3. Feb.
Rating:3

Mein erstes Buch von Joan Didion. Ich glaub ich brauch ein weiteres, um herauszufinden, ob ich ihre Beobachtungen wirklich mag. Es sind Notizen ihrer Reise in den amerikanischen Südstaaten. Kleine, beiläufige Bemerkungen, die so viel über die Gesellschaft aussagen. Ein Porträt von Landschaften und Menschen, die den Riss durch Amerika aufzeigen. Möglicherweise hatte ich andere Erwartungen, doch irgendwie erschienen mir die Notizen etwas zu nüchtern. Und ich hab nichts Neues dazugelernt. Vermutlich liegt es daran, dass Didions Beobachtungen aus den 1970er Jahren stammen, in denen sie besonders präzise waren. Ich hingegen, als jüngstes Mitglied der Generation X, habe bereits zahlreiche Filme, Serien und Musik erlebt, die die Ungerechtigkeiten und Unterschiede in Amerika viel deutlicher und klarer dargestellt haben. Aber ich mag ihren nüchternen Stil, erinnert mich ein wenig an Ernaux. Oder Ernaux erinnert mich an Didion, liegt im Auge der Betrachterin. Allerdings habe schon einiges von Ernaux gelesen, doch von Didion nur diese Notizen – deshalb wird das sicher nicht mein letztes Buch von ihr sein, denn ihren Stil mag ich. S.60 „Schilder mit Coca-Cola, die Wirtschaftsschule des Mittleren Südens, die Townsend-Hochschule für Kosmetologie und das geschlossene Hotel Lamar. […] Ich hatte einen Termin mit Mrs. Lewis, der Direktorin der Wirtschaftsschule des Mittleren Südens, aber als ich ankam, waren die Türen abgeschlossen. Ich stand eine Weile auf den kühlen Fluren des Lamar-Gebäudes, ging hinunter, trank eine Coca-Cola und ging wieder hinauf, aber die Türen waren immer noch abgeschossen. Wir hatten einander missverstanden oder auch nicht.“ S.74 „Anmerkung: Mich daran erinnern, dass es 1942 in Durham etwas gab oder dass behauptet wurde, es gäbe etwas, das Schubstag gennant wurde, wenn Schwarze auf der Straße Weiße schubsten. Am Schubstag vermieden es die Leute, in der Innenstadt einkaufen zu gehen, was entweder am Dienstag oder Mittwoch war. Und es gab die Zeit in Durham, als meine Mutter, mein Bruder Jimmy und ich den Bus hinaus nach Duke nahmen und der Fahrer nicht losfahren wollte, weil wir im hinteren Teil des Busses saßen.“ S.99 „Die Bohne lässt Mississippi an vielen Stellen wie eine unheilvolle, künstlich beschnittene Landschaft aussehen. Und überall die Friedhöfe mit ihren Platterbsen aus Plastik auf den Kindergräbern. Der Tod ist im Süden noch immer etwas Naturgegebenes und Allgegenwärtiges, was er in den urbanen Teilen des Landes längst nicht mehr ist, wo die Friedhöfe Beerdigungsparks sind und auf ungenutztes oder nicht nutzbares Land außer Sichtweite verbannt wurden.“ S.103 „Im Universitätsbuchladen, der sich als einziger Ort in Oxford erwies, wo man ein Buch kaufen konnte (mit Ausnahme einer Drogerie auf dem Marktplatz, die einige Regale mit Taschenbüchern besaß), waren die einzigen Bücher, die es außer der universitären Pflichtlektüre gab, eine Handvoll populärer Bestseller und einige (keinesfalls alle) Romane von William Faulkner.“

Süden und Westen
Süden und Westenby Joan DidionUllstein Taschenbuch Verlag