5. Jan.
kraftvoller Beitrag zur modernen Erinnerungsliteratur, der lange nachhallt und zum Nachdenken anregt.
Rating:3.5

kraftvoller Beitrag zur modernen Erinnerungsliteratur, der lange nachhallt und zum Nachdenken anregt.

"Buch der Gesichter" von Marko Dinic, letztes Jahr auf der Auswahlliste zum Deutschen Buchpreis, lässt mich sowohl sprach- aber auch ratlos zurück. Marko Dinic verwebt die Erinnerungen und Perspektiven von acht Charakteren zu einem anspruchsvollen, schockierenden und manchmal auch anwidernden Werk. Buch der Gesichter ist ein beeindruckendes, vielstimmiges Panorama über das Belgrad des Jahres 1942, in dem persönliche Erinnerungen und historische Schrecken zu einem dichten literarischen Geflecht verwoben werden. Marko Dinić gelingt es, durch acht sich massiv in Inhalt , Ton und Wortwahl unterscheidender Kurzgeschichten, aber den selben Zeitraum abdecken, nicht nur ein individuelles Schicksal, sondern ein ganzes Kapitel europäischer Geschichte eindringlich erfahrbar zu machen - das der Juden in Serbien. Die Sprache ist präzise und klar, zugleich poetisch und herausfordernd, wodurch das Buch tief unter die Haut geht. Zwar verlangt der komplexe Aufbau samt der vielfach verwendeten jugoslawischen Begriffe dem Leser einiges an Aufmerksamkeit ab, wird aber mit reich belohnender Tiefe belohnt. Insgesamt ist dies ein kraftvoller Beitrag zur modernen Erinnerungsliteratur, der lange nachhallt und zum Nachdenken anregt.

Buch der Gesichter
Buch der Gesichterby Marko DinićZsolnay, Paul
25. Okt.
Rating:3.5

Marko Dinić beschreibt in seinem Buch der Gesichter die Familiengeschichte von Isak Ras in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Isak ist in Serbien aufgewachsen. Es werden in acht Kapiteln verschiedene Perspektiven auf sein Leben beleuchtet. Schon allein die Einführung in den Roman und das Setting haben großen Eindruck auf mich gemacht. Die Handlung beginnt im Winter 1915 und Lastkarren fahren durch die Gassen. Sie sammeln erfrorene Landstreicher, aber mit selbem Gespann auch tote Tierkadaver ein, die an den Rändern der Straße liegen. Diese Gleichstellung von Mensch und Tier ließ mich sofort an das Thema der Menschenwürde denken, welches an verschiedenen Stellen weiter aufgegriffen wird. Es geht um zwei Weltkriege. Um Hunger. Den Umgang mit Verlust und Trauer. Um Hilflosigkeit und Angst. Und nicht zuletzt um Antisemitismus und Diskriminierung. Aber es geht auch darum, wie man Hoffnung schöpfen kann. Aus meiner Sicht ist der Roman sehr dicht erzählt. Die acht verschiedenen Perspektiven geben viele Eindrücke, die man erst einmal untereinander ordnen muss. Mir ist das vorgekommen wie ein großes Puzzle mit etlichen Teilen, welches am Ende ein großes Ganzes ergibt. Emotional war ich an vielen Stellen ziemlich ergriffen, sodass ich danach erstmal Zeit brauchte, um den Roman zu verdauen.

