Sexualisierte Gewalt, Machtverhältnisse und die Grenzen individueller Aufarbeitung
In „Er hat dich doch nicht mal angefasst“ setzt sich Franziska Saxler mit sexualisierter Belästigung und Machtmissbrauch im Arbeitskontext auseinander. Sie zeigt, wie subtil Grenzüberschreitungen beginnen, wie sie sich verfestigen und warum sie so selten Konsequenzen haben. Dabei beleuchtet sie sowohl rechtliche Aspekte als auch die Dynamiken in Organisationen, die Täter schützen und Betroffene isolieren. Das Buch ist klar strukturiert und gut lesbar, besonders in den Passagen, in denen Saxler konkrete Fälle beschreibt und die Mechanismen von Schweigen, Schuldumkehr und institutioneller Untätigkeit offenlegt. Allerdings bleibt die Analyse häufig auf der individuellen Ebene stehen. Es fehlt der systemische Blick darauf, wie Polizei, Justiz und andere Institutionen selbst Teil des Problems sind und wie tief patriarchale und ökonomische Strukturen Betroffene, vor allem Frauen*, benachteiligen. Saxler benennt Machtmechanismen, zeigt aber zu wenig, wie sie gesellschaftlich verankert sind und sich entlang von Kategorien wie Herkunft, Klasse oder Hautfarbe unterschiedlich auswirken. Zwar kommen marginalisierte Personen teilweise zu Wort, doch ihre Perspektiven bleiben eher ergänzend als grundlegend für die Argumentation. Saxler greift viele relevante Themen innerhalb sexualisierter Belästigung auf, geht dabei aber selten in die Tiefe. Wiederholungen nehmen dem Text stellenweise an Schärfe. Besonders im Kapitel über „Heilung“ wird deutlich, dass das Buch stark aus einer weißen, akademischen Perspektive geschrieben ist und sich vor allem an diese Zielgruppe richtet. „Er hat dich doch nicht mal angefasst“ ist ein wichtiges Buch, das das Thema sexualisierte Belästigung aus dem Schweigen holt und ein breites Publikum erreicht. Mit einer Bewertung von 3/5 ist es ein lesenswerter, aber nicht abschließender Beitrag zur Debatte über Macht, Verantwortung und den Umgang mit Gewalt in der Arbeitswelt.

