Wunderbares Mitbringsel aus Prag! Mein Urlaub habe ich vor allem genutzt, um Prag aus Kafkas Augen zu sehen. Besonders an "Ein Landarzt" mochte ich, wie viel Gefühl und Raffinesse in den kurzen Kapiteln steckt. Die Art wie er schreibt verzaubert auf eine ganz eigene Art und Weise.
Diesen Erzählband habe ich vor fast zehn Jahren dort gekauft, wo Kafka ihn geschrieben hat: im Goldenen Gässchen in Prag. Beim Lesen ist mir wieder eingefallen, was mich an Kafka fasziniert: Man muss seine Geschichten nicht vollständig verstehen, um zu erkennen, wie einzigartig und talentiert sein Schreiben ist.
Einige Kurzgeschichten von Kafka liebe ich. Manche sind so voller Details, nicht jedes Wort sondern jeder Buchstabe, die Satzstruktur, jede Farbe, jeder Name ist wohl überlegt.
Einige Geschichten sind voller Kreativität, andere sind sehr verwirrend.
Abstrakt und klug sind viele.
Hier meine Lieblinge:
Der plötzliche Spaziergang
Das Urteil
Die Verwandlung
Vor dem Gesetz
In der Strafkolonie
Auf der Galerie
Ein Landarzt
Die Sorge des Hausvaters
Ein Hungerkünstler
Ein Bericht für eine Akademie und andere Texte zum Rotpeter Thema -> meine Lieblingserzählung
Das Buch ist keine komplette Empfehlung. Für jene, die sich mit den Anfängen Kafkas befassen möchten, sicherlich einen Blick wert.
Franz Kafka - ,,Betrachtung"
Mit 18 Steinzeichnungen von Hermann Naumann
Erstmals erschienen: Ende 1912
Vorliegende Ausgabe: 1989
Verlag: Reclam
Hier liegen uns 18 kurze Prosatexte von Franz Kafka vor. Es ist seine erste Veröffentlichung in Buchform gewesen. Einige Texte sind bereits vorher in Zeitschriften erschienen.
In sehr kurzen Episoden beschreibt Kafka Situation aus dem Alltag aus Sicht eines stillen Beobachters.
Episoden aus der Kindheit, sowie einfache Beobachtungen aus dem Alltag finden hier ihren Platz. Oft spielt das Thema der Einsamkeit eine Rolle, welches in späteren Romanen noch ausführlicher zum Tragen kommen wird.
Bereits in diesen kurzen Texten wird deutlich, wie gut Kafka mit der Sprache umgehen kann. Manchmal sehr klar, manchmal verschachtelt, erzeugt er deutliche und klare Bilder vor den Augen der Leser/innen.
Inhaltlich bietet dieses erste Werk allerdings nicht sehr viel. Einige Erzählungen, welche nur eine halbe Seite füllen, sind schnell wieder vergessen. Gut gefallen hat mir die letzte Geschichte: ,,Unglücklichsein".
Eine typische surreale Geschichte, die nur in einem kleinen Zimmer spielt, wo man nicht weiß, was genau gerade wirklich passiert. Hier zeigen sich Ansätze, was wir von späteren Büchern des Autors erwarten können.
Das Buch ist keine komplette Empfehlung. Für jene, die sich mit den Anfängen Kafkas befassen möchten, sicherlich einen Blick wert.
Aufgewertet werden die Erzählungen von abgebildeten Steinzeichnungen von Hermann Naumann, der für jede der 18 Geschichten eine passende Interpretation gefunden hat.
Menschen lieben Scheinaktivität. Wer will schon ehrliche authentische Handlungen und der Realität ins Angesicht blicken. An solchen Anforderungen scheitert natürlich die symbolische Ordnung, der irrationalen, unergründlichen Unruhe des Anderen gerecht zu werden.
Gebissen wird auch wieder.
Angenehm zu lesen. Atmosphärisch.
Aber gleicher Nervfaktor wie im Prozess: Gejammer und beklagen, statt selber mal an der richtigen Stelle zur Tat zu schreiten und Rosa einzupacken, mitzunehmen, um sie dem Zugriff des Knechtes zu entziehen.
Aber er ist ja nicht Schuld. Bestimmt nicht. Ach nä, der Kafka und ich, das wird glaub ich nix mehr.
Nun ja, das Problem mit "sämtlichen" Erzählungen ist, dass da auch die nicht so heißen dabei sind. Und sowieso bei Kafka... man muss im richtigen state of mind sein, vollkonzentiert und am besten noch einen Lektüreschlüssel zur Hand. Und dazu hat man nicht immer den Nerv. Ergo: anstrengend, und man fragt sich immer mal wieder, ob man selber dumm ist oder Kafka.
Nichtsdestotrotz: er ist ein Weirdo, und für Weirdos habe ich immer einen soft spot. Auch wenn die 40seitige Geschichte darüber, wie ein neurotischer Fuchs in seinem Bau in Paranoia versinkt, oder die Ansichten eines philosophisch veranlagten Hundes nicht unbedingt die aufregendsten Leseerlebnisse sind - niemand anders schreibt solche Geschichten.
84 mehr oder weniger lange "Erzählungen" enthält dieser Sammelband, gruppiert dabei Texte, die kaum eine Seite umfassen neben längeren Erzählungen wie "Der Heizer", "Die Verwandlung" oder "Forschungen eines Hundes".
Von den vielen kurzen Geschichtchen bleiben ohnehin nur wenige hängen, andere sind für meinen Geschmack einfach sehr trivial und wiederholen oder modifizieren nur Elemente und Symbole, die bereits in anderen Erzählungen weitaus besser zur Geltung kamen.
Konflikte des Individuums mit der Gesellschaft, gegenüber Autoritäten und Kräften, gegen die es nicht ankommt, gefielen mir ganz besonders. Dass Kafka einen starken Hang zu "Tiererzählungen" hat, wurde mir erst einmal in vollem Ausmaß bewusst, genauso wie eine Faszination für andere Kulturen und Völker (China vor allem). Mythologische Themen wusste er ebenso zu bearbeiten, was mir ausgesprochen gut gefiel (Odysseus oder Poseidon tauchen u. a. auf). Das Fremdsein, auch in vertrauten Gegenden ist ein oft variiertes Thema, kommt m. E. sowohl in längeren Erzählungen (Die Verwandlung) als auch in kürzeren Texten (Heimkehr) wunderbar zum Tragen.
Die Anthropomorphisierung von eigentlich unbelebten Gegenständen weiß Kafka oft herzzerreißend zu schildern (Die Brücke, Es war einmal ein Geduldspiel).
Diesen gesamten Erzählband empfehle ich nicht zu lesen, außer ihr möchtet das Gesamtwerk Kafkas inhalieren. Ich denke, einen Eindruck seiner Themen gewinnt man sehr gut mit folgenden Werken (natürlich sind das meine persönlichen Favoriten ;):
Kürzere:
- Der plötzliche Spaziergang (!)
- Vor dem Gesetz
- Ein Landarzt
- Ein Brudermord
- Die Brücke (!)
- Die Wahrheit über Sancho Pansa
- Das Schweigen der Sirenen
- Poseidon
- Es war einmal ein Geduldspiel
- Heimkehr
Längere:
- Die Verwandlung (!)
- Der Heizer
- In der Strafkolonie
- Ein Bericht für eine Akademie (!)
- Ein Hungerkünstler (!)