14. Apr.
Rating:4.5

Großes Lob an die Autorin dafür, dass sie es immer wieder schafft komplexe, historische Geschehnisse interessant und unterhaltsam rüber zu bringen. Zugegeben, es war nicht immer einfach, bei so vielen Orten, Menschen und Jahreszahlen die Orientierung zu behalten. Aber ich glaube sie hat es geschafft in das ganze Durcheinander wenigstens ein bisschen Struktur zu bekommen. Ich fand es sehr erfrischend, dass es nicht den einen Protagonisten gibt und irgendwie trotzdem Caroline im Mittelpunkt steht, die alles miteinander verbindet. Manchmal fühlte sich das Leben unserer Gruppe zwar wie eine schlechte Telenovela mit einem miesen Ende an, aber ihre Sicht auf die Welt und ihre Gedanken wirken noch heute nach. Mir gefällt außerdem sehr, dass die Menschen an sich im Vordergrund bleiben. Ihr Leben, ihr Alltag und das vermeintlich Nebensächliche was erzählt wird. Das macht einen Goethe zum Beispiel viel nahbarer, als im Deutschunterricht.

Fabelhafte Rebellen
Fabelhafte Rebellenby Andrea WulfC.Bertelsmann
21. Okt.
Rating:4.5

Ein zugänglich geschriebenes, atmosphärisch dichtes Sachbuch über die Romantiker in Jena, romanhaft erzählt, inspirierend, aber nicht immer tiefgehend. Perfekt als Einstieg in diese faszinierende Epoche.

Als ich Fabelhafte Rebellen aufschlug, fühlte es sich an, als würde ich durch die alten Gassen Jenas spazieren – im Schlepptau eine illustre Gesellschaft aus Goethe, Schiller und ihren Weggefährten. Die Luft schien noch nach Tinte und revolutionären Ideen zu duften, und ich ließ mich gerne mitziehen in diese kreative Epoche. Andrea Wulf hat hier etwas geschaffen, das sich zwischen Sachbuch und Roman bewegt, eine Art literarischer Spagat, der überraschend gut gelingt. Ich war sofort mittendrin in dieser Welt der Denker und Dichter, fühlte die Aufbruchsstimmung der Romantik, die Reibungen und Freundschaften. Wulf erzählt lebendig, fast romanhaft, und genau das macht dieses Buch zu einem angenehmen Begleiter. Es liest sich zugänglich, fast schwebend, und gerade diese Erzählweise hat mich immer wieder zu den einzelnen Figuren zurückgeführt. Die größte Stärke liegt in der atmosphärischen Dichte. Wulf versteht es, die Zeit und ihre Protagonisten greifbar zu machen. Ich mochte es sehr, wie sie die Geschichten miteinander verwebt und Jena als pulsierenden Mittelpunkt dieser Epoche inszeniert. Das Buch hat mich neugierig gemacht, so neugierig, dass ich nach dem Zuklappen tiefer in die Biografien der einzelnen Rebellen eingestiegen bin. Genau das zeichnet ein gutes Sachbuch aus: Es öffnet Türen statt sie zu verschließen. Gleichzeitig liegt hier auch die Schwäche. Wulf wählt bewusst einen zugänglichen, erzählerischen Ton, dass macht das Buch zu einem wunderbaren Einstieg, auch wenn tiefere philosophische Auseinandersetzungen manchmal außen vor bleiben. Wer sich schon etwas mit der Romantik beschäftigt hat, könnte an manchen Stellen mehr Substanz vermissen. Das Buch kratzt mitunter nur an der Oberfläche, bleibt oberhalb der komplexen literarischen und gedanklichen Schichten, die diese Zeit prägen. Es ist eine Einführung, ein Appetithappen, aber wer den großen Hunger stillen will, muss andernorts weiteressen. Am Ende fühlte sich Fabelhafte Rebellen an wie ein inspirierender Abendspaziergang durch vergangene Zeiten, mit guter Gesellschaft, aber ohne schweres Gepäck. Andrea Wulf gelingt es, die Romantik lebendig und zugänglich zu machen, auch wenn dabei die eine oder andere Nuance auf der Strecke bleibt. Für alle, die sich dieser Epoche nähern wollen, ohne in akademischer Schwere zu versinken, ist dieses Buch ein wunderbarer Einstieg.

Fabelhafte Rebellen
Fabelhafte Rebellenby Andrea WulfC.Bertelsmann
2. Juli
Rating:4.5

Eine kleine Zeitreise

Das Sachbuch von Andrea Wulf erzählt die Geschichte der SchriftstellerInnen der Frühromantik, also dem Jenaer Kreis, und damit auch den Aufstieg (bzw.) Abstieg Jenas als kulturelles Zentrum. Der Fokus des Werkes liegt auf den Lebensläufen, Beziehungen und Schicksalen der Schlegels, Schelling, Novalis und Co. und nebenbei werden dabei ihre Ideen vorgestellt. Wer einen stärkeren Blick auf die „Erfindung des Ichs“ sucht, wie es der Untertitel verspricht, wird nicht fündig. Mich hat das nicht so sehr gestört, denn dadurch ließ sich das Buch gut lesen und mir hat es besonders Spaß gemacht, in diese Zeit zurückversetzt zu werden und zu sehen, wie die Menschen damals gelebt haben. Allein am Anfang waren mir die Biografien von Goethe und Schiller zu sehr im Mittelpunkt, die natürlich für die Protagonisten eine zentrale Rolle spielen, aber nicht zu den Frühromantikern gehören.

Fabelhafte Rebellen
Fabelhafte Rebellenby Andrea WulfC.Bertelsmann
12. März
Rating:3

NICHT VOM NICHT-ICH ERZÄHLEN Die konstruktivistische Erkenntnis, dass wir unsere Welt immer durch unsere individuelle geprägte Wahrnehmung betrachten und entschlüsseln und dass die Behauptung, jemand verfüge über eine objektive Wahrheit demnach zumeist mindestens diskutabel erscheint, ist für uns gegenwärtig keine bahnbrechende. Gerade Zeiten, die von Fake News, identitätspolitischen Debatten und anderen Kämpfen um die Deutungshoheit unserer Welt geprägt sind, haben das Konzept des ICHs wieder vermehrte im Zentrum gesellschaftlicher Diskurse verankert. Andrea Wulf begibt sich mit ihrem erzählenden Sachbuch und Nachfolger des Bestsellers über Alexander von Humboldt auf die Suche nach dem Ursprung dieses Konzepts und meint diesem im Jena des ausklingenden 18. Jahrhunderts gefunden zu haben. Geprägt durch die gesellschaftlichen und ideele Beben, das die Französische Revolution in Europa entfacht hat, möchte die britisch-deutsche Autorin Wulf vom der idealistischen Subjektverständnis der Frühromantiker*innen erzählen und konzentriert sich dabei auf den sogenannten Jenaer Kreis, zu dem um 1800 mit dem Ehepaar Caroline und August Schlegel, Friedrich Schiller, Fichte und Schellig, Schiller und Tieck, Novalis und Hegel das Who is Who der Geistesgrößen jener Zeit gehörten. Geprägt durch Kants Gedanken, die von Fichtes „Ich-Philosohie“ weitergedacht wurde, legte diese Gruppe in diesen Jahren den Grundstein zu einer Gegenbewegung zum rationalistischen Aufklärungsdenken. Wulf erzählt kenntnis- und anekdotenreich die chronologische Geschichte der Gruppe, einer Geschichte, die von Freundschaften, Abneigungen, Neid und Eifersucht, Hilfsbereitschaft, Liebe, Kunst und davon, wie sehr sich Menschen kreativ gegenseitig beflügeln können, berichtet. Dabei versteht es die Autorin wie auch bereits in ihrem Humbold-Buch (der übrigens ebenso Goethe eine Nebenrolle spielt) unterhaltsam und für Laien nachvollziehbar ein Stück deutscher Kulturgeschichte aufleben zu lassen. Glücklicherweise tappt Wulfs Text aber nicht in die Falle ein weiterer Text über alte weiße Männer und deren Buddytum zu werden, sondern stellt vor allem mit Caroline Böhmer (später Schlegel bzw. Schelling) eine Frauenfigur ins Zentrum dieses Kapitel der Ideengeschichte, die maßgeblichen Einfluss auf die Gedankenwelt dieser Gruppe hatte. Bei aller Unterhaltung, die mir dieser Text brachte, löst er das Versprechen seines Titels leider nicht ein, denn am Ende verharrt dieser auf dem leicht seifenoperartigen Niveau der Beziehungen seiner Protagonist*innen und streift den zentralen Gedankengang, dessen Genese er laut Titel beleuchten will, nur sehr oberflächlich.