Buch der Gesichter
Buch der Gesichterby Marko DinićZsolnay, Paul
18. Sept.
Rating:5

Ein Sommertag 1942 in Serbien. Isak ist der letzte Jude im Land an diesem Tag, an dem Serbien für judenfrei erklärt wird. Seine Mutter Olga ist verschwunden, man weiß nicht, wohin. Die Nachbarn nehmen Isak zu sich auf und nennen ihn um, damit sein Name nicht auffällt. Wir nähern uns den Geschehnissen dieses Tages über 8 Kapitel, die aus 8 unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden und erfahren neben dieser spannenden Geschichte, die ein bisschen wie ein Rätsel ist, sehr viel über das serbische Judentum während der beiden Weltkriege, aber auch schon vorher, als die ersten Juden eine Vision von einem Leben in Palästina haben. Ich habe sehr viel in diesem Buch gelernt, was mir so noch nicht bewusst war. Teilweise waren die Schilderungen sehr grausam, aber sie gehören leider unweigerlich zur Geschichte dazu Gleichzeitig fand ich das Buch sehr spannend und vor allem richtig gut geschrieben. Alleine schon für das Kapitel aus der Sicht eines Rauhhaardackels hat Marko Dinic den Platz auf der diesjährigen Longlist absolut verdient. Ich bin froh, dieses Buch gelesen zu haben.

Buch der Gesichter
Buch der Gesichterby Marko DinićZsolnay, Paul
17. Sept.
Rating:5

Sehr bereichernde Lektüre!

Das Zentrale Thema des Buches ist der Holocaust in Serbien während des zweiten Weltkrieges. Darüber hinaus folgen wir manchen der Protagonisten auch in die Zeit des ersten Weltkriegs und Teile des Buches gehen auch zurück bis ins 19. Jahrhundert, um uns jüdische Geschichte des Landes nah zu bringen. Anhand vieler Perspektiven wird die Geschichte der Juden und anderer politisch verfolgter Das Zentrale Thema des Buches ist der Holocaust in Serbien während des zweiten Weltkrieges. Darüber hinaus folgen wir manchen der Protagonisten auch in die Zeit des ersten Weltkriegs und Teile des Buches gehen auch zurück bis ins 19. Jahrhundert, um uns jüdische Geschichte des Landes nah zu bringen. Zu Beginn eines jeden Kapitels muss man sich fragen: Wer bin ich, wann bin, wo bin ich und was bin ich (ja, auch diese Frage ist in dem Roman berechtigt!). Das macht die Lektüre etwas fordernd aber auch auf sehr positive Weise unvorhersehbar und vielschichtig. Mir hat das alles wunderbar gefallen, auch wenn es zum Teil anstrengend und keine leichte Lektüre war. Insgesamt eine sehr bereichernde Lektüre für mich!

Buch der Gesichter
Buch der Gesichterby Marko DinićZsolnay, Paul
3. Aug.
Rating:3

