8. Nov.
Rating:3

Sexualisierte Gewalt, Machtverhältnisse und die Grenzen individueller Aufarbeitung

In „Er hat dich doch nicht mal angefasst“ setzt sich Franziska Saxler mit sexualisierter Belästigung und Machtmissbrauch im Arbeitskontext auseinander. Sie zeigt, wie subtil Grenzüberschreitungen beginnen, wie sie sich verfestigen und warum sie so selten Konsequenzen haben. Dabei beleuchtet sie sowohl rechtliche Aspekte als auch die Dynamiken in Organisationen, die Täter schützen und Betroffene isolieren. Das Buch ist klar strukturiert und gut lesbar, besonders in den Passagen, in denen Saxler konkrete Fälle beschreibt und die Mechanismen von Schweigen, Schuldumkehr und institutioneller Untätigkeit offenlegt. Allerdings bleibt die Analyse häufig auf der individuellen Ebene stehen. Es fehlt der systemische Blick darauf, wie Polizei, Justiz und andere Institutionen selbst Teil des Problems sind und wie tief patriarchale und ökonomische Strukturen Betroffene, vor allem Frauen*, benachteiligen. Saxler benennt Machtmechanismen, zeigt aber zu wenig, wie sie gesellschaftlich verankert sind und sich entlang von Kategorien wie Herkunft, Klasse oder Hautfarbe unterschiedlich auswirken. Zwar kommen marginalisierte Personen teilweise zu Wort, doch ihre Perspektiven bleiben eher ergänzend als grundlegend für die Argumentation. Saxler greift viele relevante Themen innerhalb sexualisierter Belästigung auf, geht dabei aber selten in die Tiefe. Wiederholungen nehmen dem Text stellenweise an Schärfe. Besonders im Kapitel über „Heilung“ wird deutlich, dass das Buch stark aus einer weißen, akademischen Perspektive geschrieben ist und sich vor allem an diese Zielgruppe richtet. „Er hat dich doch nicht mal angefasst“ ist ein wichtiges Buch, das das Thema sexualisierte Belästigung aus dem Schweigen holt und ein breites Publikum erreicht. Mit einer Bewertung von 3/5 ist es ein lesenswerter, aber nicht abschließender Beitrag zur Debatte über Macht, Verantwortung und den Umgang mit Gewalt in der Arbeitswelt.

»Er hat dich noch nicht mal angefasst«
»Er hat dich noch nicht mal angefasst«by Franziska SaxlerUllstein Buchverlage
24. Sept.
Rating:5

Ich höre regelmäßig und gerne den Podcast Trashologinnen, den Autorin Franziska Saxler gemeinsam mit zwei weiteren tollen Frauen hostet. Dort wird Psychologie leicht verständlich für alle anhand von Verhalten im Reality-TV erklärt - man muss den ganzen Kram aber nicht zwangsläufig selber gucken, um den Podcast zu genießen und viel zu lernen. Natürlich wollte ich dieses Buch unbedingt lesen. Auch der Autorin wegen, aber vor allem, weil mich das Thema sehr interessiert. Seit langem treiben mich sämtliche Formen von sexualisierter Gewalt und Übergriffigkeit um und ich lese alles, was ich dazu in die Finger kriege (hat natürlich einen Hintergrund, auch ich war und bin immer wieder betroffen). “Zahlen der WHO belegen, dass weltweit jede dritte Frau vergewaltigt wird oder häusliche Gewalt erlebt.” *Er hat dich noch nicht mal angefasst* habe ich praktisch weggeatmet. Neben konkreten Fällen und zwei Interviews gibt es viel Wissenswertes zu sexualisierter Belästigung allgemein. Der Fokus liegt hier darauf zu betonen, dass es eben nicht um Liebe und andere positive Gefühle geht, die einfach nur ungeschickt oder fehlgeleitet sind, sondern um Macht, Erniedrigung und sogar Entmenschlichung. Es gibt Erklärungen zu dem, was in solchen Situationen so in unserem Gehirn passiert. Reaktionen werden beleuchtet. Von Fight oder Flight haben sicher schon viele was gehört, Freeze wird zum Glück auch immer bekannter (Frauen frieren in Gefahrensituationen oft ein und können sich deshalb nicht wehren), aber Fawn war mir zum Beispiel auch komplett neu. Wieder was gelernt. Die Autorin ist inklusiv und intersektional. Marginalisierte Menschen sind besonders häufig betroffen und über den großen Elefanten im Raum wird auch nicht weg gesehen: “Ungefähr 85 Prozent der sexuellen Belästigung geschehen von Männern an Frauen. (...) Werden Männer belästigt, so geht das oft von anderen Männern aus.” Mir gefiel die klare Sprache, die Mischung aus eigenem Erlebnis, Hilfestellung, Betroffenenberichten und Aufklärung. Gängige Mythen über Belästigungssituationen werden gekonnt auseinandergenommen. Auch dass immer wieder Täterperspektiven eingenommen werden, ist ein riesen Problem, das angesprochen wird. Und obwohl der Fokus im Buch deutlich bei den Opfern bleibt, gibt es ein spannendes Kapitel zu den Beweggründen der Täter. “Männer belästigen mehr, wenn sie denken, dass ihre Männlichkeit bedroht wird.” Mich hat gefreut, dass auch Klassismus kurz angerissen und deutlich betont wird, dass es nicht nur Männer aus unteren Schichten sind, die belästigen, sondern sich das Problem quer durch alle Klassen zieht. Ich habe so viel gelernt und mitgenommen. Schon alleine das stärkt irgendwie total. Klar, es gibt (wie in jedem Sachbuch) einige Wiederholung, aber geschenkt. Einen Wunsch hätte ich jedoch. Es wird erwähnt, dass Menschen im Niedriglohnsektor besonders betroffen sind und dort vor allem Frauen arbeiten. Dazu heißt es im Buch: “(...) die Lebensrealitäten dieser Frauen sind jedoch weitgehend unerforscht.” Warum? Können wir das nicht ändern und mal den Scheinwerfer draufhalten? Die Autorin hat doch alle Möglichkeiten dazu. Dann würden auch die Bewältigungsstrategien im hinteren Teil des Buchs etwas anders ausfallen, weil die für viele Frauen nicht realisierbar und an unserer Lebensrealität vorbei sind (dafür ziehe ich aber keinen Stern ab, das Buch ist trotzdem großartig). Fazit: dieses Buch ist wirklich wichtig. Schenkt es bitte besonders euren Vätern, Brüdern, Freunden und Liebsten. Grade die müssen es lesen. (Das wünscht sich übrigens auch Interview-Partnerin Annelie Runge, die erste Frau, die in Deutschland in den 70ern gegen sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz geklagt hat, hier im Buch)

»Er hat dich noch nicht mal angefasst«
»Er hat dich noch nicht mal angefasst«by Franziska SaxlerUllstein Buchverlage