Christian Baron vermittelt mit seiner Geschichte und seiner Sicht eine Sache: die Menschen sind nur Teil ihrer Klasse. Wenn der Staat, eine Stadt und eine Gesellschaft schlechter gestellte Menschen vernachlässigt entstehen Geschichten wie diese. Christian entzieht dabei seinem Vater nicht die Verantwortung für sein Handeln, aber er ordnet sein Leben in einen Gesamtkontext.
Ich fand das Buch besonders spannend, weil es auch Kaiserslautern als Stadt charakterisiert. Wenn man sich die Wahlergebnisse anschaut oder die Stadt als Ganzes, wundert es einen nicht, dass solch eine Geschichte kein Einzelfall ist, sondern System hat. Und es zeigt, wie schwer es ist für ein Kind der unteren Schicht raus zu kommen und welche Konflikte es innerhalb der Familie auslöst.
Generell haben mich Bücher selten so sehr mitgerissen wie dieses hier. Ganz besonders war es hier aber der letzte Absatz, der es für mich von einer sehr sehr guten zu einer herausragenden Erzählung macht💫✨️
Christian wächst zusammen mit seinem Vater, seiner Mutter und seinem ältern Bruder Benny Mitte der 1980er in Kaiserslautern auf. Sein Vater ist Hilfsarbeiter und würde es geradeso schaffen, seine Familie zu ernähren, wäre da nicht sein Alkoholismus.
Die Familie lebt in Armut. Das bedeutet Hunger, gesundheitliche Beeinträchtigungen, Ausgrenzung, Chancenlosigkeit, Gewalt.
Das Buch scheint mir sehr autobiographisch zu sein. So ist auch die Sprache, sie berichtet. Offen, nicht beschönigend, radikal und ehrlich.
Ein wertvolles Buch, weil es einen Teil der Gesellschaft zeigt, der gerne geleugnet wird.
Mich hat das Buch sehr berührt, es war zugänglich geschrieben, hat mich zwischendurch ganz schön schlucken lassen und nachdenklich gestimmt. Für mich ein krasses Lesehighlight!
Die Geschichte von Christian Baron zeichnet ein typisches Bild der Arbeiterklasse und die Lebensrealität darin. Das diese Themen gehört und gesehen werden ist unglaublich wichtig und das Buch daher auch mit Mehrwert verbunden.
Was ich kritisieren möchte, ist der meiner Meinung nach unreflektierte Umgang mit allen gängigen Fremdbezeichnungen für Minderheiten. Selbst als stilistisches Mittel hätte es eine Einordnung gebraucht. Zweiter Kritikpunkt ist die sprunghafte Erzählweise.
Ansonsten nahezu sachliche Schilderung der Erlebnisse und definitiv keine Zeitverschwendung.
Ein Mann seiner Klasse ist die Geschichte von Christian Baron und seiner Familie. Vor allem von seinem alkoholkranken und gewalttätigen Vater. Episodenhaft erzählt er das Aufwachsen in Kaiserslautern in Armut. Ein Alltag, der von Gewalt, Hunger und Alkohol geprägt ist. Das Gefühl eines liebenden Kindes, welches glaubt, nicht gut genug zu sein. Und gleichzeitig ein Gefühl von Liebe, aber falscher und toxischen Liebe zum Vater, welche der Sohn im Alter erkennt und deswegen nicht Abschied von seinem sterbenden Vater nehmen kann. Die ersten Jahre wächst er noch gemeinsam mit Mutter und Vater und seinen Geschwistern auf. Nachdem die Mutter stirbt, nimmt die Tante die Kinder auf und wird vom Jugendamt betreut.
Das war eine heftige Geschichte, auch wenn sie sehr nüchtern erzählt wird und dadurch die Gewalt nicht so gewaltvoll zu mir durchdringt, musste ich doch öfter mal innehalten und überlegen, welch Grausamkeit ich da gerade gelesen habe. Und trotzdem bin ich durchgerauscht und hab bemerkt, wie schwer es ist, aus seiner Klasse rauszukommen. Aber auch wie schwer es ist, in seiner Klasse anders zu sein. Wichtiges Buch.
S.105 „Geht mal mittags in die Stadt: Die Ausländer kriegen ihren Mercedes , und die Deutschen müssen Bus fahren. War scheiße, was die Nazis damals gemacht haben, aber muss man deswegen jetzt uns unterdrücken?“
S.227 „Bei Tante Juli fehlte es uns an nichts, wir bewohnten sogar ein richtiges Haus, und trotzdem waren wir in einem „sozialen Brennpunkt“ gelandet, einem „sozialen Brennpunkt“ im Herzen der bürgerlichen Idylle. Ihren Protest gegen die Neuankömmlinge hatten die Etablierten verloren, und so blieb ihnen einstweilen nicht anderes übrig, als ihren Sprösslingen das Spielen mit den Schmuddelkindern strengstens zu verbieten.“
S.248 „Dabei fühlte ich mich bei Tante Ella geborgen. Nie sagte sie, ich würde mich für was Besseres halten. Nie behauptete sie, ich sei schulschlau und lebensdumm. Nie machte sie sich darüber lustig, dass ich mich umständlich ausdrücke.“
In kurzen, nicht chronologischen Episoden berichtet der Autor schonungslos und sehr ehrlich über sein Aufwachsen in Armut, von der man nicht glauben will, dass sie in einem Land wie Deutschland existieren kann, über die Vorverurteilung durch Behörden und Mitmenschen, über das Gefühl des Nicht-dazu-Gehörens, nachdem man seiner Klasse entflohen ist.
