gehört ihnen denn, Joey? Und kannst du es ihnen geben?... du gibt ihnen ihre Musik? Ihre Identität? Womit sollen sie denn identisch sein? Das Einzige, womit man identisch ist, ist man selbst, und auch das nur in den besseren Tagen. Stereotypen, das gibst du ihnen. Aber kein Mensch ist ein anderer. Ihre Musik ist genau das, was ihnen keiner geben kann. Viel Glück beim Suchen." Mich hat das Buch sehr bewegt, herausgefordert, durchgeschüttelt, immer aber gefesselt, obwohl die Detailverliebtheit Powers dem Leser viel Zeit und Geduld abverlangt. Nichts im Erzählen bleibt wage, alles wird beschrieben und zuende geführt, was zu einer immensen Verdichtung führt. Zeit, man muss sich viel Zeit beim Lesen lassen, oft innehalten und verarbeiten. Ein Mammutwerk, ungeheuerlich in seinem Umfang und seiner Intensität aber auch die grösste Bereicherung