Fabelhafte Rebellen
Fabelhafte Rebellenby Andrea WulfC.Bertelsmann
15. Juli
Rating:5

Phantastisch!!! Ich kann gar nicht in Worte fassen wie gut dieses Buch ist. Obwohl es ein Sachbuch ist, ist es so lebendig geschrieben wie ein Roman.

"Fabelhafte Rebellen" beschreibt eine Zeit als einige der berühmtesten Denker Deutschlands sich in Jena aufhielten und ihre Ideen der Romantik entwickelten. Das beschreibt Andrea Wulf so lebendig, dass man denkt man ist selbst dabei. Goethe und Schiller sind nicht mehr langweilige Themen aus dem Deutschunterricht sondern Menschen, die lieben, hassen, sich freuen oder leiden. Ich musste mehrmals während des Lesens weinen, weil mich das Schicksal mancher Figuren so bewegte. Ich gebe eine definitive Leseempfehlung für diese wunderbare Zeitreise in die Jahre 1794-1806!!!

Fabelhafte Rebellen
Fabelhafte Rebellenby Andrea WulfC.Bertelsmann
16. März
Rating:4

Wer ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert hat, kennt das „Ich“ als Zentrum des Denkens. Mir begegnete es bewusst zum 1. Mal in den Einführungsvorlesungen meines Soziologiestudiums; vertieft in den anschließenden kultur- und literaturwissenschaftlichen Inhalten. Der Höhepunkt war eine meiner liebsten Vorlesungen über die englischen Romantiker und die diskursive Konstruktion von Identität. Doch das, was die frühen Romantiker ab dem Ende der 1790er Jahre in Jena revolutionär entwickelten, betrifft alle Menschen (Nicht-Ichs) – egal ob sie von dieser Gruppe an Dichter*innen und Denker*innen gehört haben oder nicht. In ihrem Buch stellt Autorin Andrea Wulf diese Jenaer Gruppe und ihr gemeinsames (mehr oder weniger) Leben vor: Goethe, Schiller, Novalis, Fichte, Schelling, Hegel, die Schlegel sowie die Humboldt Brüder, jedoch auch die Frauen in ihrem Leben – allen voran Caroline Schlegel –, die nicht minder beteiligt waren an den Werken der berühmten Männer. Der Rechercheaufwand der Autorin muss immens gewesen sein; ebenso, das alles so anzuordnen, dass es für die Leser*innen wirkt, als würden sie dem Leben in Jena beiwohnen: philosophischer Diskurs, dichterisches Schaffen, geselliges Beisammensein, eifriger Briefwechsel sowie Klatsch und Tratsch gehören dazu wie auch die politischen Entwicklungen der Zeit. Trotz der vielen Protagonist*innen liest sich das Buch leicht, teilweise sogar amüsant; manchmal jedoch hatte ich das Gefühl, dass Wulf sich zu sehr in kleinen Details verliert und sich einiges wiederholt, gleichzeitig aber in der Menge untergeht. Ich habe viel gelernt bei der Lektüre des sehr interessanten Buches, allerdings wird es seinem Titel nicht wirklich gerecht. Die titelgebende „Erfindung des Ichs“ wird nur beiläufig erwähnt und nicht weiter erörtert. Das ist schade, denn Wulf reißt vor allem im Prolog und im Epilog kurz an, wie wichtig die Idee des „Ichs“ gerade auch in der heutigen Zeit ist, beispielsweise im Kontext der Pandemie und des Klimawandels. Dennoch eine Leseempfehlung.