Besonders berührt hat mich die komplexe und differenzierte Betrachtung der Beziehung zu seinem Vater, die von Gewalt geprägt war - trotzdem werden auch die schönen Erinnerungen offenbart, was zu einer Ambivalenz führt, die nur schwer erträglich ist. In diesem Zusammenhang wird auch die Frage aufgeworfen, inwieweit man das Produkt seiner Umwelt ist.
Eine klare Leseempfehlung, auch wenn es thematisch keine leichte Lektüre ist.
Sehr rational schreibt der Autor, der trotz seiner Herkunft studiert hat und den vorgezeichneten Weg verlassen hat. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern.
Und trotzdem schafft er es, seine Kindheit zu beschreiben, dass man den Vater am liebsten selbst aufgehalten hätte.
Schonungslos schildert Christian Baron sein Aufwachsen im Arbeitermilieu Kaiserslauterns. Sein Vater, das magnetische Feld des Romans rundum die Hauptfigur Christian, ist alkoholkrank und impulsiv und ein Mann seiner Klasse. Stört er sich zwar am Verhalten seines Vaters, kann er sich doch nicht selbst erheben aus den vorgelebten Mustern der Schublade, in der er steckt. Die eigentlich begabte und feinsinnige Mutter wird an der Seite ihres gewalttätigen Mannes depressiv. Christian und seine drei Geschwister werden vernachlässigt und wachsen in sozialer und ökonomischer Armut auf. In dieser prekären Armut findet Christian aber immer wieder kulturelle Schätze, die ihn bilden. Sie bilden ihn dazu, sich endlich zu erheben, sich von seiner sozialen Herkunft zu befreien, aus seiner Klasse aufzusteigen.
Doch wie blickt man dann zurück auf seine Familie? Und wie blickt die Familie auf einen solchen „Klassenflüchtling“?
„Ein Mann seiner Klasse“ hat mich mit voller Breitseite erwischt. Authentische Geschichten aus der „Unterschicht“ voller physischer und psychischer Gewalt gibt es zu Genüge, und dieser autobiografische Roman reiht sich da ganz weit vorne ein. An Barons Text hat mir aber vor allem der Weitblick gefallen, das Reflexive, das Differenzierte. Kann man einem schlechten Vater verzeihen, weil er halt die Rolle seiner Klasse gespielt hat? Kann man seiner sozialen Herkunft je ganz entkommen?
Dieses Buch ist in einem Land, in dem die soziale Herkunft nahezu jede Biografie vorverurteilt, eine absolute Pflichtlektüre, weil sie schonungslos, echt und dabei konstruktiv und differenziert ist. Es ist stark und fein zugleich geschrieben. Ein Highlight, das mich noch lange beschäftigen wird!
Schockierend auf so vielen Ebenen, berührend auf mindestens genauso vielen Ebenen. Sehr wichtiges Thema, sehr interessante Perspektiven und gut geschrieben.
Ich tue mich schwer, damit Autobiografien mittelmäßig oder schlecht zu bewerten. Aber leider konnte mich diese Geschichte einfach nicht packen. Wie andere schon geschrieben haben, wirkt sie wie eine ungefilterte Aneinanderreihung von Ereignissen einer schwierigen Kindheit. Es ist vergleichbar mit dem Lesen verschiedener Einträge einer Akte des Jugendamtes.
Joa, kann man lesen, muss man aber nicht.
Es hat mich zu keiner Zeit richtig ergreifen können. Hab es ganz nüchtern runter gelesen, was ich dem Stil „ankreide“.
Es war eine wilde Aneinanderreihung der Kindheitserinnerungen.
Mit schonungsloser Ehrlichkeit berichtet Christian Baron von seiner Kindheit und dem Heranwachsen in Armut in den 80er bis 00er Jahren in Kaiserslautern.
Von seiner depressiven, früh an Krebs verstorbenen Mutter. Seinem gewalttätigen, alkoholkranken Vater.
Seinen drei Geschwistern. Seiner Tante, die nach dem Tod der Schwester deren Kinder bei sich aufnimmt, weil sie es so versprochen hat. Wie es ist, als erster in der Familie Abitur zu machen und zu studieren. In einer Familie, der keiner inklusive des Jugendamts so recht etwas zutraut. Von Scham und Stolz. Von Hass, aber auch von Liebe und Vergebung.
Starkes und bewegendes Buch, aber auch hart, unbequem und aufwühlend. Respekt.