
Absurd, amüsant, andersartig
"Lesen", sagte der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges (1899-1986) einmal, sei wie "Denken mit fremdem Gehirn". Eine Aussage, die ich äußerst passend finde, um mein Leseerlebnis des Erzählbandes "Fiktionen" zu beschreiben. Es war als ob ich meinen Kopf erstmal neu justitieren musste, bevor ich mich vollends auf die 16 kurzen Erzählungen des Begründers des magischen Realismus einlassen konnte. Eine Welt und Geschichten, in denen Bücher, die gar nicht existieren rezensiert, ein bereits existierendes nochmal genauso von jemand anderem geschrieben und ganze Länder inklusive Sprache, Geografie, Anwendung der Wissenschaft neu erfunden werden. Ein Universum, in dem Objekte unendlich sind und immer wieder die Zeit, nicht als Abfolge linearer Ereignisse, sondern als die Möglichkeit gleichzeitig parallel existierender Versionen von ein und der selben Geschichte mit unterschiedlichem Ausgang bemüht wird. Meine Freude an Borges Realität ist mit jeder weiteren Erzählung gestiegen und ich habe es schließlich genossen mich in dieses ganz andere Denken fallen zu lassen, mir fast gewünscht meine Realität hätte ein paar mehr Eigenschaften aus jener in den Erzählungen. Übersetzt von Karl August Horst, Wolfgang Luchting und Gisbert Haefs.
