16. Juni
Rating:4

📚 Inhalt Oliva wächst in den 1960ern in Sizilien mit ihrem Zwillingsbruder auf. Als Mädchen darf sie alles, was die Jungen auch dürfen. Aber mit dem älter werden verliert sie nach und nach ihre Freiheiten und scheinbar auch ihre Rechte. Olivas Leben wird mehr und mehr von Regeln und Verboten bestimmt. Oliva sieht, wie ihre ältere Schwester in ihrer unglücklichen Ehe zerbricht und hört von ihrer Mutter, dass sie sich als Frau fügen muss. Als Oliva von einem Mann missbraucht wird, wird sie von der Gesellschaft dazu gezwungen, ihren Vergewaltiger zu heiraten. Oliva muss sich entscheiden: Will und kann sie so leben? Oder ist sie bereit, den Preis für ihre Rebellion zu bezahlen und sich von den Fesseln der Gesellschaft zu befreien? 📖 Meinung Der Roman erinnert mich stark an «Malnata» von Beatrice Salvioni, daher würde ich an dieser Stelle direkt eine Leseempfehlung aussprechen, wer «Malnata» mochte. Die Autorin hat eine eindrückliche Geschichte erschaffen, wie es sie wohl leider mehr gab, als man es sich heute vorstellen kann. Oliva ist hin und her gerissen zwischen den Erwartungen ihrer Eltern und der Gesellschaft und dem, was sie gerne tun und machen möchte. Sie hadert immer wieder mit den ganzen Verboten und Regeln, die ohne Grund daher kommen und ihr niemand erklärt. Sie soll sie einfach befolgen. Auf den Boden schauen, schnell nach Hause gehen, nicht auffallen. Und ganz besonders wichtig: «Eine Frau ist wie eine Vase: Wer sie zerbricht, nimmt sie.» Dies ist das Mantra von Olivas Mutter. Und genau dieser Satz wird Oliva zum Verhängnis werden. Denn sie lernt schnell, dass das einzige wertvolle an einem Mädchen die Jungfräulichkeit ist. Diese gilt es mit allen Mitteln zu bewahren. Mir gefällt Olivas Entwicklung sehr gut. Zu Beginn ist sie wild und kindlich. Als sie in die Pubertät kommt, bleibt sie rebellisch, beginnt aber mit der Zeit sich zu fügen. Es sind kleine Schritte, aber sie passt sich immer mehr an. Nur durch ihre Freundin Liliana, die Tochter des dorfbekannten Kommunisten, schafft sie es, rebellisch zu bleiben. Die Beziehung zwischen den beiden Mädchen hat mir auch sehr gut gefallen. Die Geschichte zeigt die Entwicklung einer jungen Frau auf, die sich langsam emanzipiert. Das ist ein angsteinflössender Prozess, der viel Mut braucht. Aber Oliva ist mutig und vor allem will sie ihre eigenen Entscheidungen treffen. Sie ahnt nicht, welche Auswirkungen ihre Entscheidungen auf ihre Familie haben werden. Ein sehr spannendes Buch über die Befreiung einer Frau. Es hat mich wirklich berührt und passt sehr gut zum Frauenstreiktag.

Was wissen sie vom Freisein
Was wissen sie vom Freiseinby Viola ArdoneC.Bertelsmann
24. Feb.
Rating:4.5

Große Empfehlung.

Ein eindrückliches Buch, dessen zeitweise schockierenden Gang man sich ergeben muss, indem man sich fast so machtlos fühlt wie die Protagonistin. Aber auch eines, das mich tief berührt hat. Von einer Rohheit, die nur Sanftheit heilen kann.

Was wissen sie vom Freisein
Was wissen sie vom Freiseinby Viola ArdoneC.Bertelsmann
8. Okt.
Ein wirklich großartigen Roman!
Rating:5

Ein wirklich großartigen Roman!

