Helene, Mutter zweier Töchter, wurde soeben von Gregor verlassen. Ihrem Mann, der sich für seine Sekretärin entschieden hatte. Die Affäre, von der alle wussten, obwohl sie es nicht wissen durften. Wie das mit Affären eben so ist. Helene trauert ihm nicht nach. Dazu gibt es keinen Anlass. Er hatte sie geschlagen, und auch das durfte natürlich niemand wissen – geschweige denn sehen. Sie ist nicht traurig, bloß müde. Müde von der Verfügbarkeit, die an ihr klebt. Müde vom Warten. Darauf, dass sich Leichtigkeit breitmacht. Manchmal möchte sie alles von sich schmeißen. Sie schwankt zwischen, sich selbst oder dem Ex-Mann den Tod zu wünschen. Aber eigentlich wünscht Helene sich bloß ein neues Leben. Doch ihr fehlen die Mittel. Kraft und Geld. Sie ist emotional zerfleddert. Ihr Leben besteht aus Aushalten und Abwarten. Ständig wartete sie auf etwas oder jemanden. Zum Beispiel auf Henryk, der ihr immer wieder sagt, er liebe sie, um kurz darauf tage- oder wochenlang zu verschwinden. Und darauf, dass Gregor all seine Drohungen wahr macht: ihr die Kinder wegzunehmen. Sie aus der Wohnung zu werfen, die ihm gehört und neben der seine Mutter – Helenes Schwiegermutter – lebt. Diese permanente Bedrohung legt sich wie ein Schatten über jeden noch so banalen Alltagsschritt. Helenes Bullshit-Job in einer PR-Agentur frisst zwanzig Stunden pro Woche ihrer Lebenszeit auf, ohne ihr etwas zurückzugeben. So ist sie damit beschäftigt, ein Produkt zu bewerben, das niemand braucht und doch als Heilversprechen glänzen soll. Wortwörtlich. Auf nackter, weiblicher Haut. Arbeit als weitere Form der Vereinnahmung: sinnentleert, zynisch, notwendig zum Überleben. Marlene Streeruwitz erzählt diesen Zustand nicht dramatisch, nicht laut, nicht spektakulär. Und gerade darin liegt die Wucht. Sie zeigt keine Ausnahmefigur, sondern einen Alltag, der für viele Frauen strukturell so angelegt ist: emotionale Arbeit, finanzielle Abhängigkeit, permanente Bewertung von außen, Gewalt, die unsichtbar bleibt. Die „Verführungen“ des Titels sind keine romantischen, sondern gesellschaftliche. Das Versprechen von Sicherheit, Liebe, Normalität, das sich immer wieder als Falle erweist. Streeruwitz erzeugt mit ihrem Text ein permanentes Unbehagen. Ein Kratzen auf der Tafel. Einen Atem im Nacken. Helenes leise Verzweiflung und bleierne Müdigkeit legten sich auf mich. Dem gegenüber stehen die kurzen Sätze, manchmal nur aus einem Wort bestehend. Abgehackt. Erschöpft. Und dann diese behaglichen Szenen der Wiener Kaffeehauskultur. Orte der Ruhe, des Rituals, der scheinbaren Zeitlosigkeit. In meinem Kopf schwang immer dieser feine Akzent mit. Wiener Schmäh mit leichtem Grant. Des is scho leiwand. 😊
30. Jan.Jan 30, 2026
Verführungen.by Marlene StreeruwitzFISCHER Taschenbuch