Fabelhafte Rebellen
Fabelhafte Rebellenby Andrea WulfC.Bertelsmann
5. Feb.
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Rating:5

Fabelhafte Rebellen – fabelhaftes Buch! Nachdem ich vor Jahren bereits „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ von Andrea Wulf als Hörbuch hörte und liebte, musste ich ihr neuestes Werk natürlich ebenfalls lesen, ja, studieren. Denn ich habe wahnsinnig viel unterstrichen, markiert und Notizen gemacht, während ich einen Monat mit dieser Lektüre verbrachte. Wie der Titel verrät, handelt dieses Sachbuch von den Ausgängen und der „Idee des freien Ichs“ (S. 20/21), der Individualität und eines selbstbestimmten Lebens, welche Ende des 17. Jahrhunderts in der kleinen Universitätsstadt Jena und von einer erlesenen Gruppe von Denker*innen (Goethe, Schiller, Novalis, Fichte, Schelling, Hegel, die Schlegel- sowie die Humboldt-Brüder und Caroline Schlegel) ihren Ursprung haben, auch als Reaktion auf die Französische Revolution, und unser Denken und Selbstverständnis bis heute prägen. In Zeiten von Corona (Andrea Wulf begann mit der Arbeit an diesem Buch bei Pandemieausbruch) und Querdenker*innen gewinnt diese Thematik natürlich zunehmend an Aktualität und Relevanz und die Autorin erklärt wunderbar, warum diese Revolution des Geistes nötig war, und was sie zugleich jedoch auch gefährlich macht. Wie schon der Vorgänger erfordert auch dieses Buch eine langsame, aufmerksame Lektüre, nicht zuletzt durch die vielen Fußnoten, ist aber nichtsdestotrotz extrem spannend zu lesen, stets mit einer gewissen Prise Humor, wie sie beispielsweise Zitate und Anekdoten gegenüberstellt. Anschaulich zeichnet Wulf den Alltag mit Worten als Kulisse für diesen Wendepunkt des menschlichen Denkens - das „Fundament unseres heutigen Denkens“ (S. 37). Wieder habe ich mich an Wulfs Detailverliebtheit erfreut, z. B. wenn sie Persönlichkeiten wie Goethe beschreibt. Sie wirft mit Zahlen und Vergleichen nur so um sich und erweckt damit die Epoche und Zeitgenoss*innen zum Leben. Auch die Aufmachung steht dem Inhalt in nichts nach; als erstes fallen die Karten im Umschlag auf, Bilder von Zeichnungen, Karten und Fotos in der Mitte des Buches unterstützen das Verständnis und geben uns Leser*innen Gesichter zu den wichtigsten Persönlichkeiten der Zeit und des Jenaer Kreises. Ein absolut lesenswertes Sachbuch, das uns alle angeht und so unterhaltsam geschrieben ist, dass es sich auch für Leser*innen eignet, die sonst selten zu diesem Genre greifen. Für mich erneut ein Highlight, das mir auch dabei half, viele verschiedene Persönlichkeiten, Literaturströmungen und mehr miteinander zu verknüpfen und für viele Aha-Erlebnisse sorgte. Übersetzt wurde diese Ausgabe aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. Herzlichen Dank an das Bloggerportal und den C. Bertelsmann-Verlag für dieses Rezensionsexemplar! TW: Tierversuche, Misogynie, Antisemitismus

Fabelhafte Rebellen
Fabelhafte Rebellenby Andrea WulfC.Bertelsmann