In seinem zweiten Buch erzählt der preisgekrönte britische Sachbuchautor Robert Macfarlane von seinen Reisen in die letzten echten Wildernisse Großbritanniens und Irlands. Dabei durchläuft er sämtliche Landschaftsformen Großbritanniens, nach denen das Buch auch in Kapitel unterteilt ist, etwa Buchenwald, Moor, Flussmündung, Gipfel oder Salzmarsch. Erwartungsgemäß sind die meisten dieser Orte in Schottland und Nordengland zu finden, doch auch der Süden ist nicht frei von Orten, an denen sich die Natur frei entfalten kann, auch wenn sie teilweise nicht sehr weitläufig sind: Schon eine Hecke in einem in Ruhe gelassenen Waldstück kann eine Wildnis sein. Robert Macfarlane ist tatsächlich ein echter Naturbursche, ich muss gestehen, dass ich selbst, die ich mich als Naturfreundin bezeichne, niemals so nahe an der Natur sein könnte wie er. Zu jeder Jahreszeit springt er zum Schwimmen ins Wasser, wo immer es welches gibt. Er übernachtet im Freien, auch im Regen, errichtet sich ein Biwak an vermeintlich unwirtlichen Stellen, wenn sie nur ein wenig Schutz bieten. Daran musste ich gestern denken, als ich eine Wanderung entlang beeindruckender Felsen im Kirkeler Wald machte – die Felsüberhänge dort wären für Macfarlane wahrscheinlich perfekte Biwakplätze, während es mich bei der Vorstellung grauste – mit allzu viel Schmutz und Insekten möchte ich dann doch keinen direkten Kontakt. Das zeigt mir, wie recht Macfarlane hat, wir haben unsere Verbindung zur Natur größtenteils verloren. „We have in many ways forgotten what the world feels like. And so new maladies of the soul have emerged, unhappinesses which are complicated products of the distance we have set between ourselves and the world.“ (Seite 203) Auch wenn die Verbindung zur Natur bei Macfarlane sicher sehr eng ist, macht auch er negative Erfahrungen, so fühlt er sich in der auf einem Berggipfel verbrachten Nacht unwillkommen. Eine Rolle spielt in „The Wild Places“ auch die Freundschaft mit Roger Deakin, der ebenfalls ein auf die Natur spezialisierter Autor war und leider noch während Macfarlanes Reisen für das Buch verstarb, das Buch ist ihm gewidmet. Was Macfarlanes Buch zu einem besonderen unter den Naturbüchern macht, ist die Kraft seiner Sprache, die eine magische Faszination auf die Leserin ausübt, Sätze wie „I could feel a silence that reached backwards to the Ice Age.“ (Seite 60) etwa oder „We stood blinking, wringing the light from our eyes.“ (Seite 233) Diese Sprache in Verbindung mit faszinierenden Naturerlebnissen macht das Buch so lesenswert und weckte in mir den Wunsch, auch alle anderen Bücher von Robert Macfarlane zu lesen. Und besonders kommt die Sprache zur Geltung, wenn es darum geht, dass der Mensch die Natur um seiner selbst willen schützen muss, wir sind es schließlich, die von der Natur abhängig sind. „The contemporary threats to the wild were multiple, and severe. But they were also temporary. The wild prefaced us, and it will outlive us. Human culture will pass, given time, of which there is a sufficiency. The ivy will snake back and unrig our flats and terraces, as it scattered the Roman villas. The sand will drift into our business parks, as it drifted into the brochs of the Iron Age. Our roads will lapse into the land.“ (Seite 317)
28. Sept.Sep 28, 2022
Karte der Wildnisby Robert MacfarlaneUllstein Taschenbuch Verlag