Eine fulminante Geschichte

Marko Dinić ist eine wichtige Brücke zwischen der serbischen Herkunft und der österreichischen literarischen Gegenwart. Sein Werk trägt maßgeblich zur Debatte um Identität, Versöhnung und Erzählbarkeit der Balkan‑Geschichte bei. Er gehört zu der Generation junger Intellektueller die eine literarische Grundlage bieten dunkle Flecken serbischer Geschichte aufzuarbeiten. In diesem Buch wirft er einen Blick auf das Leben von Juden in der serbischen Gesellschaft zwischen 1874 bis in die Jahre des Balkankrieges und schafft gleichzeitig einen beeindruckenden Text über die Identität Serbiens im 20. Jahrhundert. In dezentraler Erzählweise drehen wir uns immer wieder um Isak- der später Ivan heißt- und den Ort Zemun, der sich an die große Stadt Beograd angliedert. Isak ist der Sohn Olgas die, nachdem ihr Mann im ersten Weltkrieg an die Front muss, versucht, sich und ihr Kind durchzubringen. Die Umstände verlangen später, das ihr Sohn seinen Namen ändert, denn als Juden sind sie in der wechselhaften Geschichte Serbiens Antisemitismus in höchstem Maße ausgesetzt. Es spielt keine Rolle, wer gerade regiert, in den Augen der Herrschenden sind die Juden die Schuldigen für jegliches Ungemach und Unfrieden. Schon bald betreten auch Milan und Rosa die Bühne, zwei Anarchisten. Besonders Milan vollzieht eine Metamorphose vom ungebildeten Bauernjungen zu einem Mitglied der politischen Intelligencija. Als Olga verschwindet, nehmen Sie sich Isak/ Ivan an. Im Interesse der Protagonisten steht immer wieder die Hagada, ein wertvolles jüdisches Gebetbuch, das über alle Auseinandersetzungen hinaus gerettet wird und am Ende ein tragisches Schicksal erfährt. In 8 verschiedenen Kapiteln nehmen 8 unterschiedliche Figuren (teilweise in Konstellation) unterschiedliche Perspektiven ein. Dabei wird die Geschichte nicht chronologisch erzählt, was vor dem ersten Kapitel auch schriftlich erläutert wird. Dinić greift dabei durchaus zu sehr kreativen Mitteln. Er bringt sich manchmal als Erzähler mit ein, setzt Gedichte einzelnen Passagen voran, lässt einen Hund ein Kapitel lang den Text gestalten und auch ein realer Brief eines Onkels bekommt seinen Platz in der Lektüre, dient er doch als Vorlage für den eigentlichen Plot. Der ist allerdings eine Herausforderung. Die wechselnden Szenarien und Zeitebenen machten es mir bei der Fülle an historischen Informationen nicht leicht in den Roman einzutauchen. Manchmal dachte ich, ich wär in einem Sachbuch über serbische Geschichte gelandet. Den sehr literarischen Stil in den dialogarmen Teilen mochte ich sehr, solange er sich nicht im Klein-Klein verlor. Der Autor durchbricht dabei die gediegene Ausdrucksweise hin und wieder mit Kraftausdrücken, was dem Ganzen einen avantgardistischen „Wumms“ verleiht. Sätze wie: „Die deutschen Besatzer hatten Rosa in einen noch nie gekannten Höllenkreis gestoßen, in dem Mord, Totschlag und Verrat zur Moral erhoben wurden. Rosa glaubte, in der Willkür der Nazisten eine finstere Logik erkannt zu haben: Der aus Blut, Scheiße, und Svastika gezimmerte Nihilismus hatte ihr eine neue Wirklichkeit aufgedrängt in der– vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben – Widerstand sinnlos erschien.“ (S.152) . Solche Konstruktionen verlangen schon nach großer Aufmerksamkeit und das über mehr als 400 Seiten. Das liest man nicht mal soeben weg. Dieses Buch bedeutet also Arbeit zumal die historischen Informationen keine gängigen sind. Das Glossar, welches auch die ein oder andere Begrifflichkeit erklärt, hilft da nur bedingt weiter. Die Dialoge hingegen sind oft von einer so krassen Primitivität, dass sie meinem Empfinden nach einem starken Kontrast zur erzählenden Struktur bieten. Der Singsang der serbischen Sprache ist für eine Vatersprachlerin wie mich (kroatisch und serbisch unterscheiden sich nur im Dialekt) deutlich raus zu hören. Das funktioniert für mich literarisch allerdings nicht immer gut. Besonders das ständige „fi…dies, fi… das“ will im Deutschen nicht richtig zünden. Ich konnte nicht um hin, mir das Ganze im Kopf immer in die Originalsprache zu übersetzen, um dann zu merken, dass es sich hier viel passender anhört. Auch wenn mir das Lesen dieses Romans einiges abverlangt hat, hab ich doch genug Erfahrung, um zu erkennen, dass es sich hier um ein großartiges Buch handelt. Ich bin vielleicht nur nicht intellektuell genug, es in vollem Maße zu würdigen. Deshalb empfehle ich das Buch allen, die auf der Suche nach einer Herausforderung sind, vor reichhaltigen Texten nicht zurückschrecken und einen besonderen Faible für die Geschichte anderer Länder hegen.

Buch der Gesichter
Buch der Gesichterby Marko DinićZsolnay, Paul