
Mit „Schwarzer September“ beweist Sandro Veronesi erneut seine große Stärke: das Ineinandergreifen von persönlicher Erinnerung und historischer Wirklichkeit so fein zu erzählen, dass daraus weit mehr entsteht als eine klassische Coming-of-Age-Geschichte. Der Roman führt in den Sommer 1972 an die toskanische Küste, wo der zwölfjährige Gigio seine Ferien verbringt. Seine Welt ist zunächst überschaubar: Sport, Comics, Musik – und die ersten tastenden Schritte ins Erwachsenwerden. Doch mit dem Auftauchen der ein Jahr älteren Astel verändert sich alles. Zwischen gemeinsam übersetzten Songtexten, Schallplatten und langen Nachmittagen am Strand entsteht eine zarte, vorsichtige Nähe, die Veronesi mit großer Sensibilität schildert. Es ist diese erste Liebe, die gleichzeitig unschuldig und überwältigend ist, die den emotionalen Kern des Romans bildet. Was „Schwarzer September“ jedoch besonders macht, ist die ständige Überlagerung dieser intimen Geschichte mit den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen der Zeit. Der titelgebende Bezug auf die Terrororganisation Schwarzer September und den Anschlag während der Olympische Spiele 1972 verleiht dem Roman eine historische Schwere, die sich nach und nach auch in Gigios persönlichem Erleben niederschlägt. Die große Welt dringt unaufhaltsam in die kleine ein. Parallel dazu entfaltet sich eine zweite, ebenso erschütternde Ebene: ein Mordfall im direkten Umfeld der Figuren, in den Gigios Vater als Anwalt involviert wird. Spätestens hier kippt die sommerliche Leichtigkeit. Das Gefühl von Sicherheit beginnt zu bröckeln, moralische Gewissheiten geraten ins Wanken. Für Gigio markiert dieser Sommer den Verlust der kindlichen Unschuld – ein „schwarzer September“ im ganz persönlichen Sinn. Veronesis Sprache ist dabei zugleich detailreich und atmosphärisch dicht. Besonders eindrucksvoll ist, wie er den Zeitgeist der frühen 1970er-Jahre einfängt: die Musik von David Bowie oder Cat Stevens, das Lebensgefühl zwischen Aufbruch und Verunsicherung, die politischen Spannungen im Hintergrund. Diese Elemente wirken nie dekorativ, sondern sind organisch mit der Handlung verwoben. Auch die Figurenzeichnung überzeugt. Gigio als Ich-Erzähler blickt aus der Distanz des Erwachsenen auf seine Jugend zurück, was dem Roman eine reflektierende Tiefe verleiht. Astel bleibt dabei fast ein wenig geheimnisvoll – weniger als vollständig greifbare Figur, sondern vielmehr als Projektionsfläche für Gerechtigkeit, Begehren und Verlust. Die Elternfiguren wiederum spiegeln die gesellschaftlichen Spannungen ihrer Zeit und erweitern die Perspektive über das rein Persönliche hinaus. „Schwarzer September“ ist ein leiser, melancholischer und zugleich eindringlicher Roman über das Erwachsenwerden in einer Welt, die plötzlich ihre Unschuld verliert. Er erzählt von erster Liebe, von Schuld und Gerechtigkeit, von politischer Realität und persönlicher Erschütterung – und davon, wie ein einziger Sommer ein ganzes Leben prägen kann. Eine vielschichtige, atmosphärisch dichte Lektüre. Aus dem Italienischen von Karin Krieger.







