
Übersetzt von Yasemine Dinçer, Hannes Meyer und Corinna Rodewald. Tränen können viele Ursachen haben. Sie sind ein Ausdruck von Trauer. Der Beweis, dass die Emotionen zu viel werden. Dass du das Gefühl hast etwas würde dir auf der Brust sitzen, das dich nicht loslässt, dass es tief in dir drin so weh tut, bis du dir endlich erlaubst die Tränen zu vergießen, damit die Heilung einsetzen kann. Tränen können aber genauso gut für Wut stehen. Für die ungeheuerlichen Ungerechtigkeiten, die tagtäglich passieren und denen du ohnmächtig gegenüber stehst. Du kannst nicht glauben, dass die Welt so sein kann. Dass sie das zulässt. Einfach so. Hier inmitten einer angeblich intakten Gesellschaft. Und so stehen deine Tränen auch für die eigene Handlungsunfähigkeit. Du glaubst, dass du es nie schaffen kannst, weil sich dir immer irgendetwas in den Weg stellt und du glaubst, dass du ganz alleine auf der Welt bist. Und genau an dem Punkt ändert sich etwas. Wenn du erkennst, dass deine Tränen eben auch für Hoffnung stehen. Dass du nicht alleine bist. Dass irgendjemand da draußen ist, der immer wieder aufsteht und für dich kämpft, für dich seine Stimme erhebt, nicht schweigt in dem Momenten, wo Schweigen schon fast eine gesellschaftliche Ordnung geworden ist... All diese Tränen hat Chanel Miller in ihrer Geschichte "Ich habe einen Namen" vergossen. In ihrer eigenen Geschichte, in der sie nach einer Studentenparty vergewaltigt wurde, den Täter vor Gericht bringt und beschreibt, wie es sich anfühlt das Gefühl zu haben nicht mehr in seinem Körper zu wohnen. Und ich habe mit ihr all diesen Tränen vergossen. Sie haben die Seiten durchweicht, haben Sie begleitet, als Sie jeden einzelnen Schritt, den Sie in ihre Vergangenheit gesetzt hat, bis ins Detail beschrieben hat. "Ich habe einen Namen" beweist wieder einmal was für enorme Kraft Worte haben können. Sie können dich in den Abgrund reißen, sie bringen dich dazu vor mit Wut zitternden Händen die nächste Seite umzublättern, obwohl du Angst hast davor, was die nächsten Worte in dir anrichten können. Doch du weißt, dass es wichtig ist. Du weißt, dass es wichtig ist diesen Weg bis zum Ende zu gehen. Weil sie gesagt werden und aufgeschrieben werden mussten, um die richtigen Menschen zu erreichen und Trost und Kraft zu spenden in den Zeiten, in denen man glaubt das innere Leuchten würde nie wieder erstrahlen. Chanel Miller hat etwas Beständiges, etwas nicht Wegzuredenes und unfassbar Wichtiges erschaffen in den Zeiten, in denen sie geglaubt hat, dass ihr eigenes Ich es nicht wert ist, hat sie diesen eigenen Inneren Wert in der Kraft des geschriebenen Wortes gefunden und so ein wertvolles Zeitdokument erschaffen, das niemals vergeht und aus dem immer Hoffnung, Kraft und Trost gezogen werden kann. "Und schließlich an alle Mädchen da draußen: Ich bin bei euch. In den Nächten, in denen ihr euch einsam fühlt: Ich bin bei euch. Wenn jemand euch anzweifelt oder abtut: Ich bin bei euch. Ich habe jeden Tag für euch gekämpft. Hört ihr also auch nicht auf zu kämpfen, ich glaube euch. (...) Ich kann zwar nicht jedes Boot retten, aber ich hoffe dadurch, dass ich heute hier gesprochen habe, konntet ihr ein wenig vom Licht in euch aufnehmen, das leise Wissen, dass ihr nicht zum Schweigen gebracht werden könnt, die leise Befriedigung darüber, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wurde, die leise Gewissheit, dass wir weiterkommen und das lautstarke Wissen, dass ihr bedeutend seid, und das ist unbestreitbar, ihr seid unantastbar, ihr seid wunderschön, ihr sollt geschätzt werden und respektiert, ohne jeden Zweifel, jede Sekunde an jedem Tag, ihr seid stark, und das kann euch niemand nehmen." Chanel Miller










