18. Okt.
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Was macht ihr normalerweise, wenn ihr bereits am Kissen horcht, der Schlaf aber einfach nicht kommen will? Hin und her wälzen bis die Müdigkeit euch irgendwann doch überrollt? Lesen, damit die Augen sich bald von ganz allein schließen oder etwas ganz anderes? Ich gehörte zum Glück zu den Menschen, die damit überhaupt keine Probleme haben. Sobald ich mich hinlege dauert es in der Regel fünf Minuten und weg bin ich und deshalb habe ich auch keine wirkliche Ahnung, wie ich mit dem Thema Schlaflosigkeit umgehen würde. Der Autor Ivo Andrić hingegen litt an ihr und hatte sich in seinen schlaflosen Stunden zahlreiche kurze Notizen gemacht – über das Leben an sich, das Altern, den körperlichen Verfall und die Insomnie. Und daraus hat Michael Martens, der auch Andrićs Biografie verfasst hat, nun dieses mir vorliegende Buch gemacht und soviel kann ich euch vorab verraten: Es war ein ganz klares Highlight 2020. Wir alle, Männer und Frauen, müssten besser aufpassen, was wir sagen, weil man nie weiß, wie lange und mit welchen Folgen ein jedes unserer Worte in einem anderen Menschen leben kann. (Seite 70) Wenn man Insomnia: Nachtgedanken zu lesen beginnt, erfasst einen sofort der Tonfall eines großen Schriftstellers und selbst wenn man vorher noch nie ein Werk von Ivo Andrić in den Händen gehalten hat, wird sehr schnell deutlich, dass seine Sätze Gewicht haben. Es ist ein schmales Buch, zugegeben, gelesen in wenigen Stunden, aber der Inhalt ist imposant, obwohl es nur Notizen sind. Kurz nachdem ich dieses Buch aufgeklappt habe, zückte ich schon die ersten Post-Its und je mehr Seiten verstrichen, leerte sich auch mein Vorrat an Klebezetteln exponentiell. Ich will das nur kurz erwähnen, denn ich glaube noch nie so viele Markierungen in ein Buch gesetzt zu haben wie hier und wenn ich könnte, würde ich euch wohl fast das komplette Buch zitieren. Aber es scheint, dass unsere Gedanken und unsere Gefühle mit den Jahren unmerklich unser Gesicht modellieren wie stilles, beharrliches Wasser die Erdoberfläche, und wenn das Alter heranrückt, tun sich auf ihm plötzlich unerwartete Furchen und Abgründe auf. Und jeder kann alles lesen, was für immer verborgen schien. (Seite 141) Herausgeber Michael Martens hat in Insomnia darauf verzichtet Andrićs Nachtnotate mit Jahreszahlen oder Hinweisen auf den jeweiligen Zeitpunkt ihres Entstehens zu versehen. So können die Texte aus sich heraus wirken ohne dass der Leser bestimmte Ereignisse mit ihnen verknüpft oder gar weiß, ob hier der dreißig- oder achtzigjährige Autor schreibt und bis auf wenige Ausnahmen, wenn er etwa über diverse Altersbeschwerden berichtet, bleibt das auch so. Anders als bei seinen Historienromanen wie Die Brücke über die Drina und Wesire und Konsuln zeigt sich Andrić hier von einer sehr privaten, intimen und verletzlichen Seite und selbst Leser, die diesen Autor vorher noch gar nicht auf dem Schirm hatten, werden von diesem kleinen Buch begeistert sein. Es ist speziell, ehrlich und anders und deswegen auch ein neues Highlight in meinem Regal.

Insomnia
Insomniaby Ivo AndricZsolnay, Paul