Oh je, nicht meine Geschichte, vermutlich muss ich eher sagen, nicht meine Figuren. Wenn sich das Buch nicht so schnell und leicht hätte lesen lassen, immerhin ist es 80 Jahre her, dass es geschrieben wurde, hätte ich es wohl abgebrochen. Weiß nicht wirklich, was mir das Buch hätte geben können. Ausführliche Rezi folgt
Das Buch „Englische Liebschaften“ von Nancy Mitford ist über die jährliche Wanderbuchrunde im Buchrebellin-Forum zu mir gekommen. Allein die Tatsache, dass das Buch vor 80 Jahren geschrieben wurde, hätte mich schon abgeschreckt es zu lesen und der Titel hätte mich in der Befürchtung einen Liebesroman zu lesen schon schreiend wegrennen lassen. Aber die Idee, diesen Roman von Nancy Mitford auf die Reise durch das Forum zu schicken, finde ich spannend, denn die Autorin ist die Schwester von Unity Mitford, deren Biografie als glühende Hitler-Verehrerin wir vor zwei Jahren über die Wanderbuchrunde gelesen haben. Mit diesem und zwei weiteren Romanen portraitiert die Autorin anhand fiktiver Figuren ihre sehr illustre aber auch schwer zu ertragende Familie. Vom Ambiente, den Kreisen, in denen wir uns hier bewegen und auch zeitlich gesehen, hatte ich immer wieder Downton Abbey vor Augen und das ist eigentlich etwas, was ich ganz gerne beobachte – wenn auch lieber als Serie sehe und nicht zwingend gerne lese. Die Mitglieder der Familie Radlett jedoch waren dermaßen oberflächlich, blass und größtenteils unsympathisch und im Fall von Linda, der Protagonistin auch dermaßen egozentrisch, dass ich eher das Gefühl hatte bei nervigen Jane Austen-Romanen (allerdings im 20. Jahrhundert) zu sein. Wenn überhaupt, könnte ich maximal in der ein oder anderen Randfigur (Lord Merlin, Tante Emily) Sympathieträger finden, deren Rollen zwar nicht unbedeutend, aber letztlich doch zu klein und zu dahingeworfen auf mich wirkten. Aus diesen Figuren hätte man mehr machen können, aber es sollte ja um Linda gehen und Linda ist ein Fall für sich. Wie ein Mensch so dermaßen egozentrisch und weltfremd angesichts der schlimmen Zeit in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts sein kann, wie Linda, kann ich nicht verstehen. Sie war für mich nur schwer zu ertragen. Aber immerhin habe ich trotz des Titels und des Klappentextes keine Liebesgeschichte zu lesen bekommen, was aber daran liegt, dass Linda nicht fähig ist wirklich zu lieben – maximal sich selbst, aber auch das bezweifle ich. Selbst dafür ist sie viel zu oberflächlich. Sie lernt nichts aus ihrem Leben oder aus den Erfahrungen ihrer Tante (Fannys Mutter), sie macht keinerlei Entwicklung durch und dreht sich völlig weltfremd und naiv nur um sich und ihr Glück im Leben. Dadurch wirkt nicht nur Linda sondern die ganze Geschichte des Romans sehr belanglos auf mich. Spannenderweise empfinde ich den Schreibstil von Nancy Mitford als verhältnismäßig gut gealtert. Es hat sich gut und schnell lesen lassen und mitunter habe ich gar nicht gemerkt, wie schnell ich durch die Seiten geflogen bin. Die Autorin hat sich guter Bilder bedient und es gab auch richtig gut geschriebene Absätze in dem Buch. Schreiben konnte sie also und vermutlich war es pure Absicht die Figuren so überspitzt darzustellen. Aber genau das war halt nicht mein Fall. Aber wenn man das im Blick behält und bedenkt, in welcher Zeit, in welcher Gesellschaftsschicht und in welchem Milieu wir uns befinden, dann war es ganz nett für zwischendurch – mehr aber auch nicht. Da habe ich wohl höhere Ansprüche an meinen Lesenstoff. Selbst als Lektüre gewählt hätte ich mir das Buch nicht und wenn es irgendwie möglich wäre, dann würde ich den Mitford-Clan jetzt literarisch gerne für mich abhaken und möglichst nicht noch ein Buch von oder über diese Familie lesen müssen – auch wenn ich die Biografie über Unity Mitford richtig gut, inhaltlich jedoch eher verstörend fand.
