Ein sachliches, eindringliches und emotional schweres Buch, das versucht, das Unerklärliche annähernd zu verstehen. Sue Klebold zeigt die unauflösbaren Widersprüche einer Mutter, die ihren Sohn liebte und gleichzeitig mit der Realität seiner Taten leben muss.
Für mich war der Amoklauf von Columbine 1999 (damals noch als Kind) ein prägendes, verstörendes Ereignis. Die Medienberichte, die Videos (Standbilder und Videoausschnitte), die detaillierte Dokumentation durch veröffentliche Videoaufnahmen: All das hat sich schon früh eingebrannt. Das Buch nun aus der Perspektive der Mutter eines der Täter zu lesen, öffnet eine völlig neue, schwierige, aber hoch relevante Ebene. Sue Klebold schreibt ernst, reflektiert und sehr mitfühlend. Sie versucht nicht, die Morde zu entschuldigen. Sie sucht nach Erklärungen, nach Mustern, nach Verbindungen zwischen Depression, Suizidgedanken, erweitertem Suizid, Mobbing, laschen Waffengesetzen und gesellschaftlichen Faktoren, die in den USA intensiv erforscht wurden. Die Stellen, in denen sie die Brutalität der letzten Handlungen des Täters bzw. der Täter anerkennt, treffen hart, weil sie die Liebe zu ihrem Kind nicht ausblendet, sondern in den Konflikt mit der Realität stellt. Ebenso erschütternd sind die Passagen, in denen sie die Videos ihres Sohnes sieht und zum ersten Mal diesen völlig anderen, verborgenen Teil seines Wesens erkennt. Auch der gesellschaftliche Kontext ist stark vertreten: die Anfeindungen gegenüber der Klebold-Familie, die teilweise brutalen Reaktionen der Opferangehörigen und die Unmöglichkeit, jemals eine „genügende“ Erklärung anzubieten. Sue Klebold bewegt sich ständig zwischen dem Wunsch, die Angehörigen nicht zu belasten, und dem tiefen Bedürfnis, ihnen nahe zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Dieser Zwiespalt ist eines der zentralen emotionalen Spannungsfelder des Buches. Das Buch ist sehr sachlich gehalten. Literarisch ist es kein Hochglanzwerk, aber das wäre hier auch nicht angemessen: Es ist eine autobiografische, offene, schmerzhafte und gleichzeitig analytische Auseinandersetzung einer Mutter, die aus ihrem persönlichen Abgrund heraus versucht, etwas zu bewirken und andere vor ähnlichen Situationen zu bewahren.