》"Wer keinen Mann hat, hat keinen Namen", erwidere ich mit den Worten meiner Mutter.《 Dieser Satz aus dem Roman "Was wissen sie vom Freisein" von Viola Ardone, macht mit wenigen Worten deutlich worum es geht: um die Unterdrückung und den Wert der Frauen in einem patriarchalen System. Sizilien 1960: Als kleines Mädchen darf Oliva alles, was ihr Bruder auch darf. Sie kann Kind sein, toben, spielen und schmutzig nach Hause kommen. Vor allem darf sie auch allein von der Schule nach Hause gehen. Doch nun ändert sich ihre Welt allmählich. Ihre Freundinnen dürfen nicht mehr allein zur Schule und werden auch stets abgeholt. Die Röcke müssen länger sein, der Blick züchtig gesenkt. Auch für Oliva ändert sich von heute auf morgen alles und Schuld daran ist der Rote Baron. Dabei hat sie Abend für Abend dafür gebetet, dass er sie verschont. Nun darf Oliva das Haus nur noch in Begleitung verlassen, denn Frauen sind wie Vasen: Wer sie zerbricht, der nimmt sie. Wie ein Damoklesschwert schwebt dieser Spruch ihrer Mutter über Olivas Kopf und was er bedeutet, muss Oliva schließlich am eigenen Leib erfahren ... "Was wissen sie vom Freisein" ist wieder eines dieser Bücher, das ganz unscheinbar und farblos daherkommt, das mich aber vollkommen mitgerissen hat. Im Kern geht es um die Rolle der Frau auf Sizilien in den 60ern, wie hartnäckig sich alte Rollenbilder halten und was für ein mühsamer und beschämender Kampf es für freigeistige Frauen war, aus diesen Rollen auszubrechen. Eine Zeit, die aber auch für die Männer nicht einfach war, musste man sich doch nach außen behaupten und zeigen, dass man ein fähiger Mann war, der seine Frau im Griff hatte und die Familie ernähren konnte. Und es erstaunt mich immer wieder, dass wir Menschen in der Regel so phlegmatisch sind und uns selten aus unseren gesellschaftlichen Korsetts befreien. Gerade die ältere Generation sagt oft: "Das war doch schon immer so!", und dabei bleibt es dann. Ich fand es ganz wundervoll wie Ardone uns die Geschichte aus Olivas Sicht erzählt. Ihre Gedanken und Gefühle lebendig werden und uns an ihrer Verwandlung teilhaben lässt. Das Buch ist in vier Abschnitte eingeteilt. Im ersten Abschnitt dürfen wir die unbeschwerte, wilde Oliva kennenlernen. Im zweiten Abschnitt erleben wir ihre Veränderung zur jungen Frau, das Hadern damit, gerade auch wegen all der Regeln, die eine junge Frau zu befolgen hat, und das Zerbrechen der Vase. Die Geschehnisse nach diesem Bruch und eine erneute Veränderung Olivas bringt uns dann der dritte Abschnitt nahe. Aber auch Olivas Mutter durchläuft in diesem Abschnitt eine große Veränderung, merkt sie doch auch, dass ihr ihre Töchter wichtiger sind als alles Gerede der Giftnattern im Ort. Ganz besonders und auch besonders gelungen, war für mich der vierte und letzte Abschnitt, der dann 20 Jahre später stattfindet. Während das ganze Buch bis hier aus Olivas Sicht geschildert wurde, wechseln sich jetzt die Sichtweisen von Oliva und ihrem Pà Salvo ab. Das fand ich aus zweierlei Gründen wunderschön, denn einerseits haben Salvo und Oliva ein sehr enges Verhältnis zueinander und verstanden sich ganz ohne Worte. Und, hier kommen wir auch zu meinem zweiten Grund, anderseits hat Ardone ein Kapitel so beginnen lassen, wie das vorherige endete - es wirkt ein wenig, als würde die eine Person die Gedanken der anderen beenden. Das fand ich wirklich sehr schön. Mein einziger Kritikpunkt ist klein und auch sehr persönlich, denn ich konnte die Ortschaften auf keiner Karte Siziliens finden. Entweder gibt es die Orte nicht (oder nicht mehr) oder sie hatten früher mal andere Namen. Auf jeden Fall finde ich es, als absoluter Sizilienfan, schade, wenn ich bei Büchern, die in der realen Welt spielen, die Orte nicht finden kann. Alles in allem, war dieses unscheinbare Büchlein tatsächlich ein kleines Highlight für mich, das ich an anderthalb Tagen durchgelesen habe, denn es entwickelte einen so großen Sog, dass ich es kaum aus der Hand legen wollte. Definitiv werde ich nun mal schauen, was Ardone sonst so geschrieben hat. 》"Hab keine Angst, Oliva: Es ist wie beim Schneckensammeln", sagt mein Vater. "Man braucht Geduld und Verstand, denn Weichtiere haben genau wie andere rückgratlose Wesen ein besonderes Talent: sich verstecken und nicht erwischen lassen. Ein Talent für Feiglinge."《

Was wissen sie vom Freisein
Was wissen sie vom Freiseinby Viola ArdoneC.Bertelsmann